Laienorchester in Bremen

Susanne Gläß: „Die Probe steht im Mittelpunkt“

Susanne Gläß leitet die Universitätsmusik und hat kürzlich für den Senator für Kultur eine Bestandsaufnahme der Bremer Laienorchesterszene erstellt. Im Interview spricht sie über die Aufgaben der Ensembles.
20.07.2020, 10:57
Lesedauer: 5 Min
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Susanne Gläß: „Die Probe steht im Mittelpunkt“
Von Iris Hetscher

Frau Gläß, Sie haben für die Bremer Kulturbehörde kürzlich eine Bestandsaufnahme der Bremer Laienorchester erstellt und leiten selbst seit 1996 das Orchester der Universität. Wie funktioniert die Arbeit mit einem Laienorchester in der aktuellen Corona-Zeit?

Susanne Gläß: Das war besonders am Anfang sehr schwierig. Zunächst einmal war ich vor allem konsterniert. Doch dann habe ich auf dem Instagram-Account des Orchesters die witzige Video-Collage unseres Trompeters Simon Knobbe entdeckt und gedacht, so etwas könnte ja auch dem gesamten Ensemble großen Spaß machen. Da gab es allerdings noch einige Fragen zu klären, weil die Situation digital dann doch eine andere ist als ansonsten.

Was mussten Sie klären?

Wenn man miteinander musiziert, dann bezieht man sich aufeinander, man stimmt sich aufeinander ein, der Gesamtklang wird modelliert. Ich musste klären, wie wir das digital hinbekommen, wenn wir uns nicht gegenseitig hören können, wenn alle zuhause einzeln ihre Stimme aufnehmen und ich als Dirigentin das weder unterstützen noch beeinflussen kann. Klar war zudem: Bei Musik mit einem festen Rhythmus ist das auf jeden Fall einfacher.

Sie haben sich für den „Boléro“ von Maurice Ravel entschieden; das Stück war Teil der Installation „Hörkontakt“ in der Kulturkirche St. Stephani. Wie gestaltete sich die Orchesterarbeit?

Wir haben alle Stimmen nacheinander aufgenommen, zunächst den Part der kleinen Trommel, weil sie wie ein Metronom funktioniert. Ich habe mir die Einzelstimmen angehört, und, wo notwendig, korrigiert. In Zoom-Konferenzen haben wir jede Woche über die musikalische Gestaltung, aber auch aufnahmetechnische Probleme gesprochen. Dabei war die Unterstützung durch Gerd Anders eine große Hilfe, der als ehemaliger Uni-Student bei uns noch immer Horn und Sopransaxofon spielt, aber als Tontechniker arbeitet; auch Simon Knobbe hat sich hier eingebracht. Inzwischen ist die von Anfang an geplante Video-Audio-Collage unserer Arbeit bei Youtube zu sehen und stellt zugleich unsere Musikerinnen und Musiker in ihrem Alltag ein bisschen vor. Einen kleinen Vorteil hatte diese Art der Arbeit übrigens: Es konnten auch ehemalige Orchestermitglieder mitmachen, die in andere Städte umgezogen sind, die in Pisa, Berlin, Ahaus oder auf Norderney leben.

Wenn das so gut gelaufen ist: Machen Sie jetzt digital weiter oder analog?

Alle möchten jetzt wieder live spielen! Und wir haben das in der vergangenen Woche auch an einem Abend draußen hinbekommen, in kleinerer Besetzung natürlich. Den Live-Probenbetrieb könnte die Universitätsmusik vielleicht nach den Semesterferien wieder aufnehmen. Derzeit wäre es eine Perspektive, in kleineren Formationen zu proben.

Oder Sie ziehen mit Ihren 85 Musikerinnen und Musikern in die Messehalle um.

Sie werden lachen, aber das habe ich mit tatsächlich schon angeschaut.

Wenn wir die derzeitige Ausnahmesituation einmal beiseitelassen – was unterscheidet die Arbeit eines Laienorchesters grundsätzlich von der eines Profiorchesters?

