Ab Sonntag im ZDF Larssons Millennium-Reihe extralang

Bremen. Die dreiteilige Verfilmung der Krimi-Bestseller ist im Kino ein großer Erfolg gewesen, nun laufen die Filme im Fernsehen als Sechsteiler. Fans der Bücher dürfen sich über 100 zusätzliche Minuten freuen, die für die Kino-Fassung der Schere zum Opfer gefallen waren.
19.01.2011, 05:00
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Larssons Millennium-Reihe extralang
Von Hendrik Werner

Bremen. Mehr als 25 Millionen Mal hat sich die "Millennium"-Trilogie des schwedischen Investigativjournalisten und Kriminalromanciers Stieg Larsson weltweit verkauft. Die dreiteilige Verfilmung des Stoffes geriet zum Triumphzug der Schauspielerin Noomi Rapace, die in der Rolle der verhaltensauffälligen Hackerin Lisbeth Salander brilliert. Ab Sonntag zeigt das ZDF die Folgen "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" als Sechsteiler - mit 100 Minuten mehr als im Kino.

So gigantisch fiel in jüngerer Vergangenheit allenfalls der Nachruhm des Schauspielers Heath Ledger aus. Der war durch das empfindsame Schwulen-Drama "Brokeback Mountain" zwar schon leidlich etabliert, avancierte aber erst posthum zur Ikone des Gegenwartskinos, als er ein halbes Jahr nach seinem Tablettentod im Januar 2008 als "Joker" in "Batman" zu sehen war. Hernach wurde dem Toten Preis um Preis zuerkannt, Ehre um Ehre zuteil.

So riesig fiel zuletzt nur die musikalische Marktwertsteigerung des Sängers Michael Jackson aus. Der war nach seinen Erfolgen in den 80er-Jahren zwar längst weg vom famosen Fenster, wurde aber durch seinen Tod erneut zur kanonisierten, grenzhysterisch betrauerten und einträglichen Größe.

Mit dem späten Einzug des schwedischen Journalisten und Autors Stieg Larsson in die Halle ewigen Ruhmes verhält es sich strukturell ähnlich. Als der manische Schreiber im November 2004 gerade mal 50-jährig den Folgen eines Herzinfarkts erliegt, ist der erste Roman seiner ursprünglich auf zehn backsteingroße Folgen konzipierten "Millennium"-Trilogie noch nicht einmal in Schweden veröffentlicht worden.

Mittlerweile ist Larsson weltweit zu einem der meistgeachteten und vor allem meistverkauften Autoren des Schuld-und-Sühne-Genres geworden: "Verblendung" (2006), "Verdammnis" (2007) und "Vergebung" (2008) stürmten kurz nach ihrem Erscheinen die Spitze der Bestsellerlisten. Selbst die Taschenbuchausgaben verkaufen sich wie geschnitten Smørrebrød. Auf einer repräsentativen Liste mit Welt-Beststellern rangiert Larsson hinter dem Esoteriker Khaled Hosseini auf dem zweiten Platz.

Literarische Kollapsvorwegnahme

Seinen Erfolg hat der wie besessen arbeitende Larsson nicht mehr erlebt. Wie ein Treppenwitz der Thriller-Geschichte erscheint der Umstand, dass er die tragischen Umstände seines frühen Todes in dem gewissermaßen nachgelassenen Werk "Vergebung" denkbar genau und brutal antizipiert hatte. Darin wankt und schwankt der Chefredakteur einer renommierten schwedischen Tageszeitung an seinem Arbeitsplatz in der Redaktion, verdreht dann die Augen, um schließlich zu kollabieren.

Die Diagnose, plötzlicher Herztod, ist die nämliche wie 2004 im Falle des Visionärs in eigener Sache. Die Ursache mutmaßlich auch: Als auf politische Skandale abonnierter Enthüllungsjournalist arbeitete der Rechtsextremismusexperte Larsson täglich bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung für das Antifa-Magazin "Expo", das er 1995 als Reaktion auf tödliche Neonazi-Übergriffe im vermeintlich politisch ach so liberalen Schweden gegründet hatte.

