Ex-Kinderstar Michael Patrick Kelly mit solider Poprock-Show in der Worpsweder Music Hall Kampf ums Erwachsen souverän gemeistert

Worpswede. Die Legende sagt, Michael Patrick Kelly habe das Licht der Welt in einem Wohnwagen erblickt, 1977, irgendwo in Dublin. Als zehntes von zwölf Geschwistern der Kelly Family machte der kleine Paddy schnell Karriere, der Großfamilienverbund stieg aus finsterer Armut zu den erfolgreichsten europäischen Pop-Phänomenen auf.
11.06.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Die Legende sagt, Michael Patrick Kelly habe das Licht der Welt in einem Wohnwagen erblickt, 1977, irgendwo in Dublin. Als zehntes von zwölf Geschwistern der Kelly Family machte der kleine Paddy schnell Karriere, der Großfamilienverbund stieg aus finsterer Armut zu den erfolgreichsten europäischen Pop-Phänomenen auf. Paddy war bald der musikalische Leiter des viel belächelten Familien-Clans, moderierte deren Konzerte und schrieb Hits wie „An Angel“. Es gab kaum Bands, die mehr Spott und Hohn für ihr Auftreten ernteten, als die Kellys, die schon mal als singende Altkleidersammlung gedisst wurden. Auf den Ruhm folgten Abstürze, die Eltern starben, die Millionen waren weg, und fast alle Sprösslinge suchten wie so viele Kinderstars aufreibend und oft schmerzhaft nach ihren Wegen ins normale Leben. Der eine wurde Extremsportler, der andere lebt die Hippie-Ideale der Eltern weiter und Paddy ging ins Kloster.

Nach einer ersten Solo-CD, „In Exile“ von 2003, zog er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Sechs Jahre lebte der Sänger in völliger Abgeschiedenheit von der Welt, bis er ins Musikgeschäft zurückkehrte. Der heute 38-Jährige heiratete und versuchte den Neustart als erwachsener Rockmusiker. Er engagiert sich weiterhin für katholische Projekte und tritt gelegentlich auch wieder mit seinen Geschwistern auf. Im vergangenen Jahr erschien mit „Human“ das dritte Solo-Album, das erste unter seinem vollen Namen Michael Patrick Kelly. Mit dieser Vergangenheit im Gepäck machte sich der Ire nun mit dem Zug auf nach Worpswede, um sein erstes Clubkonzert des Jahres zu spielen, wie er berichtet.

Mit ihm reisen noch immer eine große Anzahl treu ergebener, beinahe ausschließlich weiblicher Fans, die schon in der Nacht vor dem Auftritt Quartier am Eingang zum Club bezogen haben, um einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Dem Hype und seiner eigenen Geschichte begegnet Kelly entspannt und souverän. Früher habe er im Weserstadion gespielt, heute eben in der Music Hall, sagt er, und berichtet von einem Treffen mit einem Fan auf der Hinfahrt. Zwei ältere Damen erkannten ihn offensichtlich nicht, bekamen aber aus dem Gespräch mit, dass er wohl berühmt sei. „Wäre Ihnen Paul McCartney lieber gewesen?“ hielt er ihnen entgegen. Man nimmt ihm ohne Frage ab, dass er mit sich und der Welt im Reinen ist, auch und besonders, weil er seinen Weg dahin – den Glauben – nicht herausstreichen muss. Es gibt eine sehr offen gehaltene Schweigeminute nach „Crisis“, ansonsten verzichtet er auf jegliche Kirchentags-Folklore.

Tatsächlich spielt er an diesem Abend auch Musik, und die ist mehr als grundsolide. Dass Michael Patrick Kelly auch nach dem Stimmbruch noch immer „An Angel“ perfekt singen kann, hat er oft genug bewiesen, und auch im aktuellen Programm ist sein größter Hit zusammen mit einigen wenigen weiteren Stücken aus den Family-Tagen vertreten. Die Version ist vom übergroßen Pathos entstaubt und fügt sich nahtlos in ein Repertoire, das zwischen Pop, Rock und Folk pendelt, in dem aber auch schon mal zwei Bob Dylan-Songs ihre Plätze finden. Kelly ist ein professioneller Entertainer, der zudem auf ebensolche Musiker zurückgreifen kann. Seine Ansagen sind sympathisch und öfter auch selbstironisch. Er sucht weder übergroße Bestätigung, noch muss er Distanz aufbauen, sondern genießt offenbar seine Freiheit, das zu tun, was ihm Spaß macht. Und so spielt er die einzige Zugabe nach knapp zwei Stunden wieder so wie in seinen Anfangstagen auf den Straßen Europas: Unverstärkt, mit akustischer Gitarre, mitten im Saal. Nur inzwischen ohne seine zahlreichen Verwandten.

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