Bremer Kinder- und Jugendtheater

„Einige haben ihr Zuhause bei uns“

Das Bremer Kinder- und Jugendtheater Moks ist kürzlich erneut mit einem „Faust“-Theaterpreis ausgezeichnet worden. Leiterin Rebecca Hohmann spricht im Interview über Theater für und mit Familien.
24.12.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Einige haben ihr Zuhause bei uns“
Von Iris Hetscher
„Einige haben ihr Zuhause bei uns“

Das Team des Moks auf dem Gelände des Theaters Bremen. Leiterin Rebecca Hohmann ist in der Mitte zu sehen, im blauen, offenen Parka.

Joerg Landsberg

Frau Hohmann, 2019 ist mit Birgit Freitags „Für vier“ eine Produktion des Moks mit dem Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet worden, Anfang Dezember haben Sie schon wieder einen „Faust“ bekommen für Antje Pfundtners „Ich bin nicht Du“. Hat das Moks die Formel gefunden für preiswürdiges Kinder- und Jugendtheater?

Rebecca Hohmann: Es gibt bei uns eine große Neugier und den Mut, alles Mögliche auszuprobieren. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass wir ein Team sind, das eingespielt ist, zu dem aber auch immer wieder neue Kollegen hinzustoßen. Selbst wenn wir etwas auf den ersten Blick vielleicht als zu gewagt empfinden, wissen wir: Mit unserem Know-how bekommen wir das hin.

Die beiden ausgezeichneten Produktionen sind nicht das, was man klassischerweise unter Kinder- oder Jugendtheater versteht, da gibt es fast schon philosophische Ansätze, bei denen Tanz eine tragende Rolle spielt. Wie erklären Sie sich die Entscheidung der Jury?

Bei Birgit Freitag hatte ich sehr gehofft, dass sie gewinnt, weil das wegweisend ist, wenn Erwachsene mit Jugendlichen gemeinsam gleichberechtigt auf der Bühne agieren. In dieser Konstellation geht das nur in der Kunst, sonst gibt es immer Hierarchien: Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler. In der Kunst kann man das aufweichen, und das ist Birgit Freitag sehr gut gelungen, auch ganz bewusst durch den Ansatz, mit Bewegung zu arbeiten, da dies für alle Beteiligten eine neue Ausdrucksform war. Antje Pfundtners „Ich bin nicht Du“ ist es ähnlich, auch hier wird das komplexe Thema Identität tänzerisch entwickelt.

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Das ist dann doch so etwas wie eine Formel, oder? Spielt der inhaltliche oder der formale Aspekt für Sie dabei die Hauptrolle?

Das muss immer zusammengehen. Antje Pfundtner wollte zudem sehr nah am Publikum sein. Wir hatten viele Kinder bei den Proben, das war ihr sehr wichtig und für mich immer wieder spannend zu sehen, wie unvoreingenommen, genau und gerade die Kinder mit dem Thema umgegangen sind.

Den Kindern wird nicht einfach etwas serviert, sie sollen sich beteiligen.

Das ist bei uns oft eine Möglichkeit. Auch wenn Schauspieler Fragen ans Publikum stellen, antworten die Kinder sehr gerne.

Und was ist mit den Eltern?

Wir haben ja auch viele Fans im Erwachsenenalter, die das ästhetisch sehr ansprechend finden, was wir machen. Und die auch unseren Humor schätzen, wobei der bei Kindern anders funktioniert als bei Erwachsenen – mal lachen die einen, mal die anderen. Das ist einfach traumhaft, wenn solche Reaktionen aus dem Familienpublikum kommen, weil das bedeutet, dass sich alle auf ihre Weise auseinandersetzen.

Eigentlich machen Sie also kein Kinder- und Jugendtheater, sondern Familientheater. Wie schwierig ist es, sich seinen Platz neben allen anderen medialen Angeboten zu erobern, die es für diese Zielgruppe gibt?

Wir nennen uns mittlerweile sowieso eher Theater für junges Publikum und nicht Kinder- und Jugendtheater. Und klar, wir wünschten uns natürlich mehr Familien, die die Neugier und den Mut hätten, in Stücke zu gehen, bei denen die Titel nicht schon bekannt sind.

Liegt das nur am mangelnden Mut des Publikums oder auch an der falschen Ansprache? Vielleicht werben Sie als Theater nicht ausreichend oder passgenau um Familien.

Wir werben schon überall, wo es für uns möglich ist. Und es gibt auch die Fälle, bei denen die Kinder ein Stück in einer Schulvorstellung gesehen haben und das dann noch einmal mit ihren Eltern gemeinsam anschauen möchten, das ist natürlich toll. Aber vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir für Kinder und für Jugendliche Angebote machen. Das ist ein starker Wechsel in den Altersstufen.

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Vielleicht liegt es auch daran, dass die Ankündigungstexte für die neu entwickelten und daher unbekannten Stücke auf Ihrer Homepage oft rätselhaft sind.

Das kann sein. Aber überregional wird das sehr wahrgenommen und sehr ausgezeichnet...

...von einem Fachpublikum.

