Interview: Schauspieldramaturg Stefan Bläske

„Der Bezug zur Lebensrealität ist mir wichtig“

Stefan Bläske ist seit dieser Spielzeit Leiter der Schauspielsparte am Theater Bremen. Im Interview spricht er über neue Themen für die Bühne und darüber, was er ändern will.
14.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Der Bezug zur Lebensrealität ist mir wichtig“
Von Iris Hetscher
„Der Bezug zur Lebensrealität ist mir wichtig“

Theater planen in schwieriger Zeit: Stefan Bläske leitet die Schauspieldramaturgie.

Karsten Klama

Herr Bläske, Sie hätten es fast geschafft. Die Premiere zu „Wanaset Yodit“ war für Anfang November geplant, ein paar Tage zuvor ist dann der zweite Lockdown verkündet worden. Wäre das eine für Sie typische Produktion gewesen?

Stefan Bläske: Typisch, weil mich das sogenannte echte Leben interessiert. Da erzählen zwei Frauen, die aus dem Sudan und Eritrea hierher gekommen sind, von ihren Migrationserfahrungen. Typisch für mich wäre aber auch: Zwei Frauen, die über Autobiografisches berichten und eine oder zwei Spielerinnen aus dem Ensemble, die hinzukommen. „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath, das nächste Projekt, das ich mit Alize Zandwijk plane, wird in diese Kategorie fallen.

Warum ist der Aspekt des Biografischen auf der Bühne so wichtig für Sie?

Weil die Realität oft spannender und vielfältiger ist als das, was sich Autoren, vor allem männliche, vor 200 oder 2000 Jahren ausgedacht haben.

Aber es gibt ja auch jede Menge zeitgenössische Dramatik.

Na klar, die werden wir auch weiterhin zeigen. Zeitgenössische Dramatik kann das alles verbinden: Biografisches, Historisches und das Hier und Heute. Das ist bei Autoren wie Wajdi Mouawad und Akin Emanuel Sipal der Fall, deren Stücke wir aktuell im Spielplan haben. Mir ist es wichtig, dass es einen Bezug gibt zu der Lebensrealität von Menschen, die hier in Bremen leben. Oder dass Geschichten von Menschen aus einer globalen Perspektive erzählt werden. Die über Jahrhunderte gewachsene Tradition von Theater entwickelt sich auf diese Art weiter. Da war und ist das Theater Bremen gut aufgestellt, von daher wird es keinen Paradigmenwechsel geben.

Das ist die Sicht des Theatermachers. Ist es auch die des Publikums, das sich vielleicht ganz wohl fühlt mit Inszenierungen von Klassikern?

Wir werden ja auch weiterhin Klassiker zeigen. Aber Intrigen und Inzucht am dänischen oder griechischen Herrscherhof scheinen mir heute weniger relevant als die Klimakrise und Fragen zu Migration und sozialer Gerechtigkeit. Und ich spüre, dass auch beim Publikum das Interesse an neuen Inhalten und Formen wächst.

Wenn Sie die Lebenswirklichkeit der Bremer stärker auf die Bühne holen wollen, welche Themen schweben Ihnen da vor?

Die große Frage „Wem gehört die Stadt“ finde ich sehr spannend. Dieser Gegensatz zwischen den Immobilienmagnaten, denen ganze Stadtteile zu gehören scheinen und den vielen armen Menschen und Obdachlosen, der mir als Neu-Bremer auffällt. Außerdem interessiere ich mich für die Frage, wie das Theater sich stärker für Menschen in Altenheimen engagieren kann; wie wir inklusiver sein und zum Beispiel auch mit Menschen mit Behinderungen arbeiten können.

Sie haben lange mit dem Regisseur Milo Rau gearbeitet, sie beide haben das Theater in Gent gemeinsam geleitet. Warum sind Sie nun nach Bremen gewechselt?

Es waren spannende Jahre mit Projekten von Berlin bis Mossul, aber ich hatte den Eindruck, mich zu wiederholen. Das gilt für das Künstlerische, aber auch für Konflikte, die wir ausgetragen haben. Daher habe ich mir etwas Neues gesucht. Und dann kam der Anruf von Michael Börgerding, der davon gehört hatte. Das hat mich total gefreut, war aber auch ein bisschen kurios, weil ich mich vor acht Jahren bei ihm beworben hatte...

