Kunsthalle Bremen

„Remix 2020“ wirft einen neuen Blick auf die Sammlung

Vor zehn Jahren wurde die Sammlung der Kunsthalle Bremen zuletzt neu gehängt. Nun will „Remix 2020“ nicht nur einfach Kunst zeigen, sondern auch zu Diskussionen anregen und Fragen stellen.
06.06.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Iris Hetscher und Alexandra Knief
„Remix 2020“ wirft einen neuen Blick auf die Sammlung

"Bremen und die Welt" heißt der Mittelsaal im ersten Stock der Kunsthalle, in der "Remix 2020" startet.

Christina Kuhaupt

Kunst und die Häuser, in denen sie präsentiert wird, beeindrucken auf unterschiedliche Weise. Auch blanke Zahlen können Staunen auslösen, zum Beispiel in dieser Reihenfolge: 42 Räume, 500 Werke aus fast 800 Jahren. Das sind die Eckpunkte für „Remix 2020“, die neue Präsentation der Sammlung der Kunsthalle Bremen. Hinzufügen könnte man eine weitere Zahl – vor zehn Jahren wurden die Schätze des Kunstvereins zuletzt neu geordnet und gehängt.

Nun also auf ein Neues. Das Kuratorenteam aus Direktor Christoph Grunenberg, Dorothee Hansen und Eva Fischer-Hausdorf hat das hip klingende Motto „Remix 2020“ wörtlich genommen. In der (Pop-)Musik bedeutet ein Remix das Neuabmischen und somit auch Neudenken eines bekannten Titels, man kann etwas hinzufügen, aber auch weglassen. Auch die Sammlung wurde von den dreien kräftig durchgeschüttelt und anders ausgerichtet als vorher. Das gilt sowohl fürs Formale als auch fürs Inhaltliche: Es gibt mehr zeitgenössische Moderne, eine ganze Reihe von Neuerwerbungen und Dauerleihgaben.

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Die Chronologie wird immer wieder unterbrochen von „Störfaktoren“, wie Christoph Grunenberg es nennt. Das kann in einem Raum mit Werken von Paula Modersohn-Becker das Porträt eines Mädchens sein, das von Edvard Munch stammt. Streng genommen ist das ein Fremdkörper, der sich aber ästhetisch wunderbar einfügt. Immer wieder für ästhetische Aha-Erlebnisse sorgt zudem die Gestaltung der Wände in kräftigen Farben – wie schon in der „Ikonen“-Ausstellung.

„Stadtgeschichte ist auch Weltgeschichte“

Gleich im zentralen, dunkelblauen Mittelsaal im ersten Stock, in dem der Ausstellungsrundgang beginnt, ist all das nachvollziehbar. "Bremen und die Welt" ist dieser betitelt, Maurizio Cattelans "Stadtmusikanten"-Skulptur steht in der Mitte, an einer Wand hängen dicht an dicht allerlei Gemälde unterschiedlichen Formats, die Bremerinnen und Bremer zeigen: Sammler, prominente und unbekannte Menschen, Waren, Orte. Tabak, Kaffee oder Kakao, die für die Stadt wichtig wurden, aber aus aller Welt kamen, deuten dabei schon Zusammenhänge an, auf die die Ausstellung immer wieder verweisen will: „Stadtgeschichte ist auch Weltgeschichte“, so Grunenberg. Und: Welche Relevanz haben die ausgestellten Objekte für die Diskussionen der Gegenwart? Diese Verschränkung zwischen Politik, Gesellschaft und Kunst wird dabei in drei weiteren Themenräumen in den Mittelpunkt gerückt (siehe unten stehende Texte).

Außerhalb dieser Räume bietet sich dem Besucher ein chronologisch geordneter Rundgang durch die Sammlungsbestände; auch in den sind die Grunenbergschen „Störfaktoren“ klug eingearbeitet. Nach einem weiteren Themensaal geht es gleich in einen Raum, den der Künstler Franz Ackermann gestaltet hat, auch er ein Grenzensprenger, der mit höchster Affinität zur Farbigkeit Malerei mit Fotografie und Installation mischt, und für den das Wort Rahmen kein Stoppschild bedeutet. Weiter geht es durch Räume, in denen die Darstellung der Frau auf Gemälden (und somit ihre gesellschaftliche Rolle) beleuchtet wird, zur Romantik. Die Werke französischer Künstler sind auf rotem Hintergrund, die deutscher auf Lindgrün und Hellbau zu sehen.

