Familie & Bande Kindheit nach dem Krieg

Manchmal liegen Glück und Unglück sehr nah beieinander. Das zeigt das Buch der Bremer Autorin und Illustratorin Anke Bär „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ - geeignet für junge Leser ab neun Jahren.
25.09.2018, 11:34
Lesedauer: 4 Min
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Kindheit nach dem Krieg
Von Catrin Frerichs

Die Geschichte fühlt sich an wie eine Reise mit der Zeitmaschine. Sie führt zurück ins Deutschland der Nachkriegszeit, in Jahre voller Entbehrungen und politischer Umbrüche, als zwölf Millionen Menschen eine neue Heimat suchen. „Das Thema hat mich persönlich interessiert, ich wollte mehr über die Kindheit meiner eigenen Eltern wissen“, sagt Anke Bär. Also wagt sie sich hinein in die Zeit Ende der 1940er-Jahre, kurz bevor die Bundesrepublik Deutschland gegründet und das Land geteilt wird.

Die Bremerin, die in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert hat, sprüht vor Kreativität, jongliert mit vielen Bällen gleichzeitig. Sie arbeitet als Illustratorin und Autorin, sie gibt bei Lehraufträgen, in Workshops und bei Schulkooperationen Kurse für Erwachsene und Kinder, hält szenische Lesungen, betreut Kunstprojekte. „Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass ich eine Generalistin bin“, sagt sie und meint damit, dass sie viele Talente besitzt, die am Ende wunderbar zusammenpassen.

Zeichnen, Schreiben, Gespür für Geschichtliches: Aus dieser Kombination ist ihr drittes Buch für Kinder entstanden. „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ heißt es. Zuvor hat Bär zwei andere Bücher für Kinder verfasst. „Endres der Kaufmannssohn“ erzählt vom Leben in einer mittelalterlichen Hansestadt, und „Wilhelms Reise“ ist eine Auswanderergeschichte, die 1872 in Bremerhaven beginnt. Bei den Recherchen zum Mittelalterbuch stand ihr nur ein begrenzter Fundus an Fakten zur Verfügung. Bei den Kirschendieben ist es anders. Die erste Quelle ist die eigene Familie.

Anke Bär sitzt an einem langen Tresen im Gemeinschaftsatelier an der Schildstraße im Bremer Ostertorviertel. Der große Raum ist prall gefüllt mit Stiften, Stoffen, Rechnern, Büchern und Kartons; die Wände sind gespickt mit Zeichnungen und Notizzetteln. „Ich mag es, Historisches nah ranzuholen und hatte großes Glück, dass es in meiner Familie noch so viele Briefe, Dokumente und Objekte aus der Zeit gab“, erzählt Bär. Vor ihr liegen ihre Originalbleistiftzeichnungen, die die einzelnen Kapitel des Buches illustrieren und das von ihr gestaltete Cover zieren. Hirschgeweih. Stempel. Springseil.

Im Frühjahr ist das Buch um die elfjährige Ich-Erzählerin Lotte erschienen. Davor lagen zweieinhalb Jahre Arbeit. „Ich halte den Prozess lange offen“, sagt Bär, „ich liebe dieses Planen, Recherchieren und das Lesen, Experten zu treffen.“

Zwei Historiker unterstützen das Projekt. Die Lektorin gibt Feedback. Hilfe bekommt Anke Bär auch von ihrer ältesten Tochter, der 13-jährigen Emma, die Kapitel gegenliest. Bär schreibt zu Hause, vor ihr nur der Bildschirm auf einem leeren Tisch. Im Atelier ist es zu wuselig. „Ich schreibe sehr gern, es ist ein großes Glück, wenn die Figuren sich beim Schreiben verselbstständigen“, sagt sie. Zunächst steht das Gerüst, dann feilt die Autorin an den Personen, gibt ihnen Eigenschaften und Geheimnisse, lässt eigene Kindheitserinnerungen einfließen. Am Ende hält sie ein Buch mit 36 Kapiteln in den Händen, das im Kern die Kindheit ihrer eigenen Mutter erzählt.

Lotto ist elf, als sie mit den Eltern und den zwei Geschwistern bei der Tante, dem Cousin und der Cousine in einem Forsthaus irgendwo in Niedersachsen untergekommt, in dem auch die vierköpfige Försterfamilie wohnt. Onkel Fritz ist im Krieg gefallen, Lottes Vater erst vor Kurzem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. „Es ist das größte Glück der Welt, dass wir hier gelandet sind. Auch wenn es das größte Unglück der Welt ist, das uns hergebracht hat: der Krieg“, sagt Lotte zu Beginn des Buches.

Während die Erwachsenen Kriegserlebnisse und Schuld verarbeiten müssen und ein strenges Regiment führen – bei Fehltritten gibt es Prügel –, sind Lotte und die anderen meistens auf sich gestellt. Die Kinder besuchen die Dorfschule, butschern durch den Wald, balancieren auf Mauern und heben Fallgruben vor ihren selbstgezimmerten Hütten aus.

Es fehlt an allem, vor allem an Lebensmitteln. Die Familie presst aus Bucheckern Öl, trinkt Getreidekaffee, sonntags stehen Kartoffeln, Kohl und Apfelkompott auf dem Tisch. Zum Glück gibt es eigenen Honig, Gemüsebeete im Garten, Lottes Lederhose, das klapprige Auto und die leuchtend-grünen Augen von Lottes Cousin Knut.

Anke Bär lässt Politisches und Gesellschaftliches mit einfließen, das tut sie behutsam aus Sicht der Elfjährigen, die sich etwa darüber wundert, dass ihre Großmutter dem Großvater jeden Sonnabend das Haushaltsbuch vorlegen muss. Bär zeigt, dass es auch andere Lebensentwürfe gibt, etwa in Person der Patentante Elli, die mit dem Motorrad unterwegs ist und partout nicht heiraten will.

Was das mit vielen Sinneseindrücken erzählte Buch ebenfalls besonders macht, ist der Anhang. Dort finden sich Fotos von Familien-Erinnerungsstücken aus der Nachkriegszeit: Puppe Kläuschen, der in einem der Kapitel eine wichtige Rolle spielt, das Fußballquartett, Schulranzen und Schiefertafel, Zinkwanne und Teppichklopfer.

Zu sehen sind Briefe, Fotos und die Flüchtlingsausweise der Großeltern. Neben einem Abriss über die politischen Ereignisse listet Anke Bär noch Museen sowie Buch-, Film- und Internettipps auf, die sich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte befassen. Das Buch, hat Bär bei Lesugen erfahren, spricht Kinder ebenso an wie ältere Menschen, die die Zeit miterlebt haben.

„Meiner Familie und anderen Zeitzeugen gegenüber empfinde ich positive Dankbarkeit“, sagt Anke Bär. Es sei nicht immer leicht gefallen, sich an die Vergangenheit zu erinnern, Wunden sind dabei aufgebrochen. „Kirschendiebe“ ist keine Biografie und kein verklärtes „Wir Kinder aus Bullerbü“. Lottes Geschichte ist zwar erfunden, und „doch steckt viel von dem darin, was mir meine Eltern, Schwiegereltern, Tanten, Onkel, Nachbarn, Menschen an der Bushaltestelle erzählt haben“, schreibt die Autorin im Nachwort – und appelliert an die jungen Leser, einfach mal in der eigenen Familie nachzufragen.

Das gebundene Buch aus dem Gerstenberg-Verlag hat 208 Seiten und kostet 18 Euro. Es ist besonders für Kinder von Klasse 4 bis 6 geeignet

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