Konzertkritik Jan Plewka und Selig begeistern im Aladin

Bremen. Am Freitag überzeugte die Band Selig das Publikum im Bremer Klub Aladin. Was vor allem an Frontmann Jan Plewka lag. Der ist nicht nur charismatisch und voller Energie, sondern auch noch lyrisch ambitioniert. Das drückt sich in den Texten der Band aus.
13.12.2010, 05:00
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Jan Plewka und Selig begeistern im Aladin
Von Hendrik Werner

Bremen. Der Abend beginnt denkbar trist. Die Kälte fräst sich unter die Klamotten, das Nieseln gewinnt an Penetranz, die Gralshüter des Aladin lassen die Fans arg lange vor verschlossenen Türen frösteln. Und keine Wunderlampe in Reich- und Reibweite, die das Leben bunt und mild werden ließe. Doch vergessen sind schlagartig alle Mühen der Ebenen als Schlag 21 Uhr Selig die Bühne betreten.

Jan Plewka heißt der Zeremonienmeister und Vortänzer, Sänger und Texter der 1992 in Hamburg gegründeten Gruppe, die mit einer originellen Mixtur aus 70er-Jahre-Rock und Grunge mit psychedelischen Elementen einen Siegeszug sondergleichen antrat. Mit einem charismatischen, von nervöser Energie beseelten Frontmann, der sich wie ein Harung jung und schlank - zwo, drei vier, sssstata, tirallala - in die Herzen der Fans zappelte. Und mit lyrisch ambitionierten Texten, die neben jenen eines gewissen Sven Regener zu den gegenwärtig empfindsamsten und emphatischsten deutscher Zunge gerechnet werden können.

"Der Pullover, der nach dir riecht, soll wieder dir gehör'n / Und das rote Sofa der Eifersucht nie wieder jemand stören / Am Ende kommt die Wahrheit, die Wahrheit kommt ans Licht. / Am Ende kommt das alles wegen dir und ohne dich / Und ich höre uns noch sagen wie an einem späten Abend / Die Freiheit ist der Morgen, der seine Schönheit nie verliert." ("Wirklich gute Zeit")

Plewka, an diesem Abend unprätenziös in Jeans und ein graues Shirt gewandet, scheut das Pathos nicht. Das wird im ansehnlich frequentierten Aladin so lautstark anerkannt wie der Umstand, dass sich die Band 2009, zehn Jahre nach der Interimsauflösung, wieder zusammengerauft hat.

Nimbus des Poeten

Zwischenzeitlich war der heute 40-jährige Leitwolf mit dem notorischen Sechseinhalbtagebart auf Solo- und Soundtrackpfaden gewandelt, hatte mit Zinoba und TempEau zwei verheißungsvolle neue Gruppen gegründet (und wieder verworfen) - und zudem mit einem beachtlichen Rio-Reiser-Programm den Beweis angetreten, dass sein Nimbus selbst durch das Covern von Songs eines noch größeren Poeten keinen Schaden nimmt. Würde der Begriff nicht so inflationär verwendet, könnte man von Kongenialität sprechen.

"Glaubst du an morgen und die losgelassene Zeit / An die Farbe der Fügung und das, was uns bleibt / An das Land in deinen Augen und das Meer in deiner Gesten / Für ein Leben in Frieden diesen Weg zu gehen." ("Von Ewigkeit zu Ewigkeit")

Es sind in der ersten Hälfte des ganzheitlich erwärmenden Auftritts zumal Lieder von den beiden seit der, nun ja, Wiedervereinigung erschienenen Alben, die Selig mit viel Gitarren-Aplomb intonieren: "Und endlich unendlich" (2009), vor allem aber "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" (2010).

Antithese zu Unheilig

Dass der wie der Bandname transzendental anmutende Titelsong heuer beim Bundesvision Song Contest nur auf den achten Platz kam, musste all jene schmerzen, die in "Unter deiner Flagge", dem Siegerlied von Unheilig, bombastischen Gefühlskitsch wittern. Sind doch Selig nicht nur nominell die Antithese zu Unheilig.

"Ich verbringe die Nächte in fremden Wänden / Und wache früh auf um zu verschwinden / Ich kenne mich aus und komme viel rum / Ich trage dich noch in Erinnerung." ("Wir werden uns wiedersehen")

Plewka interagiert freundlich und souverän mit einem Publikum, das die Gruppe vom ersten bis zum letzten Akkord mit erstaunlicher Empathie trägt - bei melancholischer Moll-Musik ebenso sehr wie bei härteren Nummern, die Ressentiments und Reminiszenzen in tanzbare Rage umwidmen.

"Du liegst so bleich in einem Meer voller Tränen / Die Nachbarn zieh?n die Gardinen zu / Schau hinaus so kalt und mies / Schau nach oben, dort warten sie im Paradies." ("Sie hat geschrien")

Es lässt sich gut suhlen in solchen Befindlichkeitssinfonien - im wohligen Leiden an der Welt und den schmerzlichsten ihrer Affekte, allen voran Eifersucht.

"Ich nähe mir einen Bettbezug aus der Zeit, die wir hatten / Und trink mir alte Wunden an / So tief und allein." ("Ohne dich")

Am Ende sind im Aladin alle - selig.

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