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Leben im Treibsand

Stress, Geldnot, Überarbeitung – Regisseur Ken Loach erzählt im Sozialdrama „Sorry we missed you“ von einer britischen Arbeiterfamilie, die täglich ums Überleben kämpft.
30.01.2020, 09:47
Lesedauer: 4 Min
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Leben im Treibsand
Von Elena Matera
Leben im Treibsand

Paketzusteller Ricky Turner (Kris Hitchen) genießt eine kurze Pause mit seiner Tochter Lisa Jane (Katie Proctor), die ihm bei der Arbeit hilft.

Joss Barratt

Bremen. Pakete werden oft dann geliefert, wenn man gerade nicht zu Hause ist. Was bleibt, ist der Zettel im Briefkasten: „Entschuldigung, dass wir Sie verpasst haben“, auf Englisch: „Sorry we missed you“. Der Satz ist auch der Titel von Ken Loachs neuem Film – ein Sozialdrama, das schonungslos die Ausbeutungsverhältnisse von Schein-Selbstständigen zeigt.

Ricky Turner (Kris Hitchen) lebt mit seiner Frau Abby (Debbie Honeywood) und den zwei Kindern in der englischen Stadt Newcastle. Die Finanzkrise 2008 hat die Familie hart ­getroffen. Ihr Geld auf der Bank ist weg, Ricky verliert seine Arbeit auf dem Bau und hangelt sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten.

Dann eröffnet sich eine Chance: Ricky kann selbstständig als Paketbote für das fiktive Kurierunternehmen PDF arbeiten. Endlich sein eigener Chef sein – für den Familienvater klingt das verlockend. Doch die Realität holt ihn schnell ein. Als Zulieferer wird er ausschließlich nach Paket und Pünktlichkeit bezahlt. Das heißt: Je mehr Pakete er liefert, desto mehr Geld verdient er. Im Eiltempo arbeitet er die vorgegebene Route ab – ohne Pause, 14 Stunden täglich. Zwischendurch etwas essen? Keine Zeit. Einmal kurz auf die ­Toilette gehen? Keine Zeit. Dafür hat Ricky eine Glasflasche im Transporter, in die er urinieren kann.

Zu wenig Zeit für die Kinder

Auch seine Frau Abby ist von halb acht morgens bis halb neun abends als freiberufliche Altenpflegerin unterwegs, fährt mit dem Bus von Patient zu Patient. Zwischen Windelwechseln und Seniorenversorgung koordiniert sie das Familienleben unterwegs vom Handy aus. Für die elfjährige Tochter Lisa Jane (Katie Proctor) und den 15-jährigen Sohn Seb (Rhys Stone) haben die hart arbeitenden Eltern nur wenig Zeit. Die Kinder leiden unter der belastenden Situation, was im Laufe des Films immer deutlicher wird.

„Sorry we missed you“ zeigt nah und unverblümt den Alltag einer britischen Arbeiterfamilie an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Trotz harter Arbeit und Überstunden reicht das Geld für die Familie vorne und hinten nicht. Der britische Regisseur Ken Loach weist damit auch in seinem neuesten Film auf aktuelle gesellschaftliche Missstände hin. Der 83-Jährige ist für seine Sozialdramen bekannt. Für seinen letzten Film „Ich, Daniel Blake“, der sich mit den Tücken der Sozialbürokratie beschäftigt, wurde er mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet.

Loach und der Drehbuchautor Paul Laverty erzählen in „Sorry we missed you“ schonungslos von der Realität der Schein-Selbstständigen. Zulieferer wie Ricky werden zwar von ihrem Arbeitgeber als selbstständig betitelt. Doch letztendlich wird ihnen nur die volle Verantwortung aufgedrückt. Ricky muss den Lieferwagen für seine Arbeit von seinem eigenen Geld mieten und sogar Strafe zahlen, wenn er einen Tag fehlt. Auch Erkankungen gehen letztendlich auf Rickys Rechnung. Ähnlich geht es Abby mit ihrem Null-Stunden-Vertrag, der in Großbritannien weit verbreitet ist. Vertraglich ist eine Beschäftigung von mindestens null Stunden festgelegt. Arbeitnehmer müssen immer auf Abruf bereit sein und bekommen den Lohn nur für die Zeit bezahlt, in der sie tatsächlich Klienten und Kunden betreuen.

Ricky und Abby versuchen, die Familie trotz Frustration und Überarbeitung so gut es nur geht zusammenzuhalten. Wie sehr die beiden unter ihrer Lebenssituation leiden, zeigt sich vor allem in einem Traum, den Abby ihrem Mann eines Tages erzählt: Sie und Ricky versinken im Treibsand. Ihre Kinder versuchen, sie mit Stöcken herauszuholen. Doch je mehr sie arbeiten, desto tiefer und tiefer sinken sie. Als Abby davon erzählt, muss sie fast weinen.

Trotz Geldnot und Stress gibt es auch einige wenige glückliche Momente in der Familie. So hilft etwa die Tochter Lisa Jane ihrem Vater bei der Paketauslieferung, damit sie wenigstens etwas Zeit miteinander verbringen können. Die beiden rennen dabei um die Wette und schaffen es, aus der Auslieferung eine Art Spiel zu erschaffen. Auch sonst gibt es immer wieder Momente, die den starken Zusammenhalt der Familie verdeutlichen.

Für den Film hat Loach wenig bekannte Schauspieler gewählt. Sie spielen ihre Rollen authentisch und mit einer hervorragenden schauspielerischen Leistung. Insbesondere Kris Hitchen glänzt in seiner Rolle als gestresster Paketbote, der im Laufe des Films immer mehr an der Arbeit zerbricht. Debbie Honeywood überzeugt in ihrer Rolle als fürsorgliche Mutter und Pflegerin, die immer versucht, ihr Bestes zu geben. Selbst bei der geduldigen Abby liegen die Nerven irgendwann blank.

In einer Szene lässt sie sich die Haare von einer älteren Patientin kämmen. Diese summt ein Lied, während Abby weint – eine stiller und doch sehr starker Augenblick. Es sind Szenen wie diese, die „Sorry we missed you“ so packend machen. In tristen Bildern, ohne große Filmmusik und ohne kitschige Dialoge und Charaktere gelingt es Loach, den Zuschauer aufzuwühlen und nachdenklich zu stimmen.

Es ist diese Machtlosigkeit von Abby und Ricky, die den Zuschauer mitnimmt. Das Paar hat anscheinend keine Hoffnung auf Besserung seiner Situation. Die beiden arbeiten, um zu überleben und versuchen, nicht daran zu zerbrechen. Die Hilflosigkeit der Protagonisten spiegelt sich gut in einer Szene des Films wider, in der sich Ricky und Abby in ihrem Schlafzimmer gegenüberstehen. Zuvor haben sie laut gestritten. Ricky sieht müde und erschöpft aus. „Abby, was tun wir uns bloß an?“, fragt er, in seinem Blick liegt die pure Verzweiflung. Sie schaut ihn an und antwortet nur: „Ich weiß es nicht.“

Weitere Informationen

Der Film „Sorry we missed you“ läuft
ab ­Donnerstag in der Schauburg.

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