Bibliotheksdirektorin Barbara Lison

„Wir versuchen voran zu gehen“

Wegbrechende Einnahmen, neue Aufgaben und wenige Möglichkeiten der Begegnung: Barbara Lison, Leiterin der Stadtbibliothek Bremen, spricht im Interview über die Lage von Bibliotheken in Corona-Zeiten.
10.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir versuchen voran zu gehen“
Von Alexandra Knief

Frau Lison, Bibliotheken werden immer als sogenannte „Dritte Orte“ bezeichnet. Was genau bedeutet das?

Barbara Lison: Der Dritte Ort ist ein soziologischer Fachbegriff, der irgendwann in den Achtzigerjahren in den USA geprägt worden ist. Er beschreibt, dass Menschen verschiedene Orte in ihrem Leben haben. Der erste Ort ist das eigene Zuhause, der zweite Ort ist der, wo ich meinen Verpflichtungen nachgehe und der dritte Ort ist der für Freizeit, für Lebensgestaltung, für Interessensverwirklichung. Er ist also ein Ort der Freiwilligkeit, ein Ort, der für Menschen wichtig ist.

Mit anderen Worten: Dritte Orte gibt es im Moment nicht so viele...

Genau das ist der Punkt. Für viele Leute ist der Dritte Ort vielleicht die Kneipe nebenan, die hat gerade zu. Aber für sehr viele, sehr unterschiedliche Leute ist auch die Bibliothek so ein Dritter Ort, weil sie versucht, die Interessen ganz unterschiedlicher Menschen abzubilden. Anders als bei der Kneipe, wo sich vielleicht ein eher homogeneres Bild zeigt.

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Das beinhaltet ja schon eine wichtige Aufgabe, die Bibliotheken erfüllen: Sie sind Orte der Begegnung. Aber ist das in Corona-Zeiten überhaupt noch umsetzbar?

Eigentlich muss ich das mit Nein beantworten. Als wir am 4. Mai wieder öffnen durften, haben wir fast alle Stühle weggeräumt, die Stufen zum Lesegarten abgehängt. Als sich die Dinge im Sommer zum Positiven entwickelt haben, haben wir einige Bereiche mit den notwendigen Abständen wieder freigegeben. Jetzt kam es so, dass wir das wieder zurücknehmen mussten. Einen Großteil der Stühle haben wir wieder abgebaut, und wir verteilen am Eingang wieder Körbe, damit wir wissen, wie viele Menschen im Haus sind. Im Grunde ermöglichen wir also keinen langfristigen Aufenthalt. Zum einen, um die Leute zu schützen, zum anderen, um eine Frequenz zu erzeugen, bei der nicht 200 Leute den ganzen Tag im Haus sind und 1000 Leute vor der Tür stehen und nicht reinkommen, weil sie keinen Korb abbekommen haben. Dass das so ist, bedauern wir aber natürlich sehr.

Inwieweit ändern die Krise die Aufgaben, die Bibliotheken erfüllen müssen?

Die Kundinnen und Kunden wollen umso mehr den menschlichen Kontakt, weil sie in der Regel stark isoliert sind. Den meisten Menschen fehlen gerade ihre sozialen Kontakte. Die Gespräche mit den Bibliothekaren und Bibliothekarinnen werden daher noch wichtiger.

Wie wirkt sich die Pandemie finanziell aus?

Wir leben von den Zuschüssen des Senats, sprich von Steuergeldern, aber haben auch eigene Einnahmen. Die machen etwa acht Prozent der gut elf Millionen Euro aus, die die Stadtbibliothek im Jahr kostet. Also knapp eine Million Euro. Die Einnahmen sind zu 20 Prozent weggebrochen. Es werden physisch weniger Bücher ausgeliehen, und die bringen uns ja Einnahmen, wenn die Leute sie nicht rechtzeitig zurückbringen – das ist gar nicht so selten. Und wir hatten einigen Menschen während der ersten Phase der Pandemie die Möglichkeit gegeben, unsere Onlineangebote zu nutzen, ohne eine Bibliothekskarte bezahlt zu haben. Außerdem kommen weniger Menschen ins Haus. Viele Leute, die eigentlich gekommen wären, um ihre Bibliothekskarte zu verlängern, tun das jetzt erst einmal nicht. Weil sie sich denken: Warum sollte ich, wenn ich nicht das gleiche Angebot bekomme wie sonst? Gleichzeitig haben wir aber auch deutliche Einsparungen, zum Beispiel Honorare und Lizenzgebühren für Veranstaltungen, Personalkosten. Summa Summarum ist es aber noch immer ein Defizit, das am Ende rauskommt.

