„The Giacomo Variations“ in der Glocke John Malkovich spielt Casanova in Bremen

Bremen. Mit dem Casanova gewidmeten Programm „The Giacomo Variations“ gastiert der Hollywood-Schauspieler John Malkovich am Freitag in der Glocke. Dass er sich in der Rolle des Verführers wohl fühlt, hat er bereits beim Pressegespräch bewiesen.
26.04.2012, 19:19
Lesedauer: 3 Min
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John Malkovich spielt Casanova in Bremen
Von Hendrik Werner

Bremen. Mit dem Casanova gewidmeten Programm „The Giacomo Variations“ gastiert heute der Hollywood-Schauspieler John Malkovich in der fast ausverkauften Glocke. Mit Verführerrollen kennt sich der charismatische Hauptdarsteller des Films „Gefährliche Liebschaften“ gut aus. Auch in einem Pressegespräch zeigte Malkovich am Donnerstag, dass er den Part des gewinnenden Menschenfängers beherrscht.

In den vergangenen Tagen wurde er wiederholt in der Bremer Innenstadt gesichtet: am Geldautomaten, beim Überqueren des Marktplatzes, im Atlantic Grand Hotel, das ihn seit Montag beherbergt. Fast jedes Mal, wenn er gesehen wurde, behandelte man ihn wie eine Erscheinung, die nicht ganz von dieser Welt ist. „Das Leben war vor Erfindung der Handykameras leichter“, gibt der Schauspieler John Malkovich im Kleinen Saal der Glocke zu Protokoll. So ziemlich genau alle drei Sekunden werde er fotografiert, wenn er sich in öffentlichen Räumen Bremens aufhalte. Manche Menschen seien „rüde und rücksichtslos“, wenn sie eines Prominenten ansichtig würden – selbst dann, wenn sie nicht wüssten, um welchen es sich handelt.

Nur gut, dass der 58-jährige Hollywood-Star, der das Konzerthaus an der Domsheide gestern in einer getüpfelten senffarbenen Jacke betrat, sich von Berufs wegen intensiv mit Identitätsphänomenen und Prominenzproblemen auseinandergesetzt hat: In Spike Jonzes Film „Being John Malkovich“ (1999) verschaffen sich ein Puppenspieler und weitere Menschen Zutritt zum Kopf des Schauspielers – und manipulieren sein Bewusstsein. In der sogenannten Realität wirkt der Mann angenehm klar und kontrolliert. Dagegen spricht nicht, dass seine verhaltene, für einen Mann recht hohe Stimme einen dezent gespannten Unterton aufweist, der ihn seit jeher für Psychopathen- und Verführerrollen qualifiziert.

Plädoyer für das Theater

Am Montagabend traf Malkovich in Bremen ein, um tags darauf mit Michael Sturminger, Regisseur der Casanova-Produktion, und der Hauptdarstellerin Ingeborga Dapkunaite die Proben aufzunehmen. Der Ausnahmeschauspieler kam aus Mexiko. Dort hatte er die Sturminger-Theaterproduktion „Die teuflische Komödie – Bekenntnisse eines Serienmörders“ vorgestellt, in der er den österreichischen Frauenschlächter, Schriftsteller und Springinsfeld Jack Unterweger (1950-1994) spielt. Solche Rollen liegen ihm, die Bühnenkunst sowieso. „Anders als das vollends manipulierbare Kino ist das Theater lebendig, organisch, unverfälscht und unmittelbar“, sagt er.

Als der in Illinois geborene John Malkovich die Arbeit an dem Projekt „The Giacomo Variations“ aufnahm, das nach Stationen in Wien und Hamburg in Bremen gastiert, wusste er nicht viel über den historischen Casanova (1725-1798), diesen zur Redensart geronnenen Inbegriff des abenteuerlich gestimmten Libertins. Nunmehr schwärmt er von dessen großem Sinn für Kunst und Eroberungen, von der Güte von dessen Memoiren „Geschichte meines Lebens“ – und davon, dass Casanova, dieser Zeitgenosse Mozarts, gemeinsam mit dessen Librettisten Lorenzo da Ponte in Prag die Uraufführung der Oper „Don Giovanni“ besuchte. Mithin ein Stück über eine Don-Juan-Figur, die sich gleichfalls auskannte in der hohen Kunst der Verführung.

„Casanova passt zu zwei weiteren Verführern, die ich gespielt habe“, sagt John Malkovich. Spricht’s, schürzt die Lippen zu seinem legendären Kinolächeln, das spöttisch wie erotisch ausdeutbar ist – und stellt neuerlich diesen entrückt anmutenden Silberblick zur Schau, der dem, der sich in ihm verliert, alles zu versprechen scheint. 1988 gab er den lasterhaften Comte de Valmont in Stephen Frears’ „Gefährliche Liebschaften“. 1994 verkörperte er in der Theaterproduktion „The Libertine“ den Ausschweifungen zuneigenden Earl of Rochester (zehn Jahre später koproduzierte er eine Kinoversion mit Johnny Depp in der Titelrolle). „Mich interessiert die Obsession, die diese Männer in Bezug auf Frauen entwickeln. Ich glaube nicht, dass es ihnen dabei nur darum ging, Macht auszuüben. Anders als Valmont verliebte sich Casanova tatsächlich jedes Mal aufs Neue.“

Privat hat Mr. Malkovich nach eigener Einschätzung „wenig von Casanova“. Dennoch dürfte es weniger die Pose des Verführers sein, die ihn bei der heutigen Aufführung herausfordert, als vielmehr eine Gesangseinlage: „Mein Sprechtrainer ist ein Bariton. Insofern fühle ich mich gut vorbereitet“, sagt er artig. Und lächelt sein sibyllinisches John-Malkovich-Lächeln.

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