Verleihung in Bremen

Karikaturenpreis: die Seismografen der Gesellschaft

Am Sonntag fand die Verleihung des Deutschen Karikaturenpreises im Theater Bremen statt. Zu dem Thema "Vorsicht, Heimat!" reichten 277 Künstler aus ganz Deutschland Beiträge ein.
11.11.2018, 17:46
Lesedauer: 4 Min
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Karikaturenpreis: die Seismografen der Gesellschaft
Von Imke Wrage
Karikaturenpreis: die Seismografen der Gesellschaft

277 Künstler hatten Beiträge zum Thema "Vorsicht, Heimat!" eingereicht - viele von ihnen waren für die Verleihung angereist.

Shirin Abedi

Heimat hat in Deutschland seit diesem Jahr ihren eigenen Minister. Doch Heimat, was ist das eigentlich? Großmutters Buttermilcheintopf? Ein norddeutsches „Moin, Moin“? Eine Gegend? Weil das Konstrukt Heimat offensichtlich umstritten und dennoch allgegenwärtig ist, waren Karikaturisten für die 19. Ausgabe des vom WESER-KURIER und der „Sächsischen Zeitung“ verliehenen Deutschen Karikaturenpreises aufgerufen, Arbeiten zum Thema „Vorsicht, Heimat!“ einzureichen. Insgesamt 227 Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren dem Aufruf nachgekommen. In über 1000 Karikaturen zeigten sie ihre ganz eigene Perspektive auf das Land vor und hinter dem eisernen Gartenzaun. Die besten Karikaturen wurden nun bei der Preisverleihung im Theater Bremen mit dem Geflügelten Bleistift ausgezeichnet.

Als „Seismographen unserer Gesellschaft“ bezeichnete Bernd Gieseking, Moderator der Preisverleihung, die anwesenden Künstler: Sie seien in der Lage, die kleinste gesellschaftliche Erschütterung zu vernehmen. Ihre karitative Kunst bilde das Vorhandene nicht bloß ab, sagte Gieseking. Sie habe Haltung, könne die Welt aus den Angeln heben.

Angesichts aktueller, teils von Hass und Ausgrenzung geprägter Debatten rund um das Thema Heimat seien sie deshalb ein besonders wertvolles Gut, sagte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) in seiner Rede. „Sie legen den Finger in die Wunde und bringen die Gesellschaft auf Dinge, die zu verändern sind.“ Er dankte dem WESER-KURIER für die Initiative, den Deutschen Karikaturenpreis, der seit zwei Jahren abwechselnd in Dresden und Bremen ausgetragen wird, an die Weser geholt zu haben – er hoffe auf eine „lange Bremer Tradition“.

Verleihung vom deutschen Karikaturenpreis 2018 in Bremen am 11.11.2018 im Theater am Goetheplatz.

Der Preis namens "Geflügelter Bleistift".

Foto: Shirin Abedi

Den diesjährigen Titel „Vorsicht, Heimat!“ könne man in zweierlei Hinsicht verstehen, sagte Döbler: Als Vorsicht vor den „selbst ernannten, völkischen Heimatfreunden“ und als Mahnung, vorsichtig mit den Werten der Heimat umzugehen. „Bei einer guten Karikatur bleibt einem das Lachen auch schon mal im Halse stecken“, sagt Döbler. Für ihn sei Heimat eng mit dem Gedanken einer funktionierenden Demokratie verknüpft: „In meiner Heimat darf ich fast alles sagen, fast alles tun.“ Der Blick nach Peking oder Ankara zeige, dass Demokratie heute nicht mehr selbstverständlich sei, teils als veraltetes, dysfunktionales System gelte. (Auch) ein karitativer Blick auf das politische Geschehen könne aufzeigen, worin genau der Zugewinn von Demokratie bestehe.

