Große Retrospektive in Bremen Kunsthalle ehrt Künstler Wols

Bremen. Es ist eine feine Kunst voller Fantasie und neuer Formen: Die Kunsthalle ehrt den Künstler Wols mit einer Retrospektive, die bis zum 11. August zu sehen ist. Wols gilt als Wegbereiter der abstrakten Kunst.
12.04.2013, 05:00
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Kunsthalle ehrt Künstler Wols
Von Sara Sundermann

Bremen. Es ist eine feine Kunst voller Fantasie und neuer Formen: Die Kunsthalle ehrt den Künstler Wols mit einer Retrospektive, die bis zum 11. August zu sehen ist. Wols gilt als Wegbereiter der abstrakten Kunst.

Es ist empfehlenswert, eine Lupe mitzunehmen, um sich die neue Ausstellung der Kunsthalle anzusehen: Denn gerade in den winzigen Paralleluniversen, die Wols schuf, gibt es Faszinierendes zu entdecken. Viele Arbeiten des Künstlers sind kaum größer als eine Handfläche. Doch auf dieser Handfläche tun sich Mikrokosmen auf. Welten, die manche Form und Struktur mit der Realität gemeinsam haben und doch für sich stehen, als eigenständige Schöpfungen des Künstlers.

Durch ein Telegramm wird sein Name zu Wols verstümmelt, ein Zufall, der dem 1913 in Berlin geborenen Künstler Wolfgang Schulze gefällt. Gerne taucht er in den Schatten hinter seinen Werken ein, tritt ganz hinter seine Kunst zurück. Er macht die willkürliche Abkürzung zu seinem Pseudonym. Fortan signiert er alle seine Arbeiten mit Wols – ein Name, der in seiner Kürze und Verfremdung der Wirklichkeit gut zu seiner Kunst passt.

Intuitiv und bedächtig zeichnet Wols, Zeit und Vertiefung verlangt seine faszinierende Kunst auch dem Betrachter ab. Der Anfangspunkt seiner haarfeinen Federstriche lässt sich oft ausmachen, doch der Endpunkt verliert sich meist im Gewirr der zarten Linien, sagt Kunsthistorikerin Henrike Hans. Sie hat als Volontärin der Kunsthalle die Ausstellung unterstützt und begleitet. "Wols ist als Künstler seinen eigenen Weg gegangen, er war oft isoliert und dabei doch nah am Puls der Zeit", sagt sie.

Wols rückt die Details ins Zentrum: langes, borstiges Haar taucht in seinen Aquarellen und Tuschezeichnungen immer wieder auf, aber auch organische Formen nie gesehener Lebewesen, amöbenartige Kleinlebewesen, die spezielle Form der Wirbelsäule oder das Häusergewirr einer über sich hinauswuchernden Stadt.

Wegbereiter des Informel

Auch wenn die Kunsthalle ihn als europäischen Wegbereiter des Informel, der damals neuen, gegenstandslosen Kunst würdigt, greift Wols auf Gegenständliches zurück. Es geht ihm aber nie um die Geschichten oder Bedeutungen dieser konkreten Realitätsbezüge, sondern um ihre interessante Form, ihre Struktur. Strukturen faszinieren Wols, und stets führt er sie jenseits der echten Welt weiter: Wenn Wols ein Schiff zeichnet, dann findet sich die Form der Takelage auch jenseits des Segels wieder, in der Luft und am Ufer – ein Spiel mit der Form, das seinen Werken ihre charakteristische Leichtigkeit verleiht.

Die Suche nach Strukturen klingt auch in Wols’ frühen Fotografien an. Die Retrospektive der Kunsthalle gibt einen chronologischen Überblick über die Vielfalt seiner Arbeiten und stellt seine künstlerische Entwicklung dar: von Fotografien über Papierarbeiten zur Malerei, zu Druckgrafiken und Mischformen mit Tusche und Ölfarben. Dabei beeindruckt auch die schiere Zahl der Bilder. Mehr als 200 Arbeiten von Wols werden ausgestellt, darunter fast die Hälfte aller seiner Gemälde und zahlreiche noch nie zuvor öffentlich gezeigte Werke aus Privatbesitz. Die Kunsthalle spricht von der umfangreichsten Wols-Ausstellung seit fast 25 Jahren. Möglich wird dies auch dadurch, dass die Kunsthalle mit der Menil-Collection in Houston kooperiert und Leihgaben der Bremer Hollweg-Stiftung erhalten hat.

Wols’ bewegte Lebensgeschichte wollen die Kuratoren Ewald Rathke und Toby Kamps dabei nicht ins Zentrum stellen und vor allem nicht zur Interpretation seiner Kunst heranziehen, wie es so oft geschehen ist. Motive wie zum Beispiel die Schiffe, die in Wols’ Bildern auftauchen, wurden oft als Ausdruck seiner Hoffnung auf eine Auswanderung in die USA gedeutet, sagt Henrike Hans. "Doch die Schiffe tauchen in Wols’ Werken über einen großen Zeitraum immer wieder auf, auch jenseits des Moments, in dem er emigrieren wollte."

Als Alfred Otto Wolfgang Schulze kommt Wols in Berlin zur Welt. Er wächst in Dresden auf und wünscht sich schon als Elfjähriger eine Kamera. Er geht bei einer Porträtfotografin in die Lehre und entflieht dem bürgerlichen Elternhaus nach Paris. Dort kommt er in Kontakt mit den Surrealisten, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und lernt seine spätere Frau, die Modistin Gréty Dabija, kennen.

Wols erhält in Frankreich aber keine Arbeitserlaubnis und wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von den Franzosen in verschiedenen Lagern interniert. Er versucht, in die USA zu emigrieren und scheitert, er begeistert erste Kunstsammler und kann seine Werke in Paris ausstellen. Doch auch Armut, Alkoholabhängigkeit und Krankheit prägen sein Leben. Dennoch habe Wols kein schreckliches Leben gehabt, betont Gastkurator Ewald Rathke: "Wols war bedürfnislos."

Auch in der letzten großen Wols-Schau 1989 im Kunsthaus Zürich wurde das Werk schon stärker vom Leben des Künstlers getrennt. Die Ausstellung der Kunsthalle, die im September nach Houston weiterwandert, bringt dennoch Neues ein: Seit der letzten Retrospektive hat sich einiges in der Wols-Forschung getan, wie auch der Ausstellungskatalog beweist. Neu ist, dass Wols stärker eingeordnet wird in die Netzwerke der Künstler, die ihn inspirierten und derer, die sich später auf ihn bezogen, sagt Henrike Hans. Neu ist auch die Erkenntnis, dass Bilder frühzeitlicher afrikanischer Felsmalereien Wols’ Kunst inspiriert haben, mit denen er als Helfer des Ethnologen Leo Frobenius in Kontakt kam.

Und in der Tat spricht auch Wols’ Kunst wie die frühen Höhlenmalereien von einer sonderbar fremdartigen Welt, die wir ohne ihn und seine Werke nicht wahrnehmen könnten. Es ist die wundersame Parallelwelt im Kopf des Künstlers, die in seinen inspirierenden Bildern zu uns durchdringt.

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