Internationales Team erbaut bei den Worpsweder Künstlerhäusern Fachwerkbau in Eigenregie „Landschaft ohne Haus nicht denkbar“

Worpswede. Sie kommen aus Australien, Mexiko, Südkorea – und natürlich auch aus Deutschland. Die Handwerkerriege, die derzeit in Sichtweite zum Teufelsmoor ein Veranstaltungsforum als Fachwerkbau in unmittelbarer Nähe zu den Künstlerhäusern hochzieht.
03.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Landschaft ohne Haus nicht denkbar“
Von Uwe Dammann

Worpswede. Sie kommen aus Australien, Mexiko, Südkorea – und natürlich auch aus Deutschland. Die Handwerkerriege, die derzeit in Sichtweite zum Teufelsmoor ein Veranstaltungsforum als Fachwerkbau in unmittelbarer Nähe zu den Künstlerhäusern hochzieht. Die Handwerker, von denen viele aber in erster Linie als Künstler arbeiten, werkeln hier ausschließlich und unentgeltlich im Rahmen eines Workshops für ein Projekt, das derzeit bundesweit ziemlich einzigartig ist.

Auf dem Gelände an den Pferdeweiden entsteht ein „temporäres Gruppen-Forum“, das bis zu 20 Künstlern gute räumliche Arbeitsbedingungen zum Entwickeln gemeinsamer Projekte bereitstellt. Temporär deshalb, weil das Gebäude nur – so sieht es die Genehmigung vor – zwei Jahre stehen soll. In dem entstehenden Fachwerkkomplex können Künstler künftig an großformatigen Werken arbeiten oder ihn als Raum für gemeinsame Diskussionsrunden, Lesungen oder gar Musikveranstaltungen nutzen. Offizieller Bauherr ist Tim Voss – er ist der Leiter der Künstlerhäuser Worpswede e. V..

Der Verein „Atelierhaus Worpswede e.V.“ entstand 1971 als Atelierwohnungen des gemeinnützigen Atelierhaus Vereins unter der Leitung des Grafikers und Buchgestalters Martin Kausche. Die so genutzten Ateliers waren die ersten ihrer Art in der Bundesrepublik. Sie waren als Lebens- und Arbeitsräume für internationale zeitgenössische Künstler der Sparten bildende Kunst, Klangkunst und Literatur konzipiert, die hier bis heute die Häuser nutzen, erläutert Tim Voss.

Im Zentrum der von Martin Kausche gegründeten Atelierhäuser Worpswede stand die Idee, dass Künstler über eine gewisse Periode ungestört in einer ruhigen Umgebung arbeiten können. Das Künstlerdorf Worpswede bietet dazu die perfekte Infrastruktur. Schließlich gibt es hier bis heute zahlreiche Künstler, Galerien und Museen. Im Gegenzug erinnerten die Stipendien das Dorf daran, dass es keineswegs ein Freiluftmuseum ist, sondern ein Ort mit einem historisch geprägten überdurchschnittlich hohen Interesse an Kunst und Kultur. „Obwohl die zeitgenössische Kunst nicht permanent sichtbar war, spielte sie immer eine Rolle im Selbstverständnis des Ortes“, sagt Voss.

Von 1996 bis 2009 wurden die Martin Kausche-Ateliers mit den Ateliers der Barkenhoff Stiftung als „Künstlerhäuser Worpswede“ zusammengefasst. Über 400 internationale Künstler waren insgesamt zu Gast und erhielten bis Ende 2009 Stipendien des Landes Niedersachsen. Im Jahre 2009 stoppte das Niedersächsische Ministerium allerdings überraschend und trotz großer Proteste die Förderung internationaler Stipendien in Worpswede. Die Ateliers im Barkenhoff wurden vom Museumsbetrieb in Ausstellungsfläche umgewandelt. Seit 2010 werden nur noch die regional ausgeschriebenen Niedersachsen-Stipendien für bildende Kunst, Klangkunst/Komposition und Literatur in den fünf Martin Kausche-Ateliers vor den Pferdeweiden angeboten.

Abgesehen davon, dass die bestehenden Künstlerhäuser selbst renovierungsbedürftig sind, soll das neue und baulich beeindruckende Forum aus Fachwerk die Einrichtung wieder mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Die ungewöhnliche Architektur kann sich den unterschiedlichen Anforderungen des Programms für die nächsten zwei Jahre bis 2018 anpassen. Konkret: Seitenflügel und die Hauptportale können geöffnet werden, innere Räume können ebenfalls verändert werden. Entworfen hat das Konzept der Berliner Architekt Alexander Römer und das von ihm gegründete Kollektiv constructLab. Der Bau wurde von etlichen Betrieben aus der regionalen Wirtschaft gefördert.

„Das meiste läuft hier allerdings ehrenamtlich ab“, sagt Tim Voss und freut sich über das Engagement der 15 freiwilligen Aufbauhelfer aus vielen Ländern, die seinem Aufruf gefolgt sind. Tim Dannenberg ist beispielsweise Installationskünstler und gleichzeitig ausgebildeter Zimmermann. „Als ich von diesem Projekt gehört habe, fand ich es sofort interessant. Schließlich war ich hier früher selbst Stipendiat und habe die Künstlerhäuser und die Worpsweder Landschaft und Kultur schätzen gelernt“, sagt Dannenberg. Der Australier Ryan schätzt die internationale Atmosphäre auf der Baustelle und auch die Südkoreanerin Mihii ist den weiten Weg aus Seoul nach Worpswede gereist, um das Projekt mit ihrer Arbeitskraft zu unterstützen. Eine Wand des zurzeit entstehenden Forums soll nach Fertigstellung der Satz „Landschaft ist ohne Haus nicht denkbar“ von Heinrich Vogeler zieren. Ein kluger Satz. Vielleicht wäre die beeindruckende Landschaft am Rande des Teufelsmoors ohne Haus denkbar, aber sie wäre bedeutend ärmer.

Weitere Informationen im Internet unter www.kh-worpswede.de.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+