Kolumne „Müßiggang“

Kohltour, Klootschießen, Kornkoma

Den Slogan „Deutsche Wurst. Alles andere ist Käse“ prägte das Satireblatt „Titanic“. Prägend für die Saison im Nordwesten sind grobkörnige Grützwurst und süffige Spiele. Geschmackssache, meint Hendrik Werner
26.10.2018, 16:19
Lesedauer: 2 Min
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Kohltour, Klootschießen, Kornkoma
Von Hendrik Werner
Kohltour, Klootschießen, Kornkoma

Den kulinarisch wie ethnologisch aufschlussreichen Ritualen der Kohl-und-Pinkel-Saison widmet sich Chefreporter Hendrik Werner in einer neuen Folge seiner Sonntagskolumne.

dpa

Obwohl der Müßiggänger ein bekennender Kalauerfreund ist, sind ihm einige Wortspiele ein Gräuel. Vor allem jene, die so gut abgehangen sind, dass sie längst müffeln. Gar nicht leiden kann er beispielsweise einen flächendeckend verbreiteten Flachwitz namens Kultour. Eine lässliche Formulierung, die Kulturveranstaltungen gilt, die im Freien stattfinden und mit Bewegung zu tun haben. Dass dieser Kultour-Kokolores steigerungsfähig ist, zeigt eine Website, die Oldenburg (in Oldenburg) zur deutschen Kohltourhauptstadt erklärt. Immerhin aus historisch nachvollziehbaren Gründen: Der 1859 in Oldenburg (in Oldenburg) gegründete Turnerbund nimmt für sich in Anspruch, die besonders im Nordwesten Deutschlands populäre Kohltour-Tradition in den frühen 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts begründet zu haben.

Lieber als ein Ausdruck wie Kohlfahrt oder gar Kohltour ist dem Müßiggänger aus naheliegenden Gründen der Begriff Grünkohlwanderung. Tatsächlich schreiten die Teilnehmer üblicherweise tüchtig aus, bevor sie sich in überfüllten, überhitzten und überlaut beschallten Sälen grobkörnige Grützwurst und andere rustikale Leckerbissen einverleiben. Diese Reihenfolge ist zwar dezent widersinnig, weil bekanntlich jeder Gang – hihi! – ähnlich schlank macht wie ein Buch – huhu! – klug. Aber wer will beziehungsweise kann überhaupt noch – hähä! – havariefrei laufen, nachdem er sich rituell mit Grünkohl, dieser – hoho! – Palme des Nordens, abgefüllt hat?

Ethnologisch von besonderem Interesse sind bei Fußmärschen gen Gasthaus launige Geländespiele mit bemäntelten Vorglühkomponenten, die als unverzichtbare Wohlfühlfaktoren ausgegeben werden. Neben von alters her beliebten Zeitvertreiben wie Klootschießen und Boßeln stehen dem Vernehmen nach auch jüngere Juxdisziplinen wie Flunkyball, Kornkippen und – haha! – Fahnenappell hoch im Alkoholisierungskurs.

Apropos: Seit im Bremer Bürgerpark keine torkelnden Schnapsdrosseln mit bollernden Wagen mehr erlaubt sind, finden nicht nur Vögel in der Grünanlage mehr Frieden. Der nie um ein Bonmot verlegene Naturfreund Goethe (der übrigens so oft in Bremen war wie seine Zeitgenossen, die Stadtmusikanten) wäre begeistert: "Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, schrieb der wortgewaltige Wanderer den Deutschen ins Stammbuch. Dieser Satz schließt Kohlfahrer mit Schnappatmung und Schnapsatem aus. Schließlich weiß kein komatöser Taumler je genau, wo er ist, geschweige war. "Erst die Kante, dann der Kater", sagt meine Oma.

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