Deutsche Geschichte auf der Bühne Kleiner Mann – was nun?

Am Stadttheater Bremerhaven kommt am 9. November „Die Blechtrommel“ nach Günter Grass' Roman zur Premiere. Mark Zurmühle inszeniert den Stoff, der grotesk und horrend zugleich ist.
07.11.2019, 18:05
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Kleiner Mann – was nun?
Von Hendrik Werner

Bremerhaven. Bei diesem Lied, das in Schlesien ab dem Jahr 1915 zu einem volkstümlichen Superhit geriet, in Tschechien indes zeitweilig verboten war, dürfte deutschen Geschichtsrevisionisten das Herz aufgehen, deren demokratischen Kritikern hingegen das Messer in der Hose. Kay Krause, Schauspieler am Stadttheater Bremerhaven, intoniert es auf der Bühne des Großen Hauses mit verhaltenem Pathos, bevor seine Ensemblekollegen durchaus inbrünstig einstimmen: „Oh, mein liebes Riesengebirge, / wo die Elbe so heimlich rinnt, / wo der Rübezahl mit seinen Zwergen / heut' noch Sagen und Märchen spinnt.“

Ein Probendurchlauf, vier Tage vor der Premiere von „Die Blechtrommel“ nach Günter Grass' Erfolgsroman, zugleich Auftakt zur „Danziger Trilogie“. Nicht von ungefähr hat das Team um Intendant Ulrich Mokrusch die erste Aufführung dieses ausgesprochen deutschen Stoffes für den historisch ambivalent besetzten 9. November anberaumt. Entsprechend groß ist das Interesse bei der sogenannten Kostprobe, einer Veranstaltungsreihe des Hauses, bei der geneigte Besucher erste Impressionen der Inszenierung und weitere sachdienliche Informationen erhalten.

Bezeichnende Leerstelle

Nach der eigentlichen Kostprobe wird Nadja Hess, die die Produktion als Dramaturgin betreut, den Theatergästen von Günter Grass' Vita und Werk erzählen. Sie wird vom deutschen Überfall auf Polen sprechen, der sich vor 80 Jahren in Danzig, Grass' Geburtsstadt, zutrug. Zudem wird sie jene für einen deutschen Lebenslauf womöglich bezeichnende Leerstelle thematisieren, die Grass erst im Jahr 2006 mit dem Bekenntnis schloss, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen.

Die Moderation des intimen Einblicks in das Probenfinale übernimmt naturgemäß der Regisseur der Roman-Adaption: Mark Zurmühle hat sich in seiner langen Laufbahn durch eine Reihe von Literaturbearbeitungen für „Die Blechtrommel“ empfohlen, zuletzt mit viel Zustimmung durch Bühnenversionen von Michel Houellebecqs Skandalprosa „Unterwerfung“ (2016) und Bov Bjergs fiktionaler Wohngemeinschaftshommage „Auerhaus“ (2018).

Oskar in der Psychiatrie

„Wir werden einen Teil zeigen, der relativ fertig ist“, verheißt Zurmühle von der ersten Zuschauerreihe im Parkett aus. Und gibt den Zuschauern, die vorwiegend jenseits der 50 sind, zur Einstimmung noch mit, dass die Bremerhavener Inszenierung nicht etwa einen dreijährigen Oskar-Matzerath-Darsteller habe, sondern einen gut 30-jährigen Akteur (Max Roenneberg). Für die Legitimität dieses Vorgehens steht die Buchvorlage, die – anders als Volker Schlöndorffs Verfilmung aus dem Jahr 1979 – mit einer Rahmenhandlung aufwartet, die den Blechtrommler Oskar Matzerath wegen Mordverdachts zeitweilig in der geschlossenen Psychiatrie verortet. Von diesem Ort aus hält er Rückschau, ja identifiziert Pfleger und Ärzte mit zentralen Bezugspersonen aus seiner Kindheit – und schlägt auf diese Weise eine solide Erzählbrücke zwischen den Zeitebenen, die vorgeführt werden.

Am Stadttheater Bremerhaven sorgt dieses Klinik-Setting für erheblichen Schauwert. Denn die Auftaktszenen des Stückes, die im Rahmen der Kostprobe gezeigt werden, sehen die Fixierung des außer Rand und Band geratenen Protagonisten durch das Personal vor. Für die spektakulärsten Geräusche wiederum sorgt bei dem an Action reichen Beginn der verheißungsvollen Produktion nicht etwa einer der spitzen Schreie von Roennebergs Oskar, sondern jenes durch Mark und Bein gehende Entbindungsgebrüll und -gewimmer, das Bremerhavens Publikumsliebling Sascha Maria Icks entfährt, die die Mutter des kleinwüchsigen Kerls verkörpert.

Weitere Informationen

Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven:

9. und 21. November um 19.30 Uhr; 17. November um 15 Uhr; 7., 10. und 16. Januar sowie am

8. Februar 2020 um 19.30 Uhr.

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