Der Deutsche Karikaturenpreis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen für Karikaturisten in Deutschland. Die zehnköpfige Jury bestand in diesem Jahr aus Achim Frenz vom Caricatura Museum Frankfurt am Main, Heinrich Löbbers und Peter Ufer von der „Sächsischen Zeitung“, Moritz Döbler vom WESER-KURIER, Eva-Maria von Máriássy vom Sommerpalais Greiz, Anette Gehrig vom Cartoonmuseum Basel, Kerstin Janse vom Deutschlandfunk Köln, der Sängerin und Schauspielerin Anna Mateur und dem Satiriker und Moderator Dietmar Wischmeyer. Traditionsgemäß saß auch ein Vorjahressieger in der Jury – in diesem Fall der Karikaturist Frank Hoppmann.

Verleihung vom deutschen Karikaturenpreis 2018 in Bremen am 11.11.2018 im Theater am Goetheplatz.

Einer der Preisträger ist Til Mette, Karikaturist beim WESER-KURIER.

Foto: Shirin Abedi

Insgesamt vergab die Jury vier Preise. Ausgezeichnet wurde die beste Einzelkarikatur, die beste Gesamtleistung, eine besondere Leistung sowie der beste Newcomer. Prämiert wurden die Interpretation des Themas, die Originalität der Idee und die zeichnerische Souveränität.

Über den Preis als beste Newcomerin konnte sich Sabine Winterweber freuen. Weil die Karikaturistin nicht hauptberuflich, sondern „aus selbsttherapeutischen Zwecken und für alle, die ihren Humor mögen“ zeichnet, habe sie der Auszeichnung gerade mal „0,0001 Prozent“ gerechnet. In ihrer Karikatur nimmt die gebürtige Westerwäldlerin ihre Sprachheimat in den Schwitzkasten. Sie zeigt auf, worin das Prinzip von dörflicher Kommunikation bisweilen auch bestehen kann: In ihrer Nichtexistenz.

Den Sonderpreis der Jury – der Geflügelte Bleistift in Silber – geht in diesem Jahr an Elias Hauck und Dominik Bauer, deren Karikaturen regelmäßig in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ abgedruckt werden. In der Laudatio lobte Juror und Vorjahressieger Frank Hoppmann das Künstler-Duo für ihren reduzierten, skizzenhaften und ausdrucksstarken Stil. Sie seien das beste Beispiel dafür, dass weniger oft mehr sei. Die Karikatur mit dem Titel „Fremdenfeindlichkeit“ sei philosophisch, bösartig, intelligent, gleichzeitig lustig.

Verleihung vom deutschen Karikaturenpreis 2018 in Bremen am 11.11.2018 im Theater am Goetheplatz.

WK-Chefredakteur Moritz Döbler war einer der Gastgeber der Veranstaltung im Bremer Theater.

Foto: Shirin Abedi

Den Geflügelten Bleistift für die beste Gesamtleistung – die Serie bestehend aus „Heimat“, „Zukunft“ und „Deutsch“ – bekam Til Mette überreicht. Mette zeichnet seit über 20 Jahren für den „Stern“, veröffentlicht seinen satirischen Blick auf die Welt regelmäßig im WESER-KURIER und in der „Taz Bremen“. Bekannt ist er für seine minimalistischen, bissigen Zeichnungen, mit denen er Gesellschaft und Politik seziert.

Mit ihrer Karikatur „Hasenzüchter“ räumten Achim Greser und Heribert Lenz schließlich den Hauptpreis, den Geflügelten Bleistift in Gold, ab. Humoristisch zeigen sie auf, wie schwer es sich der Deutsche bisweilen mit der Fremde tut – und wie absurd die damit verbundene Ängste sein können („Sind die Ausländer jetzt etwa die besseren Kaninchenzüchter?“). In seiner Rede adressierte Achim Greser, der alleine angereist war, die junge Zeitungsleserschaft: Wolle man die Berufssparte der Karikaturisten bewahren, sei es dringend notwendig, dass Zeitungen auch zukünftig noch gedruckt und verkauft würden.

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Eine Auswahl der eingereichten Karikaturen sind ab Dienstag, 13. November, in Kooperation mit dem WESER-KURIER in der Bremer Weserburg ausgestellt. Der Katalog zum Wettbewerb ist zum Preis von 17,90 Euro in den Pressehäusern des WESER-KURIER, im Onlineshop unter weser-kurier.de/shop sowie im Buchhandel erhältlich.

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