In Der Kritik

„Lieux retrouvés“

Unter idealen Bedingungen präsentierten Komponist Thomas Adès, der Cellist Steven Isserlis und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen eine authentische Aufführung von „Lieux retrouvés“ in der Glocke
05.10.2020, 05:00
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Von Gerd Klingeberg
„Lieux retrouvés“

Der britische Cellist Steven Isserlis trat neben Thomas Adès und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen als solistischer Interpret auf.

Satoshi Aoyagi

Der in London geborene Komponist Thomas Adès als versierter Dirigent eines eigenen Werkes, dazu als solistischer Interpret dieser technisch anspruchsvollen Komposition der weltweit gefragte britische Cellist Steven Isserlis sowie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen als ein ebenso fähiges wie energiegeladenes Orchester, das problemlos jedwede dirigentische Vorgabe unverzüglich umzusetzen wusste: Die Bedingungen für eine authentisch auslotende Aufführung des viersätzigen Opus „Lieux retrouvés“ („Wiedergefundene Orte“) von Adès in der Glocke hätten idealer nicht sein können. Man musste dazu kein ausgewiesener Kenner zeitgenössischer Musik sein, um sich in die Klangbilder der konkret betitelten Sätze einzuhören. Bei „Les eaux“ („Gewässer“) war es ein anfangs zartes, von Streichern, Harfe und dem breiten Strich des Solocellos sensibel nachgebildetes Plätschern, ein komplexes, kaum fassbares Tongeflecht, das abrupt zu gewaltig donnernden Brechern anschwoll. Eine anrührend verwunschene Traumwelt von schier unendlicher Weite ließen Orchester und Solist im dritten Satz „Les champs“ („Die Felder“) entstehen, gingen dazu bei sehr bedächtigem Metrum im fragilsten Pianissimo bis an die Grenze des gerade noch Hörbaren, leiser noch als das kaum wahrnehmbare Rauschen der Klimaanlage. Der Kontrast zum turbulent voranstürmenden, von scharfer Rhythmik bestimmten und bis ins Groteske gesteigerten Finalsatz „La ville: Cancan macabre“ hätte kaum krasser sein können. Souverän meisterte Isserlis die beinahe unspielbaren ­Tücken seines Parts, bewegte die Finger in rasend schnellem Hin und Her auf dem Griffbrett und produzierte markerschütternd fiepende Glissandos im allerhöchsten Diskant. Ein grandioser Höhepunkt des Konzerts, das mit Ludwig van Beethovens überwältigender Prometheus-Ouvertüre und den melodiös-romantischen Schwelgereien des Adagios aus der gleichnamigen Ballettmusik bereits eine riesige Palette an Klangeindrücken vorgelegt hatte. Und es ging weiter. Franz Schuberts reizvolle Orchester-Ouvertüre D 591 geriet mit groß angelegtem Spannungsbogen vom unaufdringlichen, tänzerisch leichten Eingangsteil bis hin zum emphatisch-triumphalen Schluss wie aus einem Guss. Bei der programmatischen Suite Nr. 2 aus „The ­Tempest“ von Jean Sibelius bewiesen die Kammerphilharmoniker erneut ihre gestalterische Variationsbreite. Nordisch melancholische Harmonien – darunter das zarte Säuseln im „Chor der Winde“, die wie schwerelos schwingende Walzereleganz beim „Tanz der Nymphen“ und das robuste Stampfen der finalen „Tanz-Episode“ – fügten sich zum reizvollen musikantischen Kaleidoskop.

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