Den deutschen und französischen Impressionisten ist ein gemeinsamer Saal gewidmet, die beiden Malschulen sollen nicht getrennt betrachtet werden. Im Raum „Monet, Manet, Courbet und der Leibl-Kreis“ dreht sich alles um den engen Austausch und die gegenseitige Beeinflussung der Malergemeinden. Da hängt beispielsweise eine deutsche „Die Blumenbinderin“ neben französischen „Blumen“ von Gustave Courbet. Einen ganz anderen Blick auf Werke von Max Slevogt oder Max Liebermann bietet dann deren Präsentation einen Raum weiter auf einem eigens konstruierten, luftig wirkenden Stahlgerüst vor einer imposanten Sandsteinwand.

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Auch ein Schwontkowski hat sich eingeschlichen

Die Kabinette werfen weitere, konzentrierte Schlaglichter auf Epochen. Eins ist dem Symbolismus gewidmet, mit einer opulenten Faksimilie-Ausgabe von Joris-Karl Huysmans 1884 erschienenem Roman „Gegen den Strich“ (À rebours), um die herum sich Gemälde und Zeichnungen gruppieren. Einige davon sind wiederum von musikalischen Werken wie Beethovens „Mondscheinsonate“ inspiriert. Auch ein Werk des Bremer Malers Norbert Schwontkowski hat sich eingeschlichen. Der war zwar kein Zeitgenosse der Symbolisten, aber vielleicht ein Bruder im Geiste.

Der größte Raum im ersten Stock ist, in strahlend hellem Zitronengelb, den Expressionisten des Blauer Reiter und der Brücke gewidmet. Einer der Hingucker ist hier neben Max Beckmanns „Apachentanz“ eine sowohl auf der Vorder- wie auf der Rückseite bemalte Leinwand. Die „Schlafende Milly“, das Porträt einer schwarzen Frau, gestaltete Ernst-Ludwig Kirchner 1911. Auf der anderen Seite sieht man einen weißhäutigen „Liegenden Akt mit Fächer“ von 1909 – und der Betrachter gerät ins Nachdenken über die Faszination der Expressionisten für außereuropäische Kultur, aber auch über ihren oberflächlichen und daher ausbeuterischen Ansatz.

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Viel Raum nimmt Kunst ein, die nach 1945 entstanden ist. Der deutschen Gruppe „Zero“, die die Stunde Null in der Kunst 1958 mit ihren hellen, reinen, an Bewegung und Technik orientierten Werken definierte, sind mehrere Säle gewidmet. Otto Pienes „Lichtballett“ ist genauso dabei wie Günther Ueckers „Terrororchester“. Passenderweise wird gleich danach die „Abstraktion als Weltsprache“ ausgerufen mit Schlüsselwerken des Informel, von denen viele lange im Depot und daher nicht zu sehen gewesen seien, so Christoph Grunenberg. Auch hier wird, wie immer wieder in den Räumen, in eleganten Schlenkern auf die Geschichte des Kunstvereins und die Großzügigkeit von Sponsoren und Mäzenen hingewiesen.

Denen verdankt die Kunsthalle als Neuerwerbung beispielsweise die einen ganzen Raum fassende Installation „Urzeit/Uhrzeit“ von Hanne Darboven, ermöglicht von der Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung. Hanne Darboven spürt in ihrem 916 lose Blätter umfassenden Werk der „Sichtbarmachung der Zeit“ nach. Wie schnell diese vergehen kann werden Kunsthallenbesucher merken, wenn sie diese spannungsreiche und daher spannende neue Präsentation auf sich wirken lassen wollen. Doch man kann ja immer wieder kommen: Der „Remix 2020“ wird ein paar Jahre lang den Ton vorgeben.

Ausstellung „Remix 2020“ - Kunsthalle Bremen

Ungewöhnliche Büste des Künstlers Eberhard Franke (Mitte).

Foto: Christina Kuhaupt

Skulpturen lassen auf sich warten

Unten im Erdgeschoss der Kunsthalle soll sich die Große Galerie voll und ganz dem Thema Skulpturen widmen. Insgesamt 40 Skulpturen aus dem Bestand sollen hier dem Publikum präsentiert werden, die kleinste nur rund 18 Zentimeter, die größte 2,40 Meter groß. Die Figuren machen es dem Museumsteam aber im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich schwer: Der Raum konnte nicht rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung fertiggestellt werden konnte.

