Interview mit Cornelia Holsten

„Probleme ins Scheinwerferlicht rücken“

Wer in den Medien auf Barrieren stößt, kann sich ab sofort bei einer Zentralen Online-Anlaufstelle beschweren. Cornelia Holsten von der Brema spricht im Interview darüber, warum dieses Angebot wichtig ist.
13.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Probleme ins Scheinwerferlicht rücken“
Von Alexandra Knief
„Probleme ins Scheinwerferlicht rücken“

Auch für ältere Menschen oder Menschen, die nicht so gut lesen können, ist Barrierefreiheit in den Medien wichtig, weiß Cornelia Holsten.

Nikolai Wolff/Fotoetage

Frau Holsten, seit Ende November gibt es online die Zentrale Anlaufstelle für barrierefreie Angebote (Zaba) in den Medien. Die Seite bietet Informationen zum Thema Barrierefreiheit, aber auch die Möglichkeit, Beschwerden loszuwerden. Warum ist sie nötig?

Cornelia Holsten: Jedes Engagement im Zusammenhang mit Barrierefreiheit in den Medien ist wichtig, weil es nicht nur für eine Sensibilisierung sorgt, sondern weil Teilhabe an den Medien gleichbedeutend ist mit Teilhabe an Gesellschaft. Diesen Ansatz hat auch die EU-Kommission so gesehen, die festgelegt hat, dass der Aufbau einer solchen Stelle in allen europäischen Mitgliedsstaaten erfolgen muss. In den vergangenen vier Monaten haben wir die Seite gemeinsam mit ARD, ZDF, Deutschlandradio und Deutsche Welle realisiert. Soweit ich weiß, sind wir in Deutschland die ersten, die diese Aufgabe geschultert haben.

Gibt es schon erstes Feedback zu Zaba?

Zaba ist noch nicht einmal drei Wochen alt. Aber bisher ist das Feedback super. Nun müssen wir gucken, wie die Seite genutzt wird und was es bei denen, die eine Beschwerde bekommen, bewirkt. Da sind wir sehr gespannt. Zaba soll neutral sein und ist darauf ausgelegt, dass Beschwerden nicht über den Tisch der Landesmedienanstalten gehen, sondern direkt an den Radio- oder TV-Sender. Wir erfahren also nicht, wer wie viele Beschwerden bekommt. Die Seite soll dazu beitragen, dass Betroffenen auf unkomplizierte Weise eine Möglichkeit geboten wird, sich Gehör zu verschaffen.

Tun sich einige Anbieter so schwer, Angebote zu schaffen, weil sie die Zielgruppe unterschätzen?

Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung. Von leichter Sprache profitieren zum Beispiel auch Menschen, die eine andere Muttersprache haben oder die über sechs Millionen Menschen in Deutschland, die nicht so gut lesen können. Untertitel helfen auch älteren Menschen, die vielleicht nicht mehr so gut hören – die Gesellschaft wird älter. Barrierefreiheit ist bei weitem nicht nur für diejenigen gedacht, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen!

Bringen Zaba und der im November in Kraft getretene Medienstaatsvertrag denn neue Regeln für die Sender mit sich?

Nach dem neuen Medienstaatsvertrag sollen die Sender über ihr bereits bestehendes Engagement hinaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten barrierefreie Angebote aufnehmen und deren Umfang nach und nach ausweiten. Zudem müssen die TV-Sender alle drei Jahre über die getroffenen Maßnahmen berichten. Vor ein paar Tagen ist zudem eine öffentliche Anhörung gestartet zu einer Ergänzung des Medienstaatsvertrags nur zum Thema Barrierefreiheit.

Gibt es dafür nicht schon die sogenannten Monitorings der Landesmedienanstalten?

Ja, die erfolgen allerdings auf freiwilliger Basis. Sie haben trotzdem eine gute Steuerungswirkung entfaltet. Wir befragen jedoch nur die großen Sendergruppen und die Sender ab einem Prozent Marktanteil. Die neuen Berichtspflichten gelten für alle TV-Sender.

