Film der Woche

Kriegsdrama „1917“ geht unter die Haut

Sam Mendes hat mit seinem neuen Kriegsdrama, wohl den persönlichsten Film seiner bisherigen Karriere produziert. Die Inspiration bekam der Regisseur durch die Erzählungen seines Großvaters.
15.01.2020, 22:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Barbara Munker
Kriegsdrama „1917“ geht unter die Haut

Auf lebensgefährlicher Mission durch den blutigen Schlamm von Schützengräben und über Stacheldrahtverhaue: George MacKay (Mitte) als Schofield in einer Szene des Films „1917“.

François Duhamel

Nach zwei Bond-Abenteuern, „Skyfall“ und „Spectre“, hat Sam Mendes nun den wohl persönlichsten Film seiner bisherigen Laufbahn gedreht. Als Junge lauschte der Brite den Kriegserzählungen seines Großvaters, der in den Schützengräben und Schlachtfeldern das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte. In „1917“ folgt Mendes zwei jungen Soldaten bei einer gefährlichen Mission an einem Tag im Frühling des Kriegsjahres 1917.

Zu Fuß sollen sie entlang der deutschen Front das Feindgebiet durchqueren, um einer britischen Division eine lebensrettende Botschaft zu überbringen. Gelingt das nicht, würden 1600 Soldaten in einen Hinterhalt laufen. Die Todesangst und der Horror bei diesem fast unmöglichen Unterfangen sind den Soldaten Blake und Schofield ins Gesicht geschrieben.

Ihr Weg führt durch verkohlte Landschaften, über Stacheldrahtverhaue, vorbei an aufgedunsenen Leichen von Menschen und Pferden, auf allen Vieren durch den blutigen Schlamm von Schützengräben. Zwei Stunden lang zerren ihre Erlebnisse an den Nerven des Publikums. Mendes liefert einen aufreibenden Antikriegsfilm, das würdigten kürzlich auch die Juroren bei der Golden-Globe-Verleihung.

„Diesen Preis widme ich meinem Großvater Alfred Hubert Mendes, der diesen Film inspiriert hat“, sagte der Regisseur in seiner Dankesrede zum Gewinn des Regie-Globes. Mit 17 Jahren sei der Großvater in den Krieg gezogen. „Und ich hoffe inbrünstig, dass so etwas nie wieder passiert“, mahnte Mendes. „1917“ holte zudem den Globe-Spitzenpreis als bestes Filmdrama.

Hauptrollen ohne Stars

Es sei schwierig, Filme ohne große Stars in den Hauptrollen zu machen und damit Leute ins Kino zu locken, sagte der Regisseur. Doch er hoffe, dass den Film viele auf der großen Leinwand sehen werden – dabei dürfte vor allem helfen, dass „1917“ für zehn Oscars nominiert wurde, darunter in der Top-Sparte für den besten Film. Für bekanntere Schauspieler wie Colin Firth und Benedict Cumberbatch gibt es nur Nebenrollen.

Mendes verlässt sich stattdessen ganz auf die britischen Newcomer George MacKay („Captain Fantastic“) und Dean-Charles Chapman („Game of Thrones“). Ihre Figuren sind mutig, aber keine Helden. Sie stellen sich der Aufgabe, aber zweifeln an sich und am Sinn des Krieges. Es gibt nur wenige Schlachtenszenen, vielmehr zehrt der andauernde Überlebenskampf an den Nerven. Die jungen Hauptakteure sind quasi in jeder Szene zu sehen.

Mit einer kühnen filmischen Vision zieht Mendes außerdem die Zuschauer mitten ins Geschehen hinein: Der Oscar-Preisträger („American Beauty“) vermittelt die Geschichte im Stil einer One-Shot-Aufnahme, so als wäre alles am Stück und ohne Schnitte gedreht. Die Kamera folgt den Soldaten auf Schritt und Tritt, als wäre man ständig an ihrer Seite. Mal läuft man rückwärts durch enge Schützengräben mit, mal schaut man über ihre Schulter in die verbrannte, weite Landschaft. Tatsächlich gibt es nur wenige Schnitte – und die sind kaum zu erkennen.

Die Meisterleistung mit der Kamera hat Roger Deakins vollbracht. 14-mal war der Brite in seiner langen Karriere für einen Oscar nominiert, etwa für „Fargo“, „No Country for Old Men“ oder „James Bond 007: Skyfall“. Er gewann die Trophäe schließlich 2018 für „Blade Runner 2049“. Viele Einstellungen in „1917“ sind teilweise fast neun Minuten lang, dazu mussten die Szenen vorab perfekt geprobt werden. Unvergesslich ist eine nächtliche Sequenz, in der Schofield in den rotleuchtenden Ruinen eines brennenden französischen Dorfes um sein Leben rennt. Oder sein verzweifelter Sprint am Rande eines Schützengrabens, aus dem gegnerische Soldaten herausstürmen.

Nächster Oscar zum Greifen nah

Genau 20 Jahre nach seinem Oscar-Gewinn für das Filmdrama „American Beauty“ macht Mendes nun mit dem packenden Kriegsfilm in Hollywood Furore. Kurz nach seinem doppelten Globe-Sieg wurde der Brite bereits von Hollywoods Regisseuren für den begehrten Preis des DGA-Verbands nominiert. Auch der US-Produzentenverband wählte „1917“ als Trophäenanwärter aus. Der nächste Oscar ist für Sam Mendes zum Greifen nah.

Weitere Informationen

Der Film ist in Bremen im Cinemaxx, Cinestar und Cinespace zu sehen.

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