Bremen stellt sich seiner afrikanischen Vergangenheit und hebt ein Erinnerungskonzept aus der Taufe

Kolonialistisches Erbe verpflichtet

Bremen. Mit einer Gesprächsrunde und einem Workshop unter dem Leitwort „Koloniales Erbe in Bremen“ ist ein Auftakt zu einer nachhaltigen Aufarbeitung des wirtschaftlichen Engagements hiesiger Unternehmen in Afrika gemacht worden. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Senator für Kultur in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung.
07.12.2016, 00:00
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Kolonialistisches Erbe verpflichtet
Von Hendrik Werner

Bremen. Mit einer Gesprächsrunde und einem Workshop unter dem Leitwort „Koloniales Erbe in Bremen“ ist ein Auftakt zu einer nachhaltigen Aufarbeitung des wirtschaftlichen Engagements hiesiger Unternehmen in Afrika gemacht worden. Eingeladen zu der Veranstaltung hatte der Senator für Kultur in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung. Gekommen waren mehr als 60 Vertreter von kulturellen Institutionen, Verbänden und Gruppen – von der rührigen Initiative „Decolonize Bremen“ über Universität, Übersee- und Schifffahrtsmuseum bis hin zu diversen Bühnen und Bildungseinrichtungen der Stadt. Gemeinsames Ziel: engmaschige Vernetzung – und die Formulierung von Zielen, um im Weichbild der Stadt eine Gedenkpolitik anzusiedeln, die Ausbeutung und Gräueltaten im kolonialen Kontext angemessen beschreibt.

„Vision: Erinnerung 2025“ heißt das Projekt, das auf einen Antrag der Stadtbürgerschaft vom 23. Februar dieses Jahres zurückgeht, der wiederum auf einer 2015 von der Bürgerschaftsfraktion der Grünen lancierten Anregung fußt. Die Abgeordneten hatten vor zehn Monaten zugestimmt, im Rahmen eines „Erinnerungskonzepts Kolonialismus“ das Erbe der aggressiven ökonomischen Expansionspolitik aufzuarbeiten „und dieses Wissen in die bremische Bildungs- und Kulturpolitik zu integrieren“. Die Realisierung dieses hehren Ziels ist längst überfällig in einer Stadt, deren Kaufleute ihren Reichtum jahrzehntelang auf Ausbeutung gründeten.

Zur Einstimmung auf das Thema, dem sich die Bremer Politik vor besagtem Antrag allenfalls sporadisch und halbherzig gewidmet hatte, skizzierte Anna Greve, Referentin beim Senator für Kultur, krude Fakten und deren Bremer Bezüge. 1882: Vorbereitung einer beispiellosen Landnahme durch den Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz. 1884-1889: Kolonialismus des Deutschen Reiches. 1896: Eröffnung des Übersee-Museums. 1904-1908: Völkermord an den Herero und Nama. 1932: Einweihung des Elefanten. Interessant war Greves Hinweis auf eine „koloniale Amnesie“. Danach erklärt sich die eklatante Verzögerung der Aufarbeitung der Kolonialzeit zumindest teilweise durch die Dauer der Aufbereitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Wie dringend notwendig es ist, Bremens koloniale Hypothek im Detail zu ergründen, zeigt schon ein Gang durch Schwachhausen: H.-H.-Meier-Allee, benannt nach dem Mitbegründer des Norddeutschen Lloyd (1857), dessen Blütezeit auf Ausbeutung der Kolonien basierte. Die Vogelsangstraße geht auf den Namen eines Tabakhändlers zurück, der 1883 viel Land im heutigen Namibia erwarb, das bald unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt wurde – unter der Ägide von Adolf „Lügenfritz“ Lüderitz, der sich die Kolonie Deutsch-Südwestafrika auf unlautere Weise angeeignet hatte. Seine Landnahme hatte Gustav Nachtigal, dem eine Straße in Walle gewidmet ist, als Reichskommissar mit überlieferter Freude legitimatorisch bemäntelt.

Auch die Art des Gedenkens an die sogenannte Frauenrechtlerin Hedwig Heyl, Namensgeberin einer Straße im gediegenen Teil Schwachhausens, wird überdacht werden müssen. Die Nationalkonservative, Vorsitzende des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft hetzte in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts gegen Ehen zwischen Weißen und Schwarzen in den deutschen Kolonien. Nicht zu vergessen Paul von Lettow-Vorbeck, Kommandeur der Zivilisten niedermetzelnden Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, der von 1923 bis 1945 in Bremen wohnte – und dort ausgerechnet als Kolonialerbe-Sachwalter wirkte. Wenigstens trägt mittlerweile keine Schule und keine Kaserne in Bremen mehr seinen schneidigen Namen. Prominentestes Beispiel für eine bereits existente Auseinandersetzung im urbanen Gedächtnisraum ist das vormalige „Reichskonialehrendenkmal“, das der Bildhauer und Rassist Fritz Behn 1932 in Elefantengestalt schuf, bevor es 1987 in ein „Antikolonialdenkmal“ umgewidmet wurde. Im NS-Regime war die Backstein-Skulptur noch Kulisse für ein Gastspiel der deutschen Afrika-Schau, die in der Tradition der inhumanen Völkerschauen die Schimäre weißer Überlegenheit nähren sollte.

Mit vereinzelten Straßenumbenennungen, sporadischen Gegendenkmälern und erläuternden Zusätzen an Schildern und Plätzen im öffentlichen Raum allein wird die nötige Markierungsarbeit kaum zu tun sein. In der traditionsreichen Handelsstadt Bremen muss man sich mit dem ganz großen Besteck an diese wichtige Aufgabe machen. Das legten engagierte Wortmeldungen und ambitionierte Projekte in jenen Arbeitsgruppen nahe, die eine Grundlage zur angestrebten Vernetzung der antikolonialistisch gestimmten Kulturakteure bilden sollen. In einer „Tauschbörse“ ging es darum, bundeslandweite Offerten und Begehrlichkeiten in Sachen Bilanzierung und Bewältigung zu vermitteln. Dieser Bestandsaufnahme zugeordnet war eine „Zukunftswerkstatt“, die nach Art einer gedenkpolitisch korrekten Projektion ergründen sollte, wie die Bürger im Jahr 2025 an das Kolonialerbe erinnern wollen – und was Einzelpersonen und Kollektive dafür leisten können.

Das können aufklärerische Stadtführungen sein, wie es sie in Bremen dankenswerterweise bereits gibt; das kann ein Schülerwettbewerb zu einem einschlägigen Thema sein (denkbarer erster Preis: eine Reise nach Namibia); das könnte auch die Etablierung einer Anti-Kolonial-Woche sein. In jedem Falle hilfreich wäre eine tunlichst zeitnahe und systematische Inventarisierung kolonialistisch besetzter Relikte an einer umtriebigen Handelsstätte, die während der NS-Diktatur nicht von ungefähr den Ehrentitel „Stadt der Kolonien“ trug.

Der Weg zu einer neuen Erinnerungskultur solle explizit gemeinsam mit „Mitgliedern aus Communities ehemals kolonisierter Länder“ beschritten werden, heißt es in einem Statement von Anna Greve. „Bewusst sollen damit weiße akademische Ansätze und schwarzes Erfahrungswissen als zwei gleichwertige Perspektiven auf Geschichte und Kultur – sowie zahlreiche Positionen dazwischen – in einen Dialog gebracht werden.“ Dieses Partizipationsmodell ermöglicht laut Greve zugleich einen Museumsbesucher oder/und Stadtflaneur neuen Typs: nicht mehr bloßer Empfänger musealer Botschaften zu sein, sondern deren Mitgestalter. Auch dies ist ein ebenso gangbares wie erstrebenswertes Ziel eines verheißungsvollen Konzeptes, dessen erste Ergebnisse idealerweise deutlich früher als 2025 im Stadtbild zu sehen sein werden.

„Weiße akademische Ansätze und schwarzes Erfahrungswissen.“ Anna Greve, Kulturreferentin
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