Bei den Profis ist alles darauf ausgerichtet, ein gelungenes Konzert zu gestalten und die Probenzeit ist, aus ökonomischen Gründen, relativ kurz gehalten. Bei den Laien steht die Probe im Mittelpunkt, man erarbeitet und erfährt einmal oder zwei Mal pro Woche miteinander sinfonische Musik, indem man sie selbst spielt. Das soll ein befriedigender und beglückender Prozess sein. Mir ist es wichtig, dass die Musizierenden mit Freude in die Proben kommen und sie genauso wieder verlassen. Von daher ist der Umgangston sicher auch ein anderer als bei Profiorchestern. Und ein Konzert steht bei uns am Ende dieses Prozesses, quasi als Sahnehäubchen.

Wer spielt bei Ihnen mit?

Das sind Studierende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität, auch Ehemalige sind dabei und Studierende anderer Bremer Hochschulen, die kein eigenes Orchester haben. Außerdem gibt es einige Mitglieder bei uns, die zuvor in anderen Städten in Uni-Orchestern mitgespielt haben.

Müssen die Bewerber vorspielen?

Beim Streicherensemble nicht unbedingt, weil das immer in einer Gruppe spielt und die Stärkeren die Schwächeren mittragen können. Aber bei den Einzelinstrumenten, bei denen Fehler dann eher auffallen, gibt es ein Vorspielen, also bei den Bläsern, der Harfe oder den Schlagwerkern.

Wie streng sind Sie?

Wenn jemand nicht im Takt spielen kann oder die Intonation nicht stimmt, also der Ansatz und die Abstimmung der Tonhöhe, dann kann jemand leider nicht mitmachen bei uns. Da geht für mich der Schutz der übrigen Orchestermitglieder vor, die dadurch aus dem Konzept gebracht würden.

Sie sind auch verantwortlich für das Repertoire. Haben die Orchestermitglieder ein Mitspracherecht?

Das Programm bestimme ich. Dabei ist vieles zu berücksichtigen: Das Werk muss allen Instrumentengruppen Spaß machen, beispielsweise nicht nur den Geigen, während die Celli oder Trompeten sich langweilen. Gleichzeitig darf es für kein Instrument zu schwierig sein. Außerdem versuche ich auch immer wieder Programme zu entwickeln, die einen Bezug zu dem haben, was uns an der Uni inhaltlich bewegt. So ging es bei der Aufführung von Richard Einhorns „The Origin“ um das Leben von Charles Darwin oder bei Michael Tippetts „A Child of Our Time“ um die Novemberpogrome im Jahr 1938. Aber manchmal gibt es auch Wünsche, und einige werden berücksichtigt, wenn ein Programm einfach nur Spaß machen soll. Unser diesjähriges Monty-Python-Programm, das komische Oratorium „Not the Messiah – He‘s a very naughty boy“, fußt auf einem Vorschlag unseres Schlagzeugers, dessen Vater Monty-Python-Fan ist.

Welche Rolle spielt der soziale Faktor im Orchester der Universität?

Wir haben Paare, die sich bei uns kennengelernt haben. Und außerdem sitzen bei uns Menschen nebeneinander, die zwar an der Uni studieren oder arbeiten, aber sich vielleicht nie begegnen würden. Viele lernen also Menschen kennen, die in anderen Fachbereichen tätig, oder in einem höheren oder niedrigeren Semester sind. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie vielfältig die Universität ist.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Susanne Gläß

wurde 1957 in Bremen geboren. Sie hat in Hamburg und Bristol evangelische Theologie, alte Sprachen, Philosophie und Musik (Dirigieren und Violine) studiert. Nach Aufenthalten in der Schweiz und in Portugal ist sie seit 1996 Universitätsmusikdirektorin in Bremen.

Info

Zur Sache

Das Orchester der Universität Bremen

wird seit seiner Gründung 1996 von Susanne Gläß geleitet. Es ist ein vollständig besetztes Sinfonie-Orchester, dessen Mitgliederzahl zwischen 70 und 95 Musikerinnen und Musikern schwankt. Sämtliche Mitglieder spielen unentgeltlich; auch für eher seltene Instrumente wie Harfe oder Tuba werden keine bezahlten Aushilfen benötigt. Einmal im Semester coachen Mitglieder der Bremer Philharmoniker die Proben der verschiedenen Instrumentengruppen des Orchesters. Im Wintersemester gestaltet das Orchester regelmäßig mit dem Chor der Universität ein Konzert in der Glocke. Im Sommersemester werden meistens Programme mit sinfonischer Musik gespielt. Kontakt unter sglaessuni-bremen.de

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