Übersicht von französischer Bildersammlung Kunsthalle Bremen legt neuen Katalog vor

Bremen. Die Arbeit am neuen Katalog hat einige Jahre gedauert, doch jetzt liegt das 450 Seiten starke Werk vor. Bis ins Detail werden alle französischen Gemälde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die im Besitz der Kunsthalle sind, vorgestellt.
16.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Bremen. Die Vorbereitungen nahmen mehrere Jahre in Anspruch, die eigentliche Arbeit am neuen Bestandskatalog der französischen Malerei in der Kunsthalle Bremen dauerte über zwei Jahre. Und nun liegt das mit 450 Seiten opulent geratene und ausgestattete Werk vor. In "Vom Klassizismus zum Kubismus" stellen Dorothee Hansen und Henrike Holsing alle französischen Gemälde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis ins Detail für Fachleute und für ein kunstinteressiertes Publikum vor.

Hinter dem so technisch klingenden Begriff Bestandskatalog verbirgt sich ein großformatiger Bildband, der nicht nur alle 170 im Besitz des Kunstvereins befindlichen "Franzosen" farbig abbildet. In diesem Buch finden sich auch die Biografien ihrer 97 namentlich bekannten Maler sowie ausführliche Bildbeschreibungen jedes einzelnen Werkes, Angaben zum technischen Befund und zum Zustand. Nachzulesen sind auch die Provenienzien, also die früheren Besitzer, soweit sie zu ermitteln waren, Ausstellungen, in denen die Bilder gezeigt wurden und Literatur zum jeweiligen Bild und Künstler. 170 Gemälde - 97 Künstler, dieses Missverhältnis erklärt sich durch die Tatsache, dass der Bremer Kunstverein von einzelnen Malern gleich mehrere Gemälde besitzt und dadurch, dass einige Bilder auch nach intensiven Recherchen bisher keinem Maler zugeordnet werden können.

Busch erwarb 130 Franzosen

Fast 40 Jahre nach dem Erscheinen eines "letzten" Bestandskatalogs der Kunsthalle zu ihren Gemälden des 19. und 20. Jahrhunderts war es an der Zeit, die Forschung zu aktualisieren. Die zweijährige Schließzeit bot dafür eine gute Gelegenheit - und die Getty Foundation Los Angeles finanzierte diese anspruchsvolle Aufgabe mit einem sechsstelligen Betrag. Dieses Engagement ist Ausdruck dafür, wie groß das internationale Interesse an der in Bremen beheimateten französischen Malerei ist. Tatsächlich haben Direktoren der Kunsthalle seit 1904 ein Gespür für hochwertige Malerei aus Frankreich gehabt. Gustav Pauli war es, der 1904 mit einem Pastell von Degas und wenig später mit einem Seestück von Gustave Courbet (Preis: 3850 Mark) den Anfang machte. Pauli war es auch, der gegen den erklärten Widerstand deutscher Künstler Bilder von Manet, Monet, Pissarro, Gauguin und van Gogh in die Kunsthalle holte. Sein Nachfolger Emil Waldmann war da deutlich zurückhaltender, erwarb aber Paul

Cézannes "Dorf unter Bäumen" als ein bedeutendes Kunstwerk. Ab 1930 wurden keine Franzosen mehr angeschafft, unter den Nazis im Jahr 1937 Bildnisse von Matisse, Rouault und anderen als "entartet" beschlagnahmt. Nachdem dann in den Kriegswirren Gemälde von Daumier, Gauguin, Monet und Renoir verschwanden, war es Günter Busch, der mit 130 Erwerbungen die Franzosen-Sammlung quantitativ und qualitativ ausbaute. Seine Nachfolger Salzmann und Herzogenrath waren gezwungen, auf den Erwerb französischer Kunst zu verzichten - es gab keine Ankaufsetats mehr. Siegfried Salzmann musste sogar 1987 den heftig umstrittenen Verkauf eines Blumenbildes von Renoir hinnehmen, weil der Kunstverein Geld benötigte.

Nach 1980 konnte die Sammlung der Franzosen nur noch über Geschenke und Vermächtnisse ergänzt werden, etwa 1998 ein Courbet und 2011 ein Bildnis des Nabis-Mitgründers Paul Sérusier. Alle diese Entwicklungen sind im ausführlichen Textteil des Katalogs von den Autorinnen Dorothee Hansen und Henrike Holsing kenntnis- und detailreich beschrieben. In den Forschungen zu den einzelnen Gemälden konnten die Kunsthistorikerinnen dann einige, aber nicht alle Rätsel lösen, korrigierten aber auch Zuschreibungen. So musste eine bisher Alfred Sisley zugeordnete Landschaft dem weit unbekannteren Maler Paul Vogler zugeordnet werden, zwei Delacroix-Bilder entpuppten sich als Werke seines Schülers Pierre Andrieu. Das Bildnis eines nächtlichen Corsos in Rom ist nun nicht mehr dem Maler Géricault, sondern Jean-Auguste Bard zugeordnet, und in einem weiteren Gemälde konnte die gezeigte Landschaft endlich geografisch exakt nachgewiesen werden.

Es sind solche und andere neue Details, die für die Kunstwissenschaft von großer Bedeutung sind. Für den "gewöhnlichen" Kunstfreund sind diese Erkenntnisse vielleicht nicht so relevant, aber gleichfalls fast so spannend wie ein Krimi zu lesen.

Dorothee Hansen/Henrike Holsing: Vom Klassizismus zum Kubismus. Hirmer Verlag, München. 448 Seiten, 98 .

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