Kryptokunst: kurzlebiger Trend oder Zukunft?

Kunst, die es gar nicht gibt

Sie sind in aller Munde: NFTs und Kryptokunst, die durch neue Technologien von der einfachen Datei plötzlich zum millionenschweren Gut werden kann. Aber was sind NFTs und werden sie den Kunstmarkt verändern?
09.05.2021, 22:09
Lesedauer: 5 Min
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Kunst, die es gar nicht gibt
Von Alexandra Knief
Kunst, die es gar nicht gibt

Die Collage "Everydays: The First 5000 Days" des Künstlers Beeple würde für über 69 Millionen Dollar beim Auktionshaus Christie's versteigert.

dpa

Mehr als 69 Millionen Dollar. So viel Geld wurde im März diesen Jahres für das Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“ bezahlt, das es im Grunde gar nicht gibt. Zumindest nicht physisch. Denn es handelt sich dabei um ein rein digitales Werk, um sogenannte Kryptokunst. Trotzdem zählt es zu den teuersten jemals verkauften Kunstobjekten, und es ist das erste rein digitale Kunstwerk, das jemals beim renommierten New Yorker Auktionshaus Christie's versteigert wurde. Der Name des Künstlers, der es geschaffen hat, ist Mike Winkelmann, bekannt unter dem Namen Beeple. 13,5 Jahre lang hat er jeden Tag eine digitale Arbeit erstellt und hochgeladen. „The First 5000 Days“ besteht aus den ersten 5000 Bildern aus dem Projekt, vereint in einer Collage. Beeples Reaktion auf den Millionen-Verkauf bei Christie's? „I am going to Disney World!“ Ob man dort am Einlass Kryptowährung akzeptiert? Das ist eine andere Frage.

Non-Fungible Token, kurz NFT, nennt sich das, worauf Beeple und viele andere Künstler seit einer Weile setzen (genauere Erklärung siehe nebenstehenden Artikel). Wie wird sich diese neue Technologie, die es ermöglicht, digitale Kunstwerke einzigartig und zu Originalen zu machen, langfristig auf den Kunstmarkt auswirken? Werden Museen anfangen, Kryptokunst zu kaufen oder auszustellen? Wird Digitales die alten Meister verdrängen? Der erste Schritt ist bald gemacht: Das Francisco Carolinum in Linz zeigt ab Juni mit „Proof of Art“ die nach eigenen Angaben erste museale Ausstellung zur Geschichte der NFTs in der Kunst.

In der Bremer Szene hält sich die Begeisterung über den NFT-Trend eher in Grenzen. „Persönlich halte ich NFTs für einen temporären Hype“, sagt Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle. „Fast 70 Million Dollar in ein mittelmäßiges Kunstwerk von einem unbekannten Künstler zu versenken ist als Investition auf jeden Fall in der Kategorie Hochrisiko einzuordnen.“ Die immateriellen Werke der Kryptokunst sind für jeden verfügbar, besitzen kann sie aber nur eine Person. Dadurch entsteht laut Grunenberg ein seltsamer Widerspruch zwischen der Verbreitung neuester digitaler Anwendungen und einer fast altmodischen Besessenheit von Originalität und Einmaligkeit. „Die große Bedeutung, die dabei kleinsten Variationen oder niedrigen Editionszahlen beigemessen wird, erinnert an die fast ‚nerdige‘ Leidenschaft von Sammlern von Fußballbildchen oder Briefmarken“, vergleicht Grunenberg. „Künstlerischer Wert scheint von sekundärer Bedeutung zu sein.“ Alleine aus diesen Gründen sieht er eher keine Zukunft für Kryptokunst in der Sammlung der Bremer Kunsthalle.

Janneke de Vries, Direktorin der Weserburg, findet frischen Wind und Bewegung in der zeitgenössischen Kunst zwar grundsätzlich gut, kann die aktuelle Aufregung um Kryptokunst aber nicht nachvollziehen. „Digitale Kunst ist ja kein neues Phänomen, sondern ein weiteres zeitgenössisches künstlerisches Medium, das sich neben Fotografie, Malerei, Konzept, Skulptur/Plastik/Installation, Video und interdisziplinären Ansätzen längst etabliert hat“, sagt sie. „Ob aber nun durch die NFT-Technologie Echtheitszertifikate zur Wertsteigerung möglich werden, lässt mich ehrlicherweise kalt.“ Ob Kryptokunst irgendwann auch in der Weserburg gezeigt wird, hänge davon ab, ob die Arbeiten inhaltlich überzeugen. Sie auszustellen, nur um mit dem Trend zu gehen? Das reiche nicht aus.

