Kritik zur neuen "Tatort"-Folge

Ist doch alles nur ein Spiel

„Das verkaufte Lächeln“ (heute, ARD, 20.15 Uhr) heißt die neue Folge des „Tatorts“ aus München, die sich mit ihrem Thema auf dünnes Eis begibt, aber zu keiner Zeit einbricht.
28.12.2014, 00:00
Lesedauer: 1 Min
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Ist doch alles nur ein Spiel
Von Iris Hetscher
Ist doch alles nur ein Spiel

Die Schauspieler Miroslav Nemec (r) als Kommissar Ivo Batic und Udo Wachtveitl als Kommissar FranzLeitmayr (Archivbild).

dpa

Sie lächelt in die Kamera, zieht einen Schmollmund, kaut lasziv an einer blonden Haarsträhne, knöpft langsam ihre Bluse auf.

Er lässt seine Muskeln spielen, zeigt dem Chatpartner sein Sixpack – schließlich geht er gerne ins Fitnessstudio. Hanna (Anna-Lena Klenke) und Tim (Justus Schlingensiepen) sind 14 Jahre alt, genau wie Florian (Niko Böhlau), der ebenfalls zu dem Trio gehört, das eine lukrative Möglichkeit entdeckt hat, an angesagte Sneaker und teure Streetwear heranzukommen. Denn die viel älteren Chatpartner müssen den Teenagern „Geschenke kaufen“, wie sie es nennen: Erst dann geht die Stripshow im Netz weiter. Ist doch alles nur ein Spiel. Doch dann wird Tim tot an der Isar aufgefunden, und die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) sind auf einmal mit von der Partie.

„Das verkaufte Lächeln“ (heute, ARD, 20.15 Uhr) heißt die neue Folge des „Tatorts“ aus München, die sich mit ihrem Thema auf dünnes Eis begibt, aber zu keiner Zeit einbricht. Teenager vor Webcams – da denkt jeder sofort reflexhaft an Pädophilie, auch Ivo Batic schießt sich sofort auf einen der Chatpartner als Täter ein. Doch die Geschichte ist komplexer. Die Jugendlichen sind dieses Mal nicht Opfer, sondern genauso Täter wie die erwachsenen Männer, die sie im Netz begaffen. Von gruselig-eisiger Kalkuliertheit sind die Szenen, in denen sie sich feilbieten und genau wissen, auf welche Knöpfe sie drücken müssen, um ihre virtuellen Bewunderer heiß zu machen. Völlig ahnungslos oder aber völlig überfordert sind die Eltern, die als Non-Digital-Natives gar nicht ermessen können, welche Bedürfnisse ihre Kinder da befriedigen. Denn es geht längst nicht mehr nur um Geld, sondern auch um Aufmerksamkeit und Nähe – die

Begriffe von Freund und Fremdem sind im Netz sowieso längst verwischt.

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