Der Überblick mit Arbeiten aus 400 Jahren Kunstgeschichte, darunter Skulpturen von Auguste Rodin, Aristide Maillol und Antony Gormley, soll voraussichtlich Ende Juni geöffnet werden. Einen kleinen Vorgeschmack für alle Liebhaber der Skulpturenkunst bietet allerdings schon jetzt ein Raum, der sich den Büsten berühmter Künstler, Musiker und Schriftsteller zwischen den 1880er- und den 1970er-Jahren widmet. Darunter: Rainer Maria Rilke, Max Liebermann oder Otto Klemperer.

Ausstellung „Remix 2020“ - Kunsthalle Bremen

Seestücke wie dieses waren typisch für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts.

Foto: Christina Kuhaupt

Welthandel und Kolonialismus

Ein Raum widmet sich dem globalen Handel, veranschaulicht durch Seestücke und Stillleben, wie sie für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts typisch waren. Denn die Niederlande waren anderen Ländern in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Schiffbau weit voraus und betrieben regen Handel mit der ganzen Welt. Die Errungenschaften aus der Ferne wurden in Bildern festgehalten. So vereint Hubert van Ravesteyn in seinem „Sillleben mit Nüssen, Wein und Tabakpäckchen“ (1670) Importgüter aus den USA, Asien und Europa, und präsentiert sie, als wolle er sie bewerben.

Ergänzt werden diese Stillleben durch Marinemalerei mit Schiffen, die stolz die rot-weiß-blaue Flagge tragen. Ihnen gegenüber steht die Installation „Cui Bono“ des Künstlers Hew Locke (2017). Sie verweist auf Bremens Rolle in der Schifffahrt sowie auf die Schattenseiten des Handels: Gewaltsame Eroberungen, Wohlstandsstreben, Kolonialismus.

Ausstellung „Remix 2020“ - Kunsthalle Bremen

Henri Biva: „Ein Teich im Wald“, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts.

Foto: Christina Kuhaupt

Der Wald: Bedroht oder Bedrohlich?

Unter dem Thema „Idylle und Bedrohung“ steht ein anderer Raum der Kunsthalle ganz im Zeichen des Waldes und stellt verschiedenste künstlerische Annäherungen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart gegenüber. Diese beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Wald als Sehnsuchtsort, seiner Zerstörung durch den Menschen, dem Thema Naturschutz sowie ästhetischen und historischen Konnotationen des Waldes. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Théodore Aligny, Ernst Willers, Henri Biva, Richard Mosse oder Félix Vallotton.

Caspar David Friedrichs „Felsental (Das Grab des Arminius)“ werden drei Fotoarbeiten von Joanna Kosowska gegenübergestellt, die Ruinen der als Wolfsschanze bezeichneten einstigen Kommandozentrale Adolf Hitlers in Polen zeigen, einem Ort, den sich die Natur mittlerweile zurückerobert hat. Auch, wie der Wald für Ideologien der Nationalsozialisten genutzt wurde, wird thematisiert.

Ausstellung „Remix 2020“ - Kunsthalle Bremen

Franz Radziwills "Die Klage Bremens" aus dem Jahr 1946 hängt sonst im Bremer Rathaus.

Foto: Christina Kuhaupt

Zwischen Heldenepos und Zerstörung

Der Krieg ist ein Thema, das sich durch die gesamte Kunstgeschichte zieht. Nur logisch also, dass die Kunsthalle auch ihm unter dem Stichwort „Battlefield“ einen eigenen Raum gewidmet hat. Da gibt es zum einen die heroischen Schlachtenbilder, die einzelne Helden hervorheben, die für ihre Überzeugungen kämpfen. Ein Beispiel ist Pieter Lastmans „Schlacht zwischen Konstantin und Maxentius“ (1613). Franz Radziwills Gemälde „Die Klage Bremens“ (1946) wiederum holt die Kriegsthematik näher ins Hier und Jetzt und stellt die Verwüstung ins Zentrum.

Das Werk zeigt auf surreale Art und Weise, was für ein Schlachtfeld der Krieg einst auch in Bremen hinterließ. Mit den Opfern des Krieges beschäftigt sich unter anderem die Videoarbeit von Rabih Mroué, die 2012 bereits auf der Documenta zu sehen war. Es ist eine Dokumentation des Sterbens während der Syrischen Revolution.

Weitere Informationen

„Remix 2020“, Kunsthalle Bremen. Ab dem 6. Juni geöffnet. Die Kunsthalle verzichtet aufgrund der aktuellen Situation auf eine Vernissage.

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