...da hatte Michael Börgerding sich für Benjamin von Blomberg als Dramaturgen entschieden. Der vertritt einen anderen Ansatz als Sie, oder?

Es geht ihm stärker um ästhetische Experimente in seiner Arbeit. Aber das Politische war ja damals auch schon da, mit Arbeiten von Künstlerinnen wie Lola Arias und Monika Gintersdorfer.

Hatten Sie auf den aktuellen Spielplan nach Ihrer Verpflichtung überhaupt noch Einfluss?

Wenig. Die Regieteams standen schon fest, wir haben noch über manche Stücke und Stoffe gesprochen. Aber das wird in der nächsten Spielzeit nicht viel anders werden, weil wegen Covid so viele Produktionen verschoben werden müssen und auch schon Verträge und Verabredungen bestehen. Das bremst uns alle derzeit aus. Die geplanten Projekte sind auch interessant, und so ist es eine angenehme Art, das Haus in Ruhe kennenzulernen.

Es gibt eine ganze Reihe von Regisseuren, die regelmäßig am Theater Bremen inszenieren. Mit Alize Zandwijk liegen Sie auf einer Linie, aber welche andere ästhetische Position ist Ihnen am nächsten?

Das lässt sich nicht so pauschal sagen. Ich schaue mir gerade alte Produktionen auf Video an. Von Felix Rothenhäusler beispielsweise habe ich „The End - eine Replikantenoper“ gesehen, das ist meinem Ansatz sehr nah, das strahlt Schönheit und Kraft aus. Aber es gibt andere Produktionen von ihm, die mir eher hermetisch erscheinen.

Wird es neue Namen geben?

Wir haben den meisten Regisseuren angekündigt, dass wir die Regelmäßigkeit, mit der sie hier gearbeitet haben, ein bisschen reduzieren müssen. Wir brauchen Platz für andere Positionen, auch für weibliche und für migrantische. Klar ist derzeit, dass Monika Gintersdorfer mit ihren Teams bei uns weiterhin Projekte realisieren wird. Sie werden beispielsweise 2022 bei einem großen internationalen Austausch mitwirken, in dem es um Häfen und Handel geht, mit Partnern in Hafenstädten von Beirut über Palermo und Tunis bis Bremen.

Derzeit sind die Theater geschlossen, aber es darf geprobt werden. Was heißt das für das Bremer Haus?

Wir haben „Mutter Vater Land“ zu Ende probiert, jetzt arbeiten wir noch an „Moby Dick“ und „Wüst“. Diese für den November geplanten Premieren könnten wir spielen, sobald wir wieder dürfen. Die sind alle Corona-tauglich mit Abstand produziert. Die Proben zu „Ronja Räubertochter“ haben wir abgebrochen, das wird verschoben ins nächste Jahr.

Es gäbe da den Corona-Theaterklassiker: Wir zeichnen auf und stellen Inszenierungen ins Netz. Oder wir streamen. Was halten Sie denn davon?

Ich habe das im ersten Lockdown sehr genossen, viel Theater online zu gucken. Und wenn man über Inklusion redet und davon, Barrieren abzubauen, das ist eine gute Möglichkeit. Viele Menschen können es sich nicht leisten, nach Hamburg, Berlin oder Wien zu fahren, um Theater zu gucken. Und die Aufnahmequalitäten sind auch ganz gut.

Aber?

Hier im Haus ist man eher zurückhaltend, weil Theater ein Live-Erlebnis ist und in der Aufzeichnung so viel verloren geht. Das verstehe ich auch. Theater auf Video ist eher Archiv und Information und selten wirklich ästhetisch interessant.

Es wäre auch eine Idee, eine von den Premieren, die jetzt nicht stattfinden können, ins Netz zu stellen. Als Bonbon für die Treue der Zuschauer.

Bei Premieren fände ich das eher schade. Eine Uraufführung wie „Mutter Vater Land“, die auch überregional Aufmerksamt erregt, wäre da wirklich unter Wert verkauft. Und unsere Stärke ist der Live-Moment, die Begegnung.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Stefan Bläske

leitet seit dieser Spielzeit die Schauspieldramaturgie des Theaters Bremen. Der 44-Jährige hat Theaterwissenschaften studiert, hat als Kritiker gearbeitet und als Dramaturg am Residenztheater München, für die Schaubühne Berlin und das Schauspiel Zürich. Gemeinsam mit dem Regisseur Milo Rau hat er von 2018 bis 2020 das NT Gent geleitet.

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