Premiere von "Die Räuber" am Theater am Goetheplatz

Keine Zeit für Revolutionen

Bremen. Felix Rothenhäuslers Version von "Die Räuber", die am Theater am Goetheplatz Premiere gefeiert hat, könnte desillusionierter nicht sein. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden zementiert von einer bunten Warenwelt.
03.06.2013, 05:00
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Keine Zeit für Revolutionen
Von Alexandra Albrecht
Keine Zeit für Revolutionen

Eine Parade aus Comicfiguren signalisiert

Peter Zadeks Inszenierung von Friedrich Schillers "Die Räuber" gehörte zu den Stücken, die einst den Ruhm des Bremer Theaters mehrten. Felix Rothenhäuslers Version des Stoffes könnte desillusionierter nicht sein: Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden zementiert von einer bunten Warenwelt.

Bremen. Das Bremer Theater unter Michael Börgerding bekennt immer wieder, an die Tradition des legendären Intendanten Kurt Hübner anknüpfen zu wollen. Darauf verweist der gebogene Pfeil, der schon in den 1960er/70er-Jahren die Programmhefte zierte und jetzt dort wieder zu finden ist. Aber auch das Programm bietet eine Menge zur Heldenverehrung an: Nachdem am Freitag ein Schauspielprojekt nach der Wirkung der Hübner-Jahre fragte, folgte im Theater am Goetheplatz Felix Rothenhäuslers Inszenierung von Schillers Schauspiel "Die Räuber". Peter Zadeks Version des Stoffes (1966) war neben der von Peter Stein verantworteten Aufführung des "Torquato Tasso" die Inszenierung, die seinerzeit den "Bremer Stil" prägte.

Der Stoff muss in den 1960er-Jahren eine große Faszination auf die jüngere Generation ausgeübt haben, finden sich in dem Schauspiel doch all die Themen, die seinerzeit die Gemüter bewegten: die Abwendung von den Vätern, das Aufbegehren gegen die Obrigkeit und der Kampf für eine bessere Welt. Zadek, der wenig mit dem heiligen Ernst der Achtundsechziger anfangen konnte, und der auch dem Pathos des Schillerschen Textes misstraute, präsentierte eine grellbunte, comicartige Version des Stoffes. Bei Felix Rothenhäusler tritt die Räuberbande gar nicht mehr auf, sie ist auf ihren Anführer Karl von Moor zusammengeschnurrt.

Rothenhäuslers Inszenierung gibt sich ausgesprochen spröde und konzentriert sich über weite Strecken auf den einerseits gekürzten, andererseits ergänzten Text. Zu Beginn steht Franz , der intrigante Zweitgeborene des Grafen Moor, nackt auf der kahlen Bühne und kündigt ohne einen Anflug von Hass, Wut oder Zorn an, nun alles ausrotten zu wollen, was ihn einschränkt. Anders als bei Schiller ist dieser Franz keineswegs hässlich, er ist ein ansehnlicher junger Mann, der sich später modisch mit Jogginghose und Silberschuhen kleidet und einen harmlos-netten Eindruck macht.

Claudius Franz spielt nicht nur Franz, der mit seinen Intrigen den Bruder vom Hofe fernhalten will, um sich die Herrschaft zu sichern, er übernimmt partienweise auch die Rolle des Vaters. Diese Verschmelzung verschiedener Charaktere verfolgt Rothenhäusler auch bei den anderen Figuren. Dass Franz als der erfolglos um Liebe buhlende Sohn den übermächtigen Vater nicht los wird, dass dieser sogar aus ihm spricht, ist nachvollziehbar.

Bei Amalia drückt sich die Aufspaltung der Figur in verschiedene Charaktere durch ständig wechselnde Frisuren und Kostüme aus. Anfangs steht sie mit blondem langem Haar und einer Motorradjacke zum langen Rock allein auf der Bühne. Es folgen: kurze schwarze Haare, lange rote Lockenmähne, platinblonder Pagenkopf, langer Rock, kurzer Rock, Blümchenkleid. Mit den Haarfarben wechselt auch das Auftreten: Dem ihr nachstellenden Franz begegnet sie aggressiv, dem alten Grafen Moor fürsorglich, und wenn sie an den geliebten Karl denkt, verwandelt sie sich in ein zartfühlendes Mädchen.

Die im Text angelegte Vielschichtigkeit der Figuren, von denen keine nur gut oder böse ist, wird durch die Inszenierung plakativ unterstrichen. Am deutlichsten beim Räuberhauptmann Karl von Moor (Robin Sondermann). Denn dieser verschmilzt mit seinen Gefolgsleuten Spiegelberg, Roller und all den anderen Spitzbuben, indem er ihre Texte ebenfalls übernimmt. Karl, der Freiheitsliebende, aus Idealismus gegen die Obrigkeit aufbegehrende Kämpfer, unterscheidet sich jetzt nicht mehr von den brutalen, nur von Egoismus getriebenen Räubern.

Als diese aus Rache eine Stadt abgebrannt haben (was nicht gezeigt wird), ergießt sich plötzlich eine Parade aus Comicfiguren auf die Bühne: Goofy, Mickymaus, die sieben Zwerge, Schweinchendick – sie und noch viel mehr tanzen fröhlich über die Bühne. Die Revolution fällt aus, sie war nichts anderes als ein Kindertraum.

Desillusionierter als Felix Rothenhäusler kann man "Die Räuber" nicht aufführen. Der Regisseur hatte ein bemerkenswertes Team zur Verfügung, das den Text sinnvoll und verständlich sprechen konnte. Rothenhäuslers Vorliebe für Soloauftritte führt aber bei einem Zweieinviertelstunden langen Abend zu Längen. Viel Beifall für das vierköpfige Schauspielteam, Buhs für das siebenköpfige (!) Regieteam.

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