Kommentar zur Oscarverleihung Kleine Schritte

Der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho hat als erster nicht-englischsprachiger Regisseur den Oscar für den besten Film erhalten. Keine Revolution, aber ein Anzeichen für Wandel, findet Iris Hetscher.
10.02.2020, 13:53
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Kleine Schritte
Von Iris Hetscher

An Kritik hatte es im Vorfeld nicht gemangelt. Für die wichtigsten Kategorien des weltweit bekanntesten Filmpreises seien (wieder einmal) überwiegend Werke von und mit weißen Männern nominiert, und das trotz #OscarsSoWhite und #OscarsSoMale. Und jetzt das: Der süd-­koreanische Regisseur Bong Joon Ho hat die Trophäen in drei wichtigen Kategorien (Bester Film, Regie, bestes Originaldrehbuch) als erster nicht-englischsprachiger Filmemacher abgeräumt. Dazu hat er, wie erwartet, den Oscar für das beste internationale Werk bekommen.

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„Parasite“, diese brillant-fiese Tragikomödie, inhaltlich und formal ein großer Wurf, schreibt Geschichte und zeigt, wenn auch schüchtern, in eine Richtung. Bitte mehr Diversität auf den Leinwänden und bei den Preisverleihungen, das ist seit mehreren Jahren eine sehr lautstark geführte Debatte der internationalen Filmcommunity. Längst auch in Hollywood. Der Oscar als der Filmpreis schlechthin ist dafür natürlich ein ­besonderes Symbol. Und dass die Jury sich immer noch schwertut, Produktionen abseits des seit Jahrzehnten vorherrschenden Rasters – männliche, weiße Helden spielen in Filmen männlicher, weißer Regisseure – zu nominieren und zu prämieren, daher besonders symbolhaft. Aber nicht verwunderlich: Von den 8500 Mitgliedern sind 28 Prozent weiblich, lediglich 16 Prozent sind People of Color. Und das wird schon als Fortschritt gefeiert.

Da die Academy-Mitglieder auf Lebenszeit gewählt sind, wird es wohl noch einige Zeit bei eher kleinen Schritten in Richtung Vielfalt bleiben. Einer davon allerdings wäre ziemlich schnell getan und hätte mit der Zusammensetzung der Jury gar nichts zu tun: Die Academy könnte auf die absurden Mehrfach-Nominierungen verzichten und sich auf die Stärken einzelner Filme konzentrieren. Ein Film wie „1917“ zeigt keine sehr überraschende Geschichte, glänzt aber durch die Kameraarbeit. „Joker“ wird getragen von Joaquin Phoenix – und übrigens auch von der Musik der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir. Sie hat, eine weitere Überraschung, alten Haudegen wie John Williams oder Alexandre Desplat den Oscar für den Score weggeschnappt.

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Die Diskussionen rund um den Oscar erweisen sich als erfreulich hartnäckig. Das hat dazu geführt, dass auch die Produktionsbedingungen in den Fokus rücken: Für gerade einmal zehn Prozent der in den USA gedrehten Filme sind laut einer Studie Regisseurinnen engagiert. Höher ausfallen dürfte dieser Anteil bei Streaming-Produktionen, bei denen weibliche Namen als Verantwortliche erheblich regelmäßiger in Abspännen auftauchen. Als Rezept, den Anteil von Frauen und Nicht-Weißen zu erhöhen, gilt natürlich immer gerne die Quote. Diese ist und bleibt aber auch im künstlerischen Bereich ein Holzhammerinstrument. Weil sie diejenigen, die sie fördern soll, eher in ein fahles Begünstigungs- denn ins Scheinwerferlicht rückt.

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