Wie steht es denn aktuell um die Barrierefreiheit bei den großen Sendern?

Bei den privaten Sendern ist die Lage in den vergangenen sechs Jahren, seit Beginn unserer Erhebungen, deutlich besser geworden. Die Sensibilisierung für das Thema ist gestiegen und ich sehe auch, dass die Möglichkeiten besser werden. Ein klassisches Beispiel: Social-Media-Videos sind fast alle untertitelt. Das gab es früher nicht. Das ist technisch heute viel einfacher zu realisieren. Es ist ein Lernprozess, aber wir können hinter das Thema noch lange keinen Haken machen.

Wo besteht noch Nachholbedarf?

Barrierefreiheit muss als Teil von Diversität betrachtet werden. Ich würde es gut finden, wenn sich Diversität noch besser vor und hinter der Kamera abbilden ließe. Ein Mensch hat eben Sommersprossen, ein anderer bewegt sich mit dem Rollstuhl fort. Der dritte hat keine Haare, ein vierter eine andere Hautfarbe. So bunt ist die Gesellschaft. Ich glaube, man braucht mehr Normalität im Umgang mit unserer Vielfältigkeit.

Würden Sie sagen, Streaminganbieter sind dem Fernsehen da einen Schritt voraus?

Ich habe mit den Anbietern bisher in Sachen Barrierefreiheit nicht zusammengearbeitet, deswegen kann ich das inhaltlich noch nicht bewerten. Grundsätzlich sind Streamingangebote aber häufig barrierefreier als TV-Sendungen, alleine, weil es fast immer Untertitel gibt. Das ist aber möglicherweise nur ein zufälliger Nebeneffekt. Barrierefreiheit beginnt mit der Haltung der Entscheider. Man braucht Köpfe, die das Thema vorantreiben wollen.

Abstimmen über Sterbehilfe bei „Gott“ in der ARD, mitraten per App auf Pro7 bei „The Masked Singer“ – Fernsehen wird immer interaktiver – inwieweit wird hier das Thema Barrierefreiheit mitgedacht?

Auch bei crossmedialen Angeboten ist Barrierefreiheit keine Selbstverständlichkeit. Oft ist das Problem nicht, dass etwas nicht geht, sondern einfach nur, dass die Leute nicht darüber nachdenken. Wenn man sehbehinderten Menschen zum Beispiel eine Mail schickt, liest ihnen der Screenreader diese vor. Viele Screenreader können Worddokumente besser vorlesen als ein PDF – für den sehenden Absender eine Kleinigkeit, für den blinden Empfänger ein Problem. All das sind Probleme, die man leicht beheben kann, die man aber kennen muss. Und dafür müssen sie ins Scheinwerferlicht gerückt werden.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Cornelia Holsten

wurde 1970 in Bremen geboren. Seit 2009 ist sie Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt (Brema). Außerdem ist sie die Themenverantwortliche für Barrierefreiheit der Landesmedienanstalten bundesweit.

Info

Zur Sache

Was ist Zaba?

Zaba ist die Abkürzung für die Zentrale Anlaufstelle für barrierefreie Angebote in den Medien. Barrierefreiheit beinhaltet Untertitel, Angebote in leichter Sprache, Audiodeskription oder den Einsatz von Gebärdendolmetschern. Die EU-Richtlinie für Audiovisuelle Mediendienste (AVMD) sieht die Einrichtung einer Online-Anlaufstelle vor, die Informationen über Barrierefreiheit bereitstellt und Möglichkeit zur Beschwerde bietet. Diese wurde nun in Deutschland gemeinsam vom ARD, ZDF, Deutschlandradio, Deutsche Welle und den Landesmedienanstalten umgesetzt und wird von den Landesmedienanstalten betrieben. Über die Seite www.barrierefreie-medien.info kann Kontakt zu allen öffentlich-rechtlichen sowie privaten Rundfunk- und audiovisuellen Medienanbieter in Deutschland aufgenommen werden, deren Angebote von den Landesmedienanstalten reguliert werden.

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