Interiew mit Autorin Susanne Matthiessen

„Die Insulaner zahlen einen Preis“

Susanne Matthiessen ist auf Sylt geboren und aufgewachsen. Von ihrer Kindheit in den 1970er-Jahren auf der Insel und von dem, was aus Sylt geworden ist, handeln ihr Roman und das Interview mit dieser Zeitung.
07.07.2020, 09:56
Lesedauer: 4 Min
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„Die Insulaner zahlen einen Preis“
Von Silke Hellwig
„Die Insulaner zahlen einen Preis“

Susanne Matthiessen ist auf Sylt geboren und aufgewachsen. In ihrem Buch lässt sie ihre Kindheit Revue passieren, die vom Pelzgeschäft ihrer Eltern geprägt war.

Hans Scherhaufer

Frau Matthiessen, Ihr Roman „Ozelot und Friesennerz“ hat es umgehend auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft. Hätten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Susanne Matthiessen : Nein, das hat mich selbst überrascht und den Verlag auch. Ich habe offenbar mit dieser Art von Buch einen Nerv getroffen. Die Mischung aus meinen persönlichen Erinnerungen an prominente Gäste, an die Insel, wie sie einmal war, und aus Hintergründen zur Entwicklung Sylts bis heute scheint zu stimmen.

Obendrein erinnern Sie an ein altes Handwerk, das dem Untergang geweiht ist – das Kürschnerhandwerk, mit dem Ihr Großvater und Ihr Vater es zu hohem Ansehen gebracht haben.

Das ist richtig. Ein Handwerk, eine jahrhundertealte Tradition und Kultur sind mit Stumpf und Stiel ausgerissen worden. Das kann man aus Tierschutzgründen nachvollziehen, aber man kann es auch bedauern. Ich kann mir vorstellen, dass es Frauen gibt, auch jüngere, die gerne Pelze tragen würden, es sich aber nicht trauen. Pelze werden ja auch in der Familie vererbt und werden im Andenken an Mütter oder Großmütter in Ehren gehalten.

Trauen Sie sich?

Ich habe einige Pelze. Es gibt aber wenige Gelegenheiten, bei denen es sich anbietet, Pelz zu tragen. Bei festlichen Anlässen trage ich schon mal den bodenlangen Nerz, den mein Vater mir noch auf den Leib geschneidert hat, bevor das Geschäft geschlossen werden musste. Das ist ein sehr schönes, zeitloses Stück.

Ist Ihr Buch eine Anklageschrift?

Das ist vielleicht etwas zu dick aufgetragen, aber ich zeige schon auf, was der ungebremste Fremdenverkehr mit der Insel gemacht hat und welchen Preis die Insulaner dafür zahlen. Das gerät manchmal in Vergessenheit und gilt nicht nur für Sylt, sondern auch für Venedig oder Barcelona. Sylt ist meine Heimat, und in den vergangenen Jahren hat sich mir bei Besuchen mehr und mehr der Eindruck aufgedrängt, dass man dort nur noch in einer Kulisse lebt.

Sie klagen dennoch an: den Geldadel beziehungsweise den Kapitalismus, vielleicht auch die Insulaner, die den Ausverkauf zugelassen haben.

Das Geld hat Vor- und Nachteile mit sich gebracht. Vieles ist dadurch auf Sylt entstanden, das darf man nicht vergessen. Es gibt wunderschöne Anwesen und Anlagen. Geld hat die Insel zu dem gemacht, was sie heute ist, im Guten wie im Schlechten. Ich beschreibe, welche Nachteile es hat, einer der mondänsten Orte Deutschlands zu sein, an dem sich viele Reiche und Prominente angesiedelt haben.

Manches, das Sie beschreiben, ist wenig schmeichelhaft. Beispielsweise hatten Sie und andere Inselkinder sich vollkommen dem Geschäft der Eltern unterzuordnen. Kinder bekamen Schlaftabletten, schreiben sie, damit Mütter und Väter arbeiten konnten. Wie wird Ihr Buch von den Syltern aufgenommen?

Das wird schon kritisch gesehen, vor allem von meinen Eltern. Welche Mutter liest das schon gerne über sich? Ich hatte große Befürchtungen, dass es viele kritische Reaktionen geben könnte. Sie haben sich aber nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil: Viele Inselkinder meiner Generation sind dankbar, dass ich die Zeit der 1970er-Jahre noch einmal habe aufleben lassen.

Auch die Inselpolitiker, und zwar die aktuellen, kommen bei Ihnen nicht sonderlich gut weg, und man fragt sich, warum sie ein gigantisches Bauprojekt, das „Medical Spa“ namens Landserhof, nicht verhindert haben.

Das hat viele Gründe. Der Landserhof entsteht in List. Dort ist touristisch in den vergangenen Jahren noch nicht so viel passiert. In diesem Fall war der Bund involviert, dem das Grundstück gehörte. Gegen die geballte Macht von Geld und Einfluss können sich die Insel-Parlamente nicht immer durchsetzen. Eine ganze Truppe von Anwälten nutzt alle Chancen des Verwaltungsrechts, um die Interessen der Geldgeber durchzudrücken. Ihnen steht eine kleine insulare Verwaltung gegenüber. Dieses Ungleichgewicht hat auf Sylt eine lange und traurige Tradition.

So richtig große Lust nach Sylt zu fahren hat man nicht mehr, wenn man Ihr Buch gelesen hat. Soll man Ihrer Meinung nach überhaupt noch kommen?

Ja, man soll kommen, wenn man richtig Urlaub auf Sylt macht. Aber man sollte sich klarmachen, was dieser Tourismus mit der Insel macht: wo und wie die Menschen wohnen, die die Urlauber bedienen. Was Sylt gar nicht guttut, sind die Stippvisiten, die Kurztrips für zwei oder drei Tage. Diese Art von Tourismus ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert, aber die Atemlosigkeit belastet die Infrastruktur sehr.

Wird Ihr Buch Konsequenzen haben?

Ich glaube, es kommt zur rechten Zeit. Es gibt schon seit Längerem ein wachsendes Unbehagen der Insulaner gegenüber dem Massentourismus. In den goldenen Jahren hatten die Sylter die Zügel auf ihrer Insel noch in der Hand, sie sind ihnen schon lange entglitten. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern halb eins. Ich war vor nicht allzu langer Zeit auf Hiddensee und fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Aber so wie Hiddensee ist Sylt nicht mehr, das haben wir für immer verloren. Das war auch ein Auslöser, den Roman zu schreiben.

Kann die Corona-Krise etwas ändern?

So bitter sie ist, könnte sie sich für die Insel als Segen erweisen. Sylt war für acht Wochen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Das war ein heilsamer Schock. Inzwischen kommen die Touristen wieder, innerhalb von drei Tagen war die Insel wieder voll. Die Einsicht der Insulaner ist da, dass es so nicht weitergehen kann. Die Chance dafür ist größer, als sie jemals war. Diese Tür wird aber irgendwann zugehen. Es ist die letzte Chance, die die Insel haben wird. Sie darf nicht vertan werden.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Susanne Matthiessen

ist auf der Insel Sylt geboren, hat dort die Schule besucht und auch Abitur gemacht. Die Diplomjournalistin studierte in München, arbeitete für diverse Radiosender und entwickelt Programmideen für Radio, Fernsehen und Internet. „Ozelot und Friesennerz“ ist ihr erster Roman.

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