In der Kategorie Kinderbuch

Bremer Autor mit Jugendliteraturpreis ausgezeichnet

Wenn Will Gmehling schreibt, denkt er nicht darüber nach, ob seine Geschichte pädagogisch wertvoll ist. Eine Arbeitsweise, die aufzugehen scheint: Er wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
06.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Autor mit Jugendliteraturpreis ausgezeichnet
Von Alexandra Knief

Wenn Will Gmehling beginnt, ein neues Buch zu schreiben, dann passiert das meist einfach so. Weder überlegt er sich vorher eine moralische Botschaft, die er vermitteln will, noch denkt er darüber nach, wie er seine Geschichte wohl am besten kindgerecht erzählt. Denn wenn man beim Schreiben über solche Dinge nachdenken muss, da ist sich der Kinder- und Jugendbuchautor sicher, dann kann das eigentlich nur nach hinten losgehen. Und er muss es wissen: Der Bremer wurde für sein Buch „Freibad“ gerade mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet.

Gmehling will seine jungen Leser nicht belehren oder ihnen eine pädagogisch wertvolle Moral vermitteln. Er schreibt einfach nur über Dinge, die er gut findet. Über eine Ente, die in einen Delikatessenladen einbricht zum Beispiel. Über eine Hyäne, die auf einem Schrottplatz wohnt und dort Sachen verkauft, die niemand mehr braucht. Er schreibt über einen Coyoten, der Angst vor Schafen hat, über Mozart, über die Abenteuer eines Yeti oder über ganz banale Dinge wie Freibäder eben. Oft, so Gmehling, komme am Ende sowieso nicht das dabei heraus, was man sich anfangs gedacht habe, da werden aus drei Seiten 300, da wird aus einer kleinen Idee ein dickes Buch. „Die Geschichte ist der Bestimmer“, sagt der Autor.

Rockstar oder Mittelstürmer

Weil die Berufsziele Rockstar und Mittelstürmer ihm doch etwas utopisch vorkamen, träumte der 1957 in Bremen geborene Gmehling schon als Jugendlicher davon, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. „Ich habe unglaublich gestottert, als ich klein war“, verrät er. „Wenn ich allerdings gesungen oder vorgelesen habe, dann kamen die Texte flüssig aus mir heraus. Vielleicht ist dadurch meine Liebe zu den Wörtern geboren.“

Dennoch sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis er seinen Traum vom Schreiben in die Tat umsetzte. Gmehling malte lange Zeit Bilder, schrieb auch mal Lyrik für Erwachsene. Sein erstes Kinderbuch "Tiertaxi Wolf & Co." über einen Wolf, einen Fuchs und eine Hündin, die ein Unternehmen gründen, erschien 1998. Es folgten 13 weitere Bücher. Neben dem Schreiben arbeitet Gmehling bis heute als Französischlehrer.

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Stift und Notizbuch hat er immer dabei. Da kann es durchaus mal vorkommen, dass er ganze Seiten per Hand schreibt. Gerade die kurzen Texte für Bilderbücher könne man gut im Notizbuch mit sich herumtragen, findet er. Für die längeren Erzählungen setzt er sich dann aber doch an den Laptop.

Manchmal sind einzelne Sätze Auslöser für ganze Geschichten. So war es auch bei „Freibad“, erzählt Gmehling, dem Buch, für das er gerade ausgezeichnet wurde. Als regelmäßiger Freibadgänger lag es zwar nahe, dass er irgendwann mal ein Buch über diesen Mikrokosmos schreibt, für den Startschuss sorgte allerdings ein Mädchen am Bremer Hauptbahnhof. Dort hörte Gmehling zufällig das Gespräch dreier Kinder mit, in dem ein Mädchen zu ihren Begleitern sagte: „Das können wir uns nicht leisten, wir haben nur drei Euro“. Ein ähnlicher Satz fällt nun auch in „Freibad“, ziemlich zu Beginn.

Darstellung von Familie

Die Geschichte handelt von Alf, Katinka und Robbie Bukowski, drei Geschwistern aus einer nicht besonders reichen Familie, die eine Jahreskarte fürs Freibad bekommen, weil sie ein Kind vor dem Ertrinken gerettet haben. Also verbringen die drei jeden Tag dort, jeder hat sein ganz eigenes Ziel für den Sommer. Robbie möchte zum Beispiel richtig Schwimmen lernen, und Alf will vom Zehner springen. Und hin und wieder teilen sie sich zwei Portionen Pommes für drei Euro – mehr ist nicht drin. „Die Besonderheit dieser Geschichte ist die Darstellung der Familie: Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung und Verständnis füreinander sind so selbstverständlich, dass man mit den Bukowskis sofort befreundet sein möchte“, heißt es in der Begründung der Jury.

Mit „Nächste Runde“ ist bereits ein weiteres Buch um die Bukowskis erschienen. Gerade, verrät Gmehling, arbeitet er an einem dritten Band. Dann will er sich aber auch wieder anderen Geschichten widmen: „Ich plane keine Bukowski-Saga.“

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Wie die Bukowskis stammen viele seiner Figuren – oft sind es Tiere – aus ärmeren Verhältnissen. „Kinderbücher, die im gesicherten Mittelstand spielen, in Vororten mit Gärten, davon gibt es eine Menge“, sagt Gmehling. Er selbst stamme allerdings aus finanziell weniger privilegierten Verhältnissen, alleine daher seien ihm diese Figuren näher.

Kinder als ehrliches Publikum

Noch mehr Spaß als das Schreiben von Büchern mache ihm das Vorlesen. Von Stadt zu Stadt reisen, an Schulen gehen – das ist es, was Gmehling am Autorendasein am besten gefällt. „Das ist ja auch meist der Teil, von dem man lebt“, sagt er. „Es sei denn, man hat Harry Potter geschrieben.“ Wenn man einen Jugendliteraturpreis gewonnen hat, dann häufen sich natürlich die Anfragen nach Lesungen. Es sei denn, die Auszeichnung fällt mitten in eine Zeit, die von einem Virus und Veranstaltungsabsagen geprägt ist. „Das kommt jetzt gerade nicht so gut“, fasst Gmehling es trocken zusammen und hofft auf bessere Zeiten.

Für ihn sind Kinder das ehrlichste Publikum, das es gibt. Ein Junge fragte ihn einmal nach einer Lesung: „Kannst du eigentlich auch Sachen schreiben, die sein können?“ Das führte dazu, dass Gmehlings Geschichten eine Zeit lang ein wenig realistischer wurden. „Freibad“ zum Beispiel ist so ein realistisches Buch ohne sprechende Tiere, Zeitreisen und andere Elemente, denen man im Alltag selten begegnet. „Jetzt habe ich aber auch genug von Sachen, die sein können“, sagt Gmehling und lacht. So stark sei die Trennlinie zwischen real und nicht real für ihn aber sowieso nicht. Er mag es, wenn zwischen ganz vielen normalen Sachen plötzlich eine sonderbare auftaucht. „Literatur ist schließlich nie Realität, sie schafft neuen Raum.“

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