Bremen In Zeitlupe gen Katastrophe

Ein Auto fährt von rechts nach links durch eine schneeweiße Hügellandschaft. 1:30 Minuten dauert diese Einstellung in der TV-Serie „Fargo“.
14.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
In Zeitlupe gen Katastrophe
Von Milan Jaeger

Ein Auto fährt von rechts nach links durch eine schneeweiße Hügellandschaft. 1:30 Minuten dauert diese Einstellung in der TV-Serie „Fargo“. Es passiert eigentlich nichts, die Szene zieht sich und doch ist sie spannend, weil der Betrachter das Auto erst nach und nach komplett zu sehen bekommt.

Ein ähnlicher Spannungsbogen trägt Richard Russos Roman „Diese gottverdammten Träume“. Mit dem Unterschied, dass er sich in dem Ostküsten-Epos durch 752 Seiten zieht. Das bedeutet vor allem: Entschleunigung. In aller Ruhe seziert Russo, der für sein Werk bereits im Jahr 2002 den Pulitzer-Preis erhielt, den unaufhaltsamen Abstieg einer fiktiven Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine: Empire Falls. Russos Protagonist ist der behäbige Miles Roby. Als „Paradebeispiel für besonnenes Navigieren“ wird Miles beschrieben. Besonnen navigiert auch Russo den Leser durch seinen Roman.

Aus heutiger Perspektive – unverständlicherweise wurde der Roman erst jetzt ins Deutsche übersetzt – hat es den Anschein, als habe sich Russo von US-Serien-Erfolgen vergangener Jahre inspirieren lassen. Doch tatsächlich stammt „Diese gottverdammten Träume“ aus der Anfangszeit des Serien-Booms. Russos Panorama-Roman wiederum wurde bereits als TV-Serie adaptiert, der Autor schrieb selbst das Drehbuch, das Ergebnis erhielt einen Emmy und zwei Golden Globe Awards.

Das Schicksal der Kleinstadt Empire Falls wird seit Generationen von der Familie Whiting gelenkt. Die Hemdenfabrikanten geben den Bewohnern Arbeit und finanzieren mit ihrem Geld die Infrastruktur. Es ist ein wichtiger Aspekt dieser Geschichte, dass die Whitings schließlich an ihrer eigenen Hybris zugrunde gehen: Der glücklose Spross Charles Beaumont ließ einst den Fluss, der durch Empire Falls fließt, umleiten, weil er zuvor „kaputte Reifenschläuche, Radkappen, Milchkartons, verrostete Konservendosen“ und zu guter Letzt sogar einen verwesenden Elchkadaver an sein Grundstück spülte. Der Eingriff in den natürlichen Lauf der Dinge lässt den Knox River allerdings noch unberechenbarer werden, und so reißt er Jahre später, als er einmal besonders weit über seine Ufer tritt, Charles Beaumonts Mutter Francine mit sich fort. Die Natur beziehungsweise Gott hat gewonnen. Charles Beaumont selbst hat sich schon zuvor das Leben genommen.

Derlei Episoden und Erinnerungen an Miles‘ Kindheit, bilden den Stoff für Rückblenden. In der erzählten Gegenwart versucht Miles zwischen dem Führen des Diners, dem Streit mit seiner künftigen Ex-Frau und den Problemen seiner Teenager-Tochter, den Kopf über dem Wasser zu halten. Einst hatte er Empire Falls verlassen, um aufs College zu gehen. Doch als seine Mutter Grace Roby krank wurde, fädelte es Francine Whiting so ein, dass er in ihrem Diner, für das sie dringend Verstärkung benötigte, arbeiten konnte, um so seine Mutter pflegen zu können. Grace hatte sich immer geschworen, ihr Sohn werde aus dem Kaff herauskommen und es eines Tages besser haben als sie selbst. Doch wegen ihrer Krankheit wird aus diesem Traum nichts. Wie aus so vielen anderen Träumen auch.

In manchen Szenen strahlt die Handlung, so klar formuliert Russo. Dann wieder liegt die Assoziation zu Edward Hoppers berühmtem Gemälde „Nighthawks“ allzu nah, auch wegen der Wahl eines Diners als Angelpunkt der Geschichte. Dort läuft das komplexe Beziehungsgeflecht namens Empire Falls zusammen.

In Miles‘ Diner kommt jeder. Von dort aus entspinnt sich die zaudernde Gedankenwelt des Protagonisten. Eigentlich trägt er sich schon lange mit dem Gedanken, der Besitzerin des Diners, Francine Whiting, vorzuschlagen, eine Alkohol-Lizenz zu erwerben. Mit einer solchen ließen sich, so die Kalkulation von Miles‘ Bruder, der auch im Diner arbeitet, die Einnahmen vervielfachen. Doch Miles schiebt es immer wieder auf, seiner diktatorischen Gönnerin von der Idee zu berichten.

Russo stellt eine Parallele zwischen dem Verfall von Empire Falls und Miles‘ Seelenleben her. Miles, der Empire Falls einst verlassen hatte, später aber zurückzukehrte, spielt mit dem Gedanken, die Relikte alter Zeiten abzureißen: „Andererseits, überlegte er weiter, würden, wenn man die Vergangheit niederriss und reinen Tisch machte, weniger Menschen sie mit der Zukunft verwechseln, und das wäre doch schon mal etwas.“

Einmal entdeckt er im Büro der Planungskommission ein verklärendes Modell von Empire Falls, wie es im Jahr 1959 ausgesehen haben soll. „Und der Fluss, an dem die beiden Gebäude standen, war in der Modellversion himmelblau. Das war nun wirklich komisch, dachte Miles. Der Knox war in den vergangenen hundert Jahren nur dann blau gewesen, wenn die die Textilfabrik wieder einmal blaues Färbemittel in ihn abgeleitet hatte. Noch komischer war, dass sich eine derart nostalgisch verklärte Version der Vergangenheit ausgerechnet im Büro der Planungskommission befand. Demnach war es also das erklärte Ziel der Kommission, die Uhr zurückzudrehen.“

Weil Miles bei der Betrachtung des eigenen Lebens, nicht so viel analytische Klarheit an den Tag legt, steuern er und Empire Falls auf eine Katastrophe zu. Darin kulminiert Russos Erzählung.

Richard Russo:Diese gottverdammten Träume. A. d. Engl. v. Monika Töpfer. Dumont, Köln. 752 Seiten, 24,99 €.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+