Weil dem Workaholic sein journalistischer Aufdeckungsfuror bald nicht mehr genügte, begann er mit dem Schreiben kriminalistischer Fiktionen: rasante, brutale und verhohlen moralische Thriller, die meist im politischen Milieu angesiedelt sind. Maliziöse Pamphlete in Literaturgestalt, in denen Larsson seinen pathologischen Investigativwahn und seinen Ekel an der Realpolitik an den Journalisten Mikael Blomkvist delegiert, der dem Enthüllungsmagazin "Millennium" als Herausgeber und Chefreporter in Personalunion vorsteht. Ihm zur Seite steht die verhaltensauffällige Hackerin Lisbeth Salander, deren Kindheitstraumata Larsson in seiner kühnen Parabel durch die Verderbtheit des schwedischen Staates erklärt.

Als Alter ego seines sendungsbewussten Erfinders gerät Blomkvist gemeinsam mit Salander in einen Sumpf aus Menschenhandel und Korruption, Notzucht und Wirtschaftskriminalität, Amtsmissbrauch und Zwangsprostitution. Die Themen des radikalen Aufklärers kreisen beharrlich um jene verheerende Leere, die der schwedische Abschied vom Sozialstaat hinterlassen hat. Damit bekannte sich der Romancier zur gesellschaftspolitisch brisantesten Literaturtradition seines Landes: Es scheint, als habe ihm der Geist des ähnlich engagierten Kriminalschriftstellerpaares Per Wahlöö (1926-1975) und Maj Sjöwall (geboren 1935) das Schreibwerkzeug geführt. Indizien für eine Nähe zu den Sozialkritikern sind inhaltliche Berührungen wie die Schmähung von Polizei und Politikern.

Lisbeth Salander brütet und wütet

Der Erfolg der "Millennium"-Verfilmungen, die 2009 und 2010 in Deutschland 1,7 Millionen Menschen in die Kinos lockten, verdankte sich weniger der Werktreue als vielmehr einer One-Woman-Show: Noomi Rapace brilliert als Lisbeth Salander. So düster und verzweifelt, so brütend und wütend legt sie ihre Rolle als Aufdeckerin und Rächerin an, dass allein ihr Spiel das Zusehen lohnt. Die mit Piercings, Tattoos und schwarzer Kleidung gewappnete Figur macht sie als Kriegerin kenntlich. Obwohl sie mit dem Journalisten Blomkvist (Michael Nyqvist) kooperiert, ficht die von Geistern der Vergangenheit gequälte Frau zuallererst eine Privatfehde aus.

Das ZDF realisierte die für zarte Gemüter ungeeignete Film-Trilogie mit schwedischen und dänischen Sendern. Jetzt sind die Früchte der Beteiligung im Zweiten zu besichtigen: Gezeigt werden die Folgen "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" jeweils als Zweiteiler an sechs Sonntagen: Die neun Stunden lange Fernsehfassung, die am 10. Februar als "Director's Cut" mit opulentem Bonus-Material bei Warner Home Video als DVD-Box erscheint, ist 100 Minuten länger als die Kinofassung - und wird nicht nur deshalb den Vorläufertexten gerechter.

Tatsächlich gelingt es den Regisseuren Niels Arden Oplev ("Verblendung") Daniel Alfredson ("Verdammnis" und "Vergebung") in der Langversion der Adaption, Larssons Erzählstränge stimmiger nachzuzeichnen sowie Konstellationen und Motivation der Figuren mehr Platz einzuräumen als in der notgedrungen bündigen Kinofassung. Das betrifft zumal die wechselvolle Beziehung zwischen Blomkvist und Salander, aber auch die Arbeit der "Millennium"-Redaktion. Es sind dies wohltuende Brechungen eines an Folter- und Vergewaltigungsszenen überreichen Plots.

Hollywood hat das Potenzial von Larssons Literatur auch schon erkannt. Im US-Remake von "Verblendung", das David Fincher derzeit dreht, spielen Daniel Craig und Rooney Mara die Hauptrollen. Unterdes geht der Streit um das literarische Erbe Larssons in eine weitere Runde: Eva Gabrielsson, die Lebensgefährtin des Bestseller-Autors, will den vierten Teil der "Millennium"-Reihe beenden, für den Larsson bereits gut 200 Seiten geschrieben hatte. Gabrielsson, die von Larssons Familie die Verfügungsgewalt über das literarische Erbe fordert, rühmt sich, Entscheidendes zu Larssons Krimis beigetragen zu haben. Auch dieser Strang von Larssons Nachwirkung hat unbedingt das Zeug zum Thriller.

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