Vor der Pandemie lag der Anteil an digital geliehenen Medien, wie E-Books, bei zehn bis zwölf Prozent. Wie sieht das heute aus?

Wir haben ein bisschen zugelegt und liegen bei etwa 15 Prozent. Wir haben ja zu Beginn der Pandemie auch noch vom Senat eine Sonderzahlung von 30 000 Euro bekommen, um digitale Medien nachlegen zu können. Mit dem Geld konnten wir etwas 2000 neue Medien zur Verfügung stellen. Insgesamt haben wir rund 70 000 E-Books. Interessant ist aber, dass wir unsere Zielzahl an digitalen Entleihungen weit übertroffen haben! Die Ausleihe von E-Books ist durch die Pandemie aktuell doppelt so hoch wie erwartet.

Studien zeigen immer wieder, wie akut der Handlungsbedarf im Bereich der Leseförderung ist. Haben Sie Sorge, dass diese durch Corona langfristig vernachlässigt wird?

Ja, total. Wir haben zwar versucht, digitale Formate zu entwickeln, aber natürlich ist das etwas völlig anderes in der Wirkung. Kinder sind es mittlerweile gewohnt, zweidimensional zu sehen und auf Bildschirme zu starren. Aber wenn sie eine neue Erfahrung im dreidimensionalen Raum mit echten Menschen machen können, löst das bei den meisten Kindern einen unglaublichen Aha-Effekt aus. Der fällt weg.

Kann das langfristige Konsequenzen haben?

Es gibt Studien aus den USA, die sagen, dass Kinder schon während der Ferien Kompetenzen verlieren, wenn sie nicht mehr herausgefordert werden. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass die Kinder eine Weile nicht nur nicht zu uns kommen konnten, sondern zum Teil auch nicht richtig beschult wurden, ist die Frage: Wie kann man das wieder aufholen? Wir sind sicher eine Einrichtung, die daran mitwirkt, aber dazu haben wir jetzt auch nicht in vollem Umfang die Gelegenheit. Wir können zurzeit für Kinder keine Veranstaltungen machen, keine Bilderbuchkinos. Meine Befürchtung ist, dass Kinder, die keine zusätzliche Förderung durch Eltern oder ältere Geschwister bekommen, einen erheblichen Aufholbedarf haben, der schwer zu realisieren ist.

Ein Thema, das bei den ganzen Corona-Entwicklungen gerade ein wenig kurz kommt, ist das Thema Nachhaltigkeit. Der Deutsche Bibliotheksverband fordert in seinem Jahresbericht, dass Bibliotheken noch besser in Nachhaltigkeitsstrategien einbezogen werden. Wie könnte das aus-­sehen?

Wir machen schon sehr viel. Nachhaltigkeit beginnt bei uns schon damit, dass wir Materialien für viele Personen zur Verfügung stellen, die an anderer Stelle immer nur von einer Person genutzt werden. Wir versuchen bei Veranstaltungen und unseren Medien Angebote zum Thema Nachhaltigkeit auszubauen und offensiv zu vermitteln. Gerade haben wir auch zwei Anträge laufen, um die gesamte Beleuchtung der Zentralbibliothek auf LED umzustellen, was natürlich eine enorme Energieeinsparung bringen würde. Vor einer Weile haben wir auch unsere Bildschirme für Kundinnen und Kunden auf extrem stromsparende Geräte umgestellt. Das sind alles Dinge, bei denen wir ein bisschen Geld sparen, die wir aber auch immer mit Blick auf die Nachhaltigkeit umsetzen. Wir haben sogar eine kleine Nachhaltigkeits-AG. Wir versuchen in Bremen voran zu gehen.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Barbara Lison

wurde 1956 in Oberschlesien geboren und studierte Slawistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften. Seit 1992 leitet sie die Stadtbibliothek Bremen.

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