Ausstellung in der Kunsthalle

Sandmann, Stacheldraht und Sklaverei

In diesem Jahr wird zum 47. Mal der mit 30.000 Euro dotierte Kunstpreis der Böttcherstraße verliehen. Zehn Künstler sind nominiert. Ihre Arbeiten sind ab sofort in einer Ausstellung in der Kunsthalle zu sehen.
29.08.2020, 05:13
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Sandmann, Stacheldraht und Sklaverei
Von Alexandra Knief

Bremen. 260 Millionen Jahre. So lang ist die Verweildauer von Natrium, einem Bestandteil unseres Blutes, in der Atmosphäre. Das schreibt die Kulturwissenschaftlerin Christina Sharpe 2016 in ihrem Buch „In the Wake: On Blackness and Being“ und stellt damit einen Bezug her zu den Afrikanern und Afrikanerinnen, die zur Zeit der Sklaverei während der Überquerung des Atlantiks über Bord geworfen wurden.

Darauf, dass ein Teil dieser Menschen noch immer da draußen ist, dass die an ihnen verübte Gewalt bis heute nachwirkt, bezieht sich die Arbeit „Residence Time“ (Verweildauer) der Künstlerin Janine Jembere. Sie besteht aus Drucken, die entweder abstrakte Aufnahmen des Atlantiks zeigen oder aber ebenso abstrakte Detailaufnahmen von Akten, die Jembere im Reichskolonialamt des Bundesarchives in Berlin-Lichterfelde studiert hat. Hier suchte die Künstlerin im Rahmen einer größeren Arbeit nach Texten anti-kolonialer Bewegungen, die von Afrikanern zwischen 1880 und 1914 verfalsst wurden und aus den vom Deutschen Reich kolonialisierten Gebieten stammen. Die optisch eher unauffällige Arbeit ist inhaltlich stark aufgeladen und beschäftigt sich auf sehr eindrückliche Weise mit kolonialer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Deutschlands aus schwarzer Perspektive. „Ich versuche, mit meiner Arbeit mehr Respekt für das menschliche Leben und Sterben zu schaffen“, sagt die Künstlerin selbst.

Jemberes Arbeit ist eine von insgesamt zehn Positionen, die ab sofort im Rahmen der Ausstellung zum Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen 2020 in der Bremer Kunsthalle zu sehen sind. Sie stammen von zehn ganz unterschiedlichen Künstlern und Künstlerinnen aus dem deutschsprachigen Raum, darunter Bani Abidi, Ulrike Müller, Stefan Vogel, Nevin Aladağ, Toulu Hassani und Raphaela Vogel, die wiederum von zehn internationalen Kuratoren für den Preis nominiert wurden.

Freiheit, Kapitalismus und Konsum

Auch in der Ausstellung vertreten ist die Künstlerin Henrike Naumann mit ihrer Arbeit „Die Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah“. Wer ihre raumgreifende Installation betritt, findet sich inmitten eines kitschigen Schuhladens im Brandenburg der 1990er-Jahre wieder. Sie schafft mit ihrer Arbeit, wie sie selbst sagt, eine Art „Ausgrabungsstätte“ mit DDR-Relikten (Pittiplatsch trifft auf Sandmännchen) und Kindheitserinnerungen. Ein Video zeigt Ausschnitte aus DDR-Unterrichtsmaterial, aus der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“, einer Cartoon-Fassung der Bremer Stadtmusikanten sowie der Fernsehserie „Free to Choose“ und thematisiert damit Fragen nach Freiheit, Kapitalismus und Konsum.

Jesse Darling widmet sich in ihrer sehr anschaulichen Arbeit „A fine line“ (deutsch: ein schmaler Grat) den Themen Heimat, Zuhause sowie Häuslichkeit und verbindet sie mit Konsumkritik und Bildern der Gewalt. Sie spannt Wäscheleinen kreuz und quer weit oben durch den Raum, bestückt sie mit Dingen, die wir alle kennen: Geschirrtüchern, Kinderkleidung, Schuhen, gängigen Haushaltsutensilien. Doch zwischen all dem wickelt sich Stacheldraht um die scheinbar perfekte, heile Welt; ragen Taubenspikes hervor, die den Betrachter auf Abstand halten. Diese Elemente üben zum einen Kritik an der Norm der weißen, europäischen, heterosexuellen Familie. Zum anderen stehen sie aber auch für die Gewalt, die innerhalb einer Familie, innerhalb eines vermeintlich sicheren Zuhauses, herrschen kann.

Eine Symbiose von Menschen, Tieren, Pflanzen und Technik schafft die Künstlerin Anne Duk Hee Jordan mit ihrer Installation „Atmospheres of Breathing“. Sie hat einen Raum gestaltet, der seine Besucher dazu einlädt, zur Ruhe zu kommen, ja, sich sogar gemütlich auf eine bereitgestellte Liege zu legen. Der Besucher wird quasi eins mit der auf zwei großen Projektionen gezeigten Unterwassertierwelt. Im Mittelpunkt der Arbeit steht das Thema Atmung. Eine Maschine im Raum füllt und entleert sechs Ballons in einem aus dem Yoga stammenden Atemrhythmus, der der Entspannung dienen soll. Mit ihrer Arbeit stellt Anne Duk Hee Jordan die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderer Lebewesen infrage.

Mit 30 000 Euro Preisgeld zählt der Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen zu den am höchsten dotierten Auszeichnungen im Bereich der zeitgenössischen Kunst im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr wird er zum 47. Mal verliehen. Die Preisverleihung findet am 27. Oktober statt. Über den diesjährigen Preisträger entscheidet eine fünfköpfige Fachjury. Wer es ist, wird voraussichtlich Ende September bekanntgegeben.

Weitere Informationen

Die Ausstellung zum Kunstpreis der Böttcherstraße 2020 ist vom 29. August bis zum 1. November in der Kunsthalle Bremen zu sehen.

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