Klar. Wir wollen natürlich vor allem für unser Publikum hier vor Ort da sein. Bei den Schulen haben wir einen Stein im Brett – die lassen sich von unbekannten Titeln nicht schrecken. Wenn man das alles zusammennimmt, würde ich sagen: Wir müssen einen langen Atem haben, was Werbung auf allen Kanälen und in allen Bereichen angeht. Und vielleicht haben die Menschen nach der Corona-Zeit auch richtig Lust, nicht mehr nur auf die Mattscheibe zu gucken, sondern gemeinsam mit anderen etwas zu sehen – das könnte eine andere Wertschätzung erfahren als vorher.

Zudem könnten Sie ja auch ein Programm ums Stückeschauen herum anbieten.

Ja, bei einigen Produktionen kann man hinterher im Foyer diskutieren, basteln, malen oder backen. Die Theaterpädagoginnen bieten ein Programm an, mit dem die Vorstellung nachwirken kann. Da sind die Erwachsenen, also die Eltern, dann auch dabei.

Gibt es Stoffe, die Sie im Moks nicht umsetzen würden?

Wir würden jetzt keine Märchen einfach so vom Blatt spielen. Wenn wir das machen würden, dann nur mit einer Regisseurin oder einem Regisseur, der das gegen den Strich bürstet. Wir fühlen uns ja eher der heutigen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen verpflichtet, da gibt es genug Ansätze.

Abgesehen vom großen Thema Identität, welche sind das?

Die Sehgewohnheiten haben sich stark verändert, es gibt bei jungen Menschen eine hohe Kompetenz im Umgang mit Medien. Das prägt dann auch ästhetische Handschriften. Das spiegeln wir, zeigen aber bewusst auch Gegenpositionen, nehmen Tempo oder Lautstärke raus – um zum Nachdenken darüber anzuregen, ob das alles so sein muss, wie es ist.

Schlagen Kinder und Jugendliche eigentlich Themen vor?

Das kommt selten vor...

...und könnte häufiger der Fall sein?

Man müsste dann schauen, ob man so eine Art Beirat einrichtet oder eine Wünschekiste. Es kommt eher vor, dass es heißt, wir kommen wieder, wenn ihr den zweiten Teil von eurem Stück zeigt – viele unserer Produktionen haben ein offenes Ende, das offenbar als Cliffhanger gedeutet wird.

Jetzt ist Corona, Sie sind in der Zwangspause. Ist die Auseinandersetzung mit der Pandemie als tief greifende Erfahrung für ihr junges Publikum später mal ein Thema für die Bühne?

Tatsächlich gibt es ein Pilotprojekt. Zusammen mit dem Kubo, der Medienwerkstatt Findorff und dem Tanzwerk sind wir in der Gesamtschule Mitte aktiv. Wir arbeiten mit den Jahrgängen acht bis zehn vier Stunden in der Woche unter dem Motto „Ich und die Corona-Pandemie“. Die Schülerinnen und Schüler haben gezeichnet, sich mit Hörspielen und Theaterszenen, Film und Tanz auseinandergesetzt. Es ging darum, was fehlt oder was sie am liebsten machen würden, also Party, andere in den Arm nehmen. In der Gedankenwelt kann man das simulieren. Die Schülerinnen und Schüler waren sehr verantwortungsbewusst und nachdenklich, das hat mich sehr berührt.

Und wenn Sie wieder spielen dürfen, was steht dann an?

Das große Thema wird der Klimawandel sein. Dazu bereiten wir „Post Paradise“ vor, im Format des Live Animation Cinema. Das werden wir auch streamen können. Premiere soll im März sein.

Was bindet Sie persönlich ans Moks?

Ich bin seit 20 Jahren dabei, 15 Jahre als Leiterin, und ich schätze diesen Ort und das Team hier sehr. Ich genieße es wirklich, dass wir kostenfrei für Schulklassen spielen dürfen und ein Angebot für Kinder machen können, deren Eltern finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Durch die Jungen Akteure können wir Jugendliche zudem gut einbinden; einige haben für Jahre sozusagen ihr Zuhause bei uns und wir bekommen mit, wie ihre persönliche Entwicklung verläuft. Das ist eine tolle Erfahrung.

Springen wir mal 20 Jahre nach vorne. Wie wird Theater für junge Menschen dann aussehen am Theater Bremen?

Dann werden Kinder und Jugendliche eine noch größere aktive Rolle spielen und sich diesen Ort erobern. Und vielleicht werden wir zudem zum Treffpunkt, und hier werden auch Hausaufgaben gemeinsam erledigt oder ähnliches. Und zwischendurch schaut oder macht man Theater.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Rebecca Hohmann hat in Hildesheim Angewandte Kulturwissenschaften studiert. Die 54-Jährige arbeitet seit 1999 für das Moks, das Kinder- und Jugendtheater des Theaters Bremen, seit 2004 als Leiterin.

Info

Zur Sache

Theater für junge Menschen

Ab Mitte der 1970er-Jahre förderte im Bundesministerium für Bildung und Forschung die Initiative „Modellversuch Künstler und Schüler“, kurz Moks. Jugendliche in 20 Städten sollten durch Theaterpädagogik und Mitspiel-Projekte stärker an Theater herangeführt werden. Die Finanzierung wurde 1982 eingestellt, in Bremen wurde der „Modellversuch“ beibehalten, zum „Modelltheater“ weiterentwickelt und dem Haus am Goetheplatz angegliedert. Seit 1986 ist das Moks eine eigene Sparte mit vier Darstellern. Seit 2005 gibt es zudem die „Jungen Akteure“ als Theaterschule, an der Jugendliche Produktionen unter Anleitung selbst entwickeln.

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