Martina Winkler leitet den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für tschechische Kulturgeschichte Kein Moment, um aufzuhören

Bremen. Sich in der Geschichtswissenschaft nur mit den großen Nationen zu beschäftigen, sei einfach zu wenig, sagt die Historikerin Martina Winkler. Dafür sei die Geschichte zu komplex.
06.11.2016, 00:00
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Von Lisa-Maria Röhling

Bremen. Sich in der Geschichtswissenschaft nur mit den großen Nationen zu beschäftigen, sei einfach zu wenig, sagt die Historikerin Martina Winkler. Dafür sei die Geschichte zu komplex. Winkler leitet an der Universität Bremen den Lehrstuhl „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas mit Schwerpunkt Geschichte der CSSR – den einzigen Lehrstuhl in Deutschland, der die Geschichte Tschechiens in den Mittelpunkt stellt.

Der ungewöhnliche Schwerpunkt verwundere fast jeden, sagt Winkler. Aber besonders zwischen Deutschland und Tschechien gäbe es viele gemeinsame historische und aktuelle Bezüge. „Es ist immer wichtig, über den Tellerrand hinaus zu schauen“, sagt sie. Deswegen sei auch die tschechische Geschichte relevant für die gesamte Geschichtsforschung.

Winkler trägt ihre Lehre aus den Hörsälen heraus: Der Lehrstuhl hat eine Facebook-Seite, auf der auf deutsch-tschechische Lesungen oder andere Veranstaltungen hingewiesen wird, wo aber auch Artikel über die tagespolitischen Debatten in Tschechien geteilt werden. Man könne Geschichte ja nicht in einem Elfenbeinturm erforschen, sagt Winkler. Deswegen arbeitet der Lehrstuhl auch eng mit dem Theater in Bremen, mit tschechischen Autoren wie Jaroslav Rudis oder dem Literaturfest „Globale“ und der Leiterin Libuse Cerna zusammen. „Gesamtbeschallung Tschechisch“ nennt Winkler das.

Die Hälfte ihrer Familie hat tschechische Wurzeln, damit habe ihr Interesse natürlich auch eine persönliche Komponente. Ihre Dissertation schrieb sie über den tschechoslowakischen Politiker Karel Kramár und weitete ihren Forschungsschwerpunkt dann auf die sogenannte „Globalgeschichte“ aus. Einen puren Fokus auf Tschechien findet sie nicht angemessen, schließlich sei eine Einbindung der Forschungen in den großen Rahmen und den globalhistorischen Kontext sehr wichtig. „Tschechien ist keine Insel“, sagt sie, und man habe gar keine Vorstellung, wie viele globale Aspekte in der Geschichte dieses Landes steckten. Zum Beispiel habe eine ihrer Mitarbeiterinnen herausgefunden, dass nach der tschechischen Nationalstaatsgründung tatsächlich über die Eroberung von Kolonien nachgedacht wurde. Ein Detail, mit der das Gesamtbild der Imperialismusforschung vervollständigt werden könne.

Der Lehrstuhl in Bremen wurde im Rahmen der Exzellenzinitiative geschaffen, zunächst für fünf Jahre. „Ich war skeptisch“, sagt Winkler über den Moment, als ihr die Stelle angeboten wurde. Sie hatte bei ihren bisherigen Lehraufträgen nicht das Gefühl gehabt, dass tschechische Geschichte auf großes Interesse stieß. Doch in Bremen sei alles ganz anders gewesen. Ihre Studierenden seien unglaublich engagiert und interessiert, sowohl an den Lehrveranstaltungen als auch an den Sprachkursen. Vor allem das Engagement der Studierenden, Exkursionen oder Kooperation eigenverantwortlich zu organisieren, begeistert Winkler. „Sonst würde ich das nicht so gerne machen“.

Winkler ist es wichtig, die Studierenden nicht nur mit dem lokalen Schwerpunkt, sondern auch mit passenden Themen zu begeistern. Für ihre eigenen Forschungen hat sie das Ziel, dass diese auch Relevanz haben müssen: „Eine intellektuelle Relevanz, um etwas besser verstehen zu können, und eine gesellschaftliche Relevanz“. Ihre aktuelle Publikation „Das Imperium und die Seeotter“ erforscht das Eintreffen russischer Händler an der amerikanischen Nordwestküste im 18. Jahrhundert. Außerdem beschäftigt sie sich mit Fotografien nach der Invasion in der Tschechoslowakei 1968. Auch da sei noch viel zutun. Winkler hofft, noch weiter in Bremen lehren zu können. Allerdings hängt die Existenz des Lehrstuhls von einer baldigen Evaluation ab. Auch ihre Studierenden setzen sich für einen Fortbestand ein. „Ich glaube, sowohl Bremen als auch die Uni haben die Chance, hier etwas Einzigartiges aufzubauen“, sagt Winkler, denn die Verbindung von Politik, Kultur und Wissenschaft zu diesem Interessengebiet gäbe es woanders nicht. Und auch in Tschechien beginne man jetzt, sich für den Lehrstuhl zu interessieren. Kein Moment, um aufzuhören.

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