Interview zu neuer Kunsthalle-Ausstellung

„Kolonialismus prägte auch die Kunst“

Die Forscherin Julia Binter bereitet in der Kunsthalle eine Ausstellung zum Einfluss des Kolonialismus auf die Kunst vor. Im Interview spricht sie über die Darstellung des Fremden und Bananen in Stillleben.
01.07.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Kolonialismus prägte auch die Kunst“
Von Uwe Dammann

Die Forscherin Julia Binter bereitet in der Kunsthalle eine Ausstellung zum Einfluss des Kolonialismus auf die Kunst vor. Im Interview spricht sie über die Darstellung des Fremden und Bananen in Stillleben.

Die Sammlung der Kunsthalle Bremen wird per se nicht mit der Kolonialzeit in Verbindung gebracht. Wieso forschen Sie ausgerechnet in einem Kunstmuseum zum Thema Kolonialismus?

Julia Binter: Die Blütezeit Bremens als global vernetzter Handelsstadt und die Sammlungsgeschichte der Kunsthalle Bremen sind eng miteinander verbunden. Der durch den Überseehandel entstandene Reichtum kam auch den Bremer Kulturinstitutionen zugute. So besitzt die Kunsthalle Bremen eine Reihe von Werken aus der Kolonialzeit, die sich mit der Darstellung des Fremden beschäftigen.

Oft sind uns aber die kolonialen Zusammenhänge nicht bewusst. Ziel meines Forschungsprojekts ist es, die Sammlung auf diese Zusammenhänge hin zu untersuchen und die Besucher dafür in einer abschließenden Ausstellung zu sensibilisieren.

Ihr Forschungsprojekt trägt den Titel „Der blinde Fleck“. Was ist damit gemeint?

Der Begriff „blinder Fleck“ kommt eigentlich aus der Augenheilkunde und benennt jene Stelle unseres Auges, auf der sich keine Lichtrezeptoren befinden und mit der wir somit nicht sehen können. Mein Forschungsprojekt geht den kolonialen Blindstellen in der Sammlung der Kunsthalle nach, die wir aufgrund eingefahrener Wahrnehmungsmuster und unzureichender Sensibilisierung für koloniale Themen nur schwer wahrnehmen können. Ich versuche, gemeinsam mit meinen Kollegen an der Kunsthalle eine postkoloniale Perspektive auf die Sammlung zu entwickeln.

Welche Methoden sind dafür neu entwickelt worden?

Postkoloniale Forscher eint die Grundhaltung, europäische und außereuropäische Geschichte zusammenzudenken. Europa wäre ohne seine Kolonien heute nicht das, was es heute ist. Das Gleiche gilt für die ehemaligen Kolonien. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass die Art und Weise, wie wir Fremde oder Andere wahrnehmen, Einfluss auf unseren Umgang mit ihnen hat.

Das Ziel des Forschungsprojektes ist es, historische Ordnungssysteme zu überdenken und außereuropäische Kunst als gleichwertig in die Analyse einzubeziehen. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, wie „andere“, „fremde“ Menschen“ dargestellt wurden und was das über uns und unser Verhältnis zu diesen „Anderen“ aussagt. Denn das Fremde ist ein Konstrukt, das nur im Verhältnis zum Eigenen existiert.

Wie sind Sie zu diesem Forschungsprojekt gekommen?

Ich habe mich seit meinem Studium mit Kolonialgeschichte und postkolonialen Forschungsansätzen beschäftigt. Nach Lehraufträgen an der Universität Wien und einem Volontariat am Weltmuseum Wien ging ich vor drei Jahren an die University of Oxford, um dort mein Doktorat zu Sammlungsgeschichte, Welthandel und kulturellem Austausch in Westafrika zu schreiben.

Als ich die Ausschreibung der Kunsthalle Bremen zu den blinden Flecken in der Sammlung sah, war ich sofort von der Thematik und der postkolonialen Ausrichtung des Projektes begeistert. Und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die Kunsthalle unterstützt mich bestmöglich bei meinem Projekt und ich genieße den Austausch mit den Kollegen. Ohne die Förderung der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative „Internationales Museum“ wäre dieses spannende Projekt jedoch nicht möglich gewesen.

