25 Jahre nach seinem mysteriösen Tod auf der Autobahn erscheinen Romane Jörg Fausers erstmals als E-Bücher Leben und Sterben auf der Überholspur

Jörg Fauser verschwendete sein Talent und sein Leben. Seine Bücher revolutionierten den deutschen Kriminalroman. In der Nacht zum 17. Juli 1987 kam der exzessive Ahnherr der deutschen Popliteratur 43-jährig ums Leben. Zum 25. Todestag erscheinen seine Romane "Der Schneemann", "Das Schlangenmaul", "Rohstoff" und "Die Tournee" erstmals als E-Bücher.
17.07.2012, 05:00
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Leben und Sterben auf der Überholspur
Von Hendrik Werner

Jörg Fauser verschwendete sein Talent und sein Leben. Seine Bücher revolutionierten den deutschen Kriminalroman. In der Nacht zum 17. Juli 1987 kam der exzessive Ahnherr der deutschen Popliteratur 43-jährig ums Leben. Zum 25. Todestag erscheinen seine Romane "Der Schneemann", "Das Schlangenmaul", "Rohstoff" und "Die Tournee" erstmals als E-Bücher.

Bremen. Was für ein schräger Typ, dieser Jörg Fauser: Er verkörperte die deutsche Spielart eines Gonzo-Journalisten, der Fakten und Fiktion munter mischt. Der coole Untergrund-Dichter konnte sich nie entscheiden, ob sein heißes Herz nun mehr für Beat-Prosa (Ginsberg & Thompson), Hard-boiled-Krimi (Hammett & Chandler) oder Trinker-Erbauungsliteratur (Fallada & Bukowski) schlug. Deshalb zwang er alle Gattungen in jeden seiner Texte – entsprechend wahnwitzig fiel deren Mischung aus. Ein zwischen Schreiben und Drogenkonsum taumelnder Maniker war dieser Allesfresser, der fast jeden gelesenen Text postwendend in eigene Literatur umwidmete, jeden Trip in ein Stück Prosa.

Sein Leben auf der Überholspur fand vor 25 Jahren ein bezeichnendes Ende: Unter ungeklärten Umständen hauchte der Fußgänger am 17. Juli 1987 auf der Autobahn 94, unweit der Ausfahrt Feldkirchen, seine unter Genieverdacht stehende Existenz auf denkbar grausame Weise aus, als er von einem Lastwagen erfasst wurde. Nachweislich nicht mehr ganz nüchtern, auf dem Nachhauseweg von einer privaten Feier in München anlässlich seines 43. Geburtstags. Fausers Ende erinnert an jenes von Rolf Dieter Brinkmann, den die automobile Gesellschaft gleichfalls gründlich erledigte: Der gesellschaftspolitisch bewegte Lyriker starb im April 1975 als Fußgänger vor dem Pub "The Shakespeare" in Cambridge, weil er den ortsüblichen Linksverkehr nicht beachtet hatte.

Freilich war sein Lebenswandel nie so, dass man ihn sich im Jahr 2012 als besinnlichen Pensionär auf einer Parkbank hätte vorstellen können. Davon zeugen seine vor Originalität, Engagement und Witz überschießenden Texte, die seit einiger Zeit wieder fröhliche und verdiente Urständ feiern: Zum einen im Diogenes-Verlag (Zürich), der seine bewährte Jörg-Fauser-Ausgabe in neun Bänden nunmehr auch als Taschenbuch-Ausgabe vertreibt. Zum anderen im Alexander-Verlag (Berlin), für den Alexander Wewerka eine sorgsame und liebevolle Werkausgabe gestaltet hat, die gleichfalls neun Bände umfasst. Überdies sind Fausers wichtigste Romane anlässlich seines 25. Todestages erstmals als E-Bücher erschienen.