Der aktuelle Hype um die Kryptokunst unterstreiche für sie eine Tendenz, die sich in der Kultur durch Corona verstärkt hat: die Verherrlichung des Digitalen. „Da direkte Begegnungen mit der Kunst derzeit unmöglich oder zumindest massiv erschwert sind, verlagert sich nahezu alles in den digitalen Bereich“, so de Vries. „Das ist als Überbrückung und Ergänzung gut und richtig. Aber es kann das direkte Erleben nicht ersetzen.“

Nicht nur für den Kunst-, auch für den Musikmarkt halten NFTs - gerade jetzt, wo Einnahmen durch Live-Auftritte fast komplett wegfallen, ganz neue Möglichkeiten bereit. Während der Corona-Pandemie haben mehrere Künstler und Musiker NFTs für sich entdeckt. So zum Beispiel die US-amerikanische Band Kings of Leon. Sie haben ihr neues Album „When You See Yourself“, wie das Magazin „Rolling Stone“ zuerst berichtete, im März nicht nur als CD, auf Vinyl und über die Streaminganbieter veröffentlicht, sondern auch verschiedene NFTs auf den Markt gebracht, deren Käufer zum Beispiel Zugang zu exklusiven Audioinhalten erhielten oder Vergünstigungen für das nächste Konzert.

Auch Twitter-CEO Jack Dorsey ist auf den NFT-Zug aufgesprungen: Er verkaufte eine digitale Kopie des ersten Tweets für fast drei Millionen Dollar. Die kanadische Sängerin Grimes macht mittlerweile Millionen durch den Verkauf von NFTs, ebenso startete Fynn Kliemann im März ein Projekt, bei dem Menschen die NFTs für 100 einzigartige Jingles ersteigern konnten.

Experten sind der Meinung, dass NFTs eine gute Möglichkeit sind, Musik wieder mehr Wert zu geben, weg von den Streamingportalen zu kommen und die Hörer wieder dazu zu bringen, Songs zu kaufen und besitzen zu wollen. Das könne Künstlern auch zu mehr Unabhängigkeit von großen Plattfirmen verhelfen. Online gibt es mittlerweile mehrere Handelsplätze für NFTs, das Interesse steigt.

Doch neben aller Euphorie gibt es auch Kritik an der Technik: Der Stromverbrauch und dadurch auch die Umweltbelastung sind bei der Erstellung und dem Verkauf von NFTs und auch bei Kryptowährungen insgesamt extrem hoch. Laut der Plattform „Digiconomist“, verbrauchen 20 Transaktionen im Durchschnitt etwa genauso viel Strom wie ein Singlehaushalt in einem ganzen Jahr. Für Christoph Grunenberg noch ein Grund mehr, die Finger davon zu lassen: „Das sind Gemälde doch wesentlich umweltfreundlicher.“

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Zur Sache

Non-Fungible Token - was ist das?

Non-Fungible Token, kurz NFT, heißt auf Deutsch etwa so viel wie „Nicht austauschbare Wertmarke“. Während die Kryptowährung Bitcoin einen bestimmten Wert hat, also ein Bitcoin genauso viel wert ist wie ein anderer und er damit - wie ein Fünf-Euro-Schein gegen einen anderen - beliebig getauscht werden kann, sind nicht austauschbare Tokens einmalig. Sie können also nicht eins zu eins getauscht werden. Wer ein NFT, beispielsweise ein digitales Kunstwerk, besitzt, besitzt also etwas Einzigartiges - auch, wenn es unendlich oft kopiert werden kann. Das entsprechende Token macht den Unterschied zwischen Original und Kopie.

Im Grunde versteckt sich hinter der Bezeichnung NFT ein technologisches Verfahren, das es ermöglicht, relativ fälschungssichere, digitale Zertifikate für Besitztümer zu erstellen. Wer ein NFT kauft, kauft also damit einen Datensatz, der beweist, das ein Bild, eine Sammelkarte, ein Stück Land in einer virtuellen Welt wirklich echt sind. Grundlage für all dies ist die sogenannte Blockchain-Technologie. Dabei handelt es sich um eine Art Datenbank, die kleine Datenpakete dezentral in Blöcken in einer Kette speichert und so Vorgänge wie Transaktionen verlässlich und für alle nachvollziehbar dokumentiert. Auch wichtige Dokumente - Personalausweise oder Impfpässe - können über eine Blockchain gespeichert und gesichert werden.

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