Wollen Sie Ihre Forschungsergebnisse anschließend öffentlich präsentieren?

Die Forschungsergebnisse werden ab Sommer 2017 in der Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ präsentiert. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, in dem die Ergebnisse dokumentiert sein werden. Es wird nächstes Jahr außerdem ein internationales wissenschaftliches Symposium geben und ein vielfältiges Begleitprogramm, das dieses sensible Thema der Ausstellung möglichst breit diskutiert.

Warum haben Sie Paula Modersohn-Beckers Stillleben mit Äpfeln und Bananen als Hintergrund für Ihr Foto gewählt?

Paula Modersohn-Beckers Stillleben ist mir als eines der ersten Gemälde zum Thema blinder Fleck in der Kolonialzeit ins Auge gefallen. Bananen gehören heute zu unserem Alltag dazu. Um die Jahrhundertwende war sie jedoch noch etwas Besonderes – eine exotische Südfrucht, die aus den Kolonien importiert wurde und noch nicht für jedermann zugänglich war.

Dass Modersohn-Becker sie 1905 in ihr Stillleben aufnimmt, markiert einen wichtigen Wendepunkt im deutschen Konsumverhalten. Waren es bis dahin nur die oberen Schichten gewesen, die sich solche Früchte leisten konnten, beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts die Massenvermarktung der Banane.

Und hier kann ein erster blinder Fleck ausgemacht werden. Obwohl viele Maler der europäischen Moderne Kolonialwaren in ihren Werken verarbeiteten, kommen die außereuropäischen Handelspartner und Produzenten dieser Waren in den Bildern nicht vor. Für mich stellt sich nun die Frage, wo außereuropäische Menschen sonst im Zusammenhang mit Kolonialwaren sichtbar wurden. Am offensichtlichsten geschah dies in der Werbung.

Sie wollen also auch Werbematerial in der Ausstellung zeigen?

Ja, denn ich möchte die visuelle Kultur der Kolonialzeit kritisch auf ihr Verhältnis zu außereuropäischen Menschen befragen und dazu zählen nicht nur Gemälde und Plastiken, sondern auch Werbeplakate und Kolonialwarenverpackungen. Kolonialismus prägte viele Bereiche des Lebens, nicht nur die Kunst.

Wer nicht in die Kunsthalle ging, um sich anzusehen, welche Eindrücke beispielsweise Emil Nolde oder Max Pechstein aus der Südsee mitgebracht hatten, wurde im Alltag mit Bildern aus den Kolonien konfrontiert. Viele Tee- und Kaffeeproduzenten warben mit exotischen, teilweise auch rassistischen Bildern, die mehr Fantasie als Realität darstellten. Einige dieser Bilder haben sich bis heute in der Werbung beziehungsweise in unseren Köpfen gehalten.

Wenn die Kolonialzeit einen solchen Niederschlag in der Kunst und im Alltag der Menschen hatte, warum wird sie erst jetzt erforscht?

Deutschland hat mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus die letzten Jahrzehnte eine wichtige Aufgabe erfüllt. Die ließ allerdings nur wenig Raum für weitere Auseinandersetzungen mit schwierigem Erbe. Nun scheint die Zeit gekommen zu sein, dass sich Deutschland einem weiteren Kapitel seiner Vergangenheit stellt.

Es ist ein Kapitel, das bis heute die Art und Weise prägt, wie wir Menschen mit anderem kulturellen oder religiösen Hintergrund oder mit anderer Hautfarbe wahrnehmen. Es ist wichtig zu verstehen, woher automatische Assoziationen in unserem Kopf kommen und welches rassistische Gedankengut damit in Verbindung steht. Erst dann wird es uns möglich sein, unvoreingenommen aufeinander zuzugehen.

Das Gespräch führte Uwe Dammann.

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