Grenzgänger und Getriebener

Der Sohn eines Künstlers und einer Schauspielerin war in kreativen Belangen seit Schulzeiten, als er Schülerzeitungen mit seinen Texten spickte, ein Zwangscharakter. Er war Grenzgänger und Getriebener, sein Schreibstil ähnlich atemlos und fiebrig wie sein Lebensspurt zwischen Studienabbruch (Ethnologie, Anglistik) und Drogentourismus (Türkei, Marokko), Stadtmagazin und Prosa, Populär- und Hochkultur. "Schreiben war gut", heißt es im unvollendeten Roman "Die Tournee". "Besser als die Gemeinschaft mit Menschen war, über sie zu schreiben, und dann nicht an ihnen haften zu bleiben, sondern weiterzuhüpfen wie die Kugel im Roulettekessel."

Zum Begehren, nie fassbar zu sein, passt die Abneigung des zeitweilig revolutionär gestimmten Hausbesetzers und Joschka-Fischer-Freundes gegen eine dauerhafte Verortung in politischen Schablonen: "Was die Situation rechts/links betrifft", notierte er, "bin ich immer weder noch, sondern folge getreulich der Rothschen Maxime des mo-narchistischen Anarchismus atheistisch-katholisch-muselmanischer Richtung".

Das Verhältnis Fausers zum Kriminalroman war zeitlebens innig: Das zeigen zum einen seine sozial engagierten bundesrepublikanischen Romane – vor allem die Kleinkriminellen-Moritat "Der Schneemann" (1981), die mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt wurde, sowie der packend zwischen Halbwelt und Politikbetrieb schlingernde Berlin-Roman "Das Schlangenmaul" (1985). Zum anderen führen Fausers kluge journalistische Texte vor, welch großes Potenzial er dem Kriminalroman zubilligte: Rohstoff zu sein für soziale Utopien; Wirklichkeit abzubilden, diese zu modellieren – und im Idealfall zu ändern.

Doch die Gattungsverhältnisse, die sind nicht so, wie Fauser oft beklagte. Besonders deprimiert im Essay "Mord ist nicht gleich Mord", erschienen 1975. Darin wettert der Krimigenre-Novize in durchschaubarer Überbietungsabsicht gegen alle Autoren, die weder dem Standard seiner hart gesottenen Hausgötter genügen noch deren Forderungen, realitätsnahe Poesie betreffend. Es folgen zwei charakteristische, auch stilistisch bezeichnende Bandwurmsätze dieses zornigen jungen Mannes:

Abrechnung mit Krimi-Kommerz

"Seit Hammett und Chandler der klassischen englischen Detektivgeschichte der Doyle, Wallace, Christie oder Sayers die reale Welt des Verbrechens, die ,Poesie der Gewalt‘ (Chandler) und eine neue Dimension des Erzählens erschlossen und damit einem schon fast ausgeleierten Genre der Trivialliteratur zum Anschluss an die Entwicklung des realistischen Romans verholfen haben, beherrscht literarische Flaute die Krimi-Szene. Zwar: Das Geschäft mit ihm geht glänzend (was Wunder, denn es ist ja auch ein Geschäft mit dem latenten Angst- und Aggressionssymptom der schweigenden Mehrheit, die gern rot sehen möchte); aber weitgehend bestimmen doch die Auflagen-Giganten und serienmäßigen Leichen-Lieferanten ohne literarisches Format, die wandelnden Buchfabriken in der Nachfolge des Edgar Wallace (aber ohne dessen naiven Schwung), die Sex & Crime-Autoren à la Nick Carter, Mickey Spillane oder James Hadley das heute gängige Bild des Kriminalromans oder Actionthrillers."

Das ist ein heute mehr denn je gültiger Befund, formuliert von einem Streiter für den realitätsnahen Thrill. Fauser, diese angriffslustige Kassandra in Gestalt eines Subkultur-Cowboys, zeigt sich in dieser Passage als Prophet hinsichtlich einer Gattung, in der Kommerz oft vor Aufklärung, Schaudermärchen vor Authentizität, Spektakel vor Chronistenