Der Lyriker Adonis spricht im Theater über „Gewalt und Islam“

Kluge, klare Worte

Bremen. Er sei kein politischer Mensch, sagt Adonis zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt an diesem Donnerstagabend im Theater und fügt dann eine messerscharfe Einschätzung der Lage im Nahen Osten hinzu. Große Politik basiere immer auf großen Kulturen, und deshalb gebe es derzeit nichts, was man ernsthaft als arabische Politik bezeichnen könne, konstatiert der syrisch-libanesische Lyriker auf Französisch – Philippe Wellnitz, Chef des Institut français, übersetzt.
19.11.2016, 00:00
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Kluge, klare Worte
Von Iris Hetscher
Kluge, klare Worte

Der Lyriker Adonis.

Jonas Völpel

Bremen. Er sei kein politischer Mensch, sagt Adonis zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt an diesem Donnerstagabend im Theater und fügt dann eine messerscharfe Einschätzung der Lage im Nahen Osten hinzu. Große Politik basiere immer auf großen Kulturen, und deshalb gebe es derzeit nichts, was man ernsthaft als arabische Politik bezeichnen könne, konstatiert der syrisch-libanesische Lyriker auf Französisch – Philippe Wellnitz, Chef des Institut français, übersetzt.

Damit ist Adonis gleich wieder bei dem Thema, das ihn seit jeher umtreibt: der Kampf zwischen den beiden Hauptströmungen des Islam. Auf der einen Seite die starr-ideologische Ausrichtungen, Wahabismus oder Salafismus, auf der anderen der offene, liberale Mystizismus. Die Regime in den arabischen Ländern orientierten sich alle an den ersteren, rückwärtsgewandten Interpretationen, die mit großer Kultur nichts zu tun hätten. Und deshalb, so Adonis, können sie auch keine zukunftsfähige Politik für ihre Länder machen. Hinzu komme die fatale Rolle, die der Westen spiele, der „die Araber verachtet“ und Neo-Kolonialismus statt Zusammenarbeit anstrebe. Er sagt all dies völlig ruhig, doch es treibt ihn um, macht ihn wütend wie traurig, das merkt man.

„Gewalt und Islam“ ist die Veranstaltung im mehr als ausverkauften Kleinen Haus betitelt; so heißt auch das aktuelle Buch von Adonis, dessen deutsche Ausgabe sich der Bremer Sujet-Verlag gesichert hat. Es ist ein Band mit Gesprächen. Adonis hat mit der marokkanisch-französischen Psychoanalytikerin Houria Abdelouahed geredet. Warum eigentlich? fragt ihn sein deutscher Übersetzer Stephan Weidner, der am Donnerstag Adonis‘ Gesprächspartner ist. Es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, dieses „wilde Phänomen“, zu verstehen, sagt er, die Morde, Brandschatzungen, Vergewaltigungen und Zerstörungen kulturellen Erbes, angerichtet im Namen des Islam. Deshalb hätten Abedelouahed und er sich dem Islam zum ersten Mal überhaupt aus psychoanalytischer Sicht genähert, unter der Maßgabe, was dieser für das Individuum bedeute. Es ist ein ungemein kluges Buch, das auf diesen Seiten bereits ausführlich gewürdigt worden ist und das ein starkes Plädoyer ist für einen radikalen Bruch mit muslimischen Traditionen und – natürlich – für den Laizismus.

Adonis, der von sich sagt, er sei „radikal antireligiös“, treibt dies am Donnerstag auf die Spitze mit der Formel: Wer gläubig ist, kann nicht schöpferisch sein. Glaube gebe bereits Antworten vor, nach denen der Kreative stets suche. Damit meint Adonis den institutionalisierten Glauben, die Variante, die in monotheistischen Religionen zum Primat des Dogmas führt. Respekt habe er dagegen vor der Spiritualität des Einzelnen. Was er sich mit Blick auf die Integration der muslimischen Flüchtlinge in Deutschland wünsche? fragt Weidner. „Die Moschee darf nur ein Ort zum Beten sein, kein Kulturzentrum“, antwortet Adonis ohne Zögern, bevor er den Abend mit dem Vortrag dreier Gedichte beschließt.

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