Präsident der Filmförderungsgesellschaft

Bernd Neumann: Pandemie hat angespannte Lage der Kinos deutlich verschärft

Bernd Neumann ist Präsident der Filmförderungsanstalt. Der Bremer und ehemalige Kulturstaatsminister spricht im Interview über die Folgen der Corona-Krise, die weiteren Aussichten und staatliche Hilfsprogramme.
18.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Bernd Neumann: Pandemie hat angespannte Lage der Kinos deutlich verschärft
Von Silke Hellwig
Bernd Neumann: Pandemie hat angespannte Lage der Kinos deutlich verschärft

Dreharbeiten – wie hier für "The Last Duel" von Rildey Scott mit Jodie Corner – mussten im März unterbrochen werden. Dieser Film soll in einem Jahr in die Kinos kommen.

Niall Carson /PA Wire /dpa

Herr Neumann, die Filmwirtschaft gehört zu den Branchen, die besonders unter der Corona-Krise leiden. Was setzt ihr besonders zu?

Bernd Neumann: Die Branche leidet arg, das muss man schon sagen. Ganz besonders leiden die Filmverleiher und noch mehr die Kinos. Auch die Produzenten haben durch den Lockdown Umsatzeinbrüche zu verzeichnen, aber bei ihnen geht es langsam wieder bergauf. Sie drehen wieder, wenngleich unter erschwerten Bedingungen.

Inwiefern?

Die Auflagen sind äußerst streng, natürlich zu Recht, denn es besteht die große Sorge, dass eine Produktion schlimmstenfalls durch Quarantäne abgebrochen werden muss. Eine solche Unterbrechung wäre sehr teuer, wenn nicht produktionsgefährdend, beispielsweise weil Schauspieler schon andere Engagements haben. Die Versicherungen lehnen es ab, solche Pandemieschäden zu decken. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hat jetzt im Rahmen des Rettungspakets „Neustart Kultur" 50 Millionen Euro für einen Ausfallfonds zur Verfügung gestellt.

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Wie muss man sich die Produktionsumstände unter dem Vorzeichen Corona ungefähr vorstellen?

Alle an einem Dreh Beteiligten werden auf das Virus getestet und müssen vor Drehbeginn fünf Tage in Quarantäne. Die Crew wird in Gruppen aufgeteilt, die sich nicht begegnen dürfen. Es gibt eine strenge Maskenpflicht. Bei allen, die zum Set gehören, bis hin zu den Fahrern, wird die Temperatur überwacht. Jede Produktion muss einen Corona-Beauftragten haben, der dafür sorgt, dass alles das eingehalten wird.

Zurück zu den Kinos: Dort müssen nicht nur viele Plätze frei bleiben. Hinzu kommt, dass die Starttermine von Filmen wie dem neuen James Bond verschoben werden, von denen sich Kinos viele Zuschauer versprechen können.

Das ist tatsächlich ein großes Problem. Schon vor der Corona-Krise war von einem Kinosterben die Rede, weil die Kinos Konkurrenz durch Streamingdienste bekommen haben. Nicht nur, weil potenzielle Kunden dorthin abwandern, sondern weil dort auch selbst mehr und mehr Filme produziert werden, die nie in die Kinos gelangen. Die also ohnehin schon angespannte Lage wird durch die Pandemie noch einmal deutlich verschärft. Die Kinos in kleineren Städten hatten schon zu kämpfen, doch es trifft auch die Großen: Cineworld, die zweitgrößte Kinogruppe der Welt, hat in den USA den Betrieb von 536 Kinos eingestellt, in Großbritannien 127. Das betrifft rund 45.000 Beschäftigte. Die Gefahr, dass viele Kinos das nicht mehr lange durchhalten, ist also groß. Wenn die Kinos sterben, stirbt ein Teil unserer Kultur, vor allem in der Fläche.

In welchem Umfang werden überhaupt schon wieder Filme produziert?

International wird derzeit trotz der schwierigen Umstände sogar eher mehr gedreht als weniger. Aufgrund des Lockdown gibt es einen massiven Nachholbedarf. Das gilt auch fürs Fernsehen. Also an Material scheitert es im Grunde nicht.

Den Produktionen fehlen die Mindereinnahmen an den Kinokassen nicht?

Kinoproduktionen werden schon immer massiv finanziell gefördert, durch die zahlreichen Förderinstitutionen des Bundes und der Länder. Natürlich gibt es Blockbuster, an denen die Beteiligten unter normalen Umständen tüchtig verdienen. Deshalb sind der neue Bond sowie beispielsweise „Top Gun II“ verschoben worden, quasi in bessere Zeiten. Die Disney-Produktion „Mulan“, auf die fürs Kino große Hoffnungen gesetzt wurde, wird jetzt nur auf einer Streamingplattform gezeigt. Das Minus beim Ticketverkauf, derzeit etwa 80 Prozent, baden vor allem die Verleiher und Kinobetreiber aus. Sie trifft es doppelt: Sie können wegen der Auflagen weniger Tickets verkaufen, und es gibt zu wenig Filme, die ein Massenpublikum ins Kino ziehen.

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Was kann man dagegen tun?

Bei den großen US-amerikanischen Produktionen muss man das hinnehmen. In Deutschland ist es gelungen, die Verleiher zu bewegen, ihre Filme nicht zurückzuhalten. Sie schaden sich letztlich selbst: Es gilt zu verhindern, dass es irgendwann kein Kino mehr gibt, in dem man ihre Filme überhaupt zeigen kann. Eine Reihe von deutschen Filmen läuft auch gerade oder demnächst an. Aber damit alleine kann man das Programm nicht bestreiten, deutsche Filme machen bestenfalls ein Viertel des Kinobesuchs aus.

Könnte man die Auflagen für die Kinos lockern?

Die Auflagen sind meines Erachtens nicht optimal. Sie unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, das ist schon schwierig. Es gibt Säle, in die mehr als 1000 Personen passen, die aber nur mit 250 Zuschauern ausgelastet werden dürfen. Unter diesen Umständen kann kein Kino länger überleben, trotz staatlicher Hilfen. In manchen Ländern wie in Rheinland-Pfalz reicht es, wenn je ein Platz in jede Richtung frei bleibt, bei Maskenpflicht. So können die Kinos eine Auslastung von etwa 50 Prozent erreichen. Das ist schon eine echte Hilfe. Die Kinoverbände fordern entsprechend, dass der Mindestabstand auf einen Meter verringert wird. Sie argumentieren, dass man im Flugzeug oder im Zug enger zusammensitzt.

Daraus wird gerade jetzt so schnell nichts werden, oder?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung sieht es zumindest in großen Städten nicht danach aus.

Was muss geschehen?

Wir brauchen grundsätzlich auch und gerade jetzt gute Filme, damit mehr Menschen in die Kinos gehen, trotz der Ungemütlichkeiten, die die Pandemie derzeit mit sich bringt. Wir reden von sogenannten Millionären, also Filmen, die ein Millionenpublikum anziehen. „Tenet“ hat als erster Film nach dem Lockdown diese Millionenmarke geknackt, allerdings lief er auch deutlich länger als sonst üblich. Nicht zuletzt liegt es an den Zuschauern, die Kinos zu retten, indem sie sie auch besuchen. Demnächst soll eine entsprechende Kampagne anlaufen, die die Filmförderungsanstalt auch unterstützt.

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Was sagen Sie zu dem Offenen Brief von 31 unabhängigen Filmverleihern zur Fördersituation der Filmwirtschaft in der Corona-Krise, der gerade veröffentlicht wurde? Sie sind der Ansicht, dass die Hilfen für die Kinos „nicht zu Ende gedacht“ sind. Sie plädieren für eine Struktur- statt eine Projektförderung, auch für ausländische Filme.

Ich kann die Forderung verstehen, und man sollte sich einem solchen Vorstoß und den Vorschlägen nicht generell verschließen. Allerdings darf man nicht vergessen, seit wann wir uns mit dieser schwierigen Lage beschäftigen, die auch die gesamte Filmbranche vollkommen unvorbereitet getroffen hat. Die Hilfsprogramme wurden schnell auf die Beine gestellt, um möglichst zügig zu helfen. Es spricht nichts dagegen, hier und da noch nachzubessern. Aber das kostet Zeit.

Waren Sie im September bei den Filmfestspielen in Venedig, die als Hybrid-Festival mit Online- und mit echten Vorführungen stattgefunden haben?

Nein, darauf habe ich in diesem Jahr bewusst verzichtet. Ich habe es erwogen, weil man mit seiner Präsenz auch ein Bekenntnis ablegt, aber die derzeitigen Umstände beim Reisen haben mich davon abgehalten. Jetzt wird die Berlinale als Präsenzfestival geplant, aber wenn die Zahlen bleiben wie sie sind, wird sie vielleicht nur online stattfinden können. Das wäre außerordentlich schade.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Bernd Neumann ist seit 2014 Präsident der Filmförderungsanstalt. Von 2005 bis 2013 war der Christdemokrat Kulturstaatsminister, davor viele Jahre lang Bundestagsabgeordneter.

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Zur Sache

Corona-Hilfen für die Filmwirtschaft

„Es gibt beträchtliche Hilfen in diesen schwierigen Zeiten, wir sind mit Frankreich spitze in Europa“, sagt der ehemalige Kulturstaatsminister Neumann. Neben Unterstützung, die auch anderen Betrieben durch die Krise helfen sollen, wie Kurzarbeitergeld oder Überbrückungshilfen, gibt es spezielle Förderprogramme: Das „Zukunftsprogramm Kino“ ist mit 22 Millionen Euro ausgestattet, die der Modernisierung von Kinos dienen sollen, insbesondere kleinerer Arthouse-Kinos. 40 Millionen fließen in das Zukunftsprogramm II, das alle pandemiebedingten Erschwernisse lindern soll.

Zudem hat Neumanns Nachfolgerin Monika Grütters ein Zukunftsprogramm III angekündigt: 30 Millionen Euro zur Hilfe beim Tragen der Betriebskosten. Mit „Neustart Kultur“ hat die Bundesregierung ein Rettungs- und Zukunftsprogramm für den Kultur- und Medienbereich aufgelegt, von dem auch die Filmwirtschaft profitiert. Die Filmförderungsanstalt selbst stundet unter anderem Darlehensforderungen und hat die Auszahlung von Fördermitteln beschleunigt, auch in Form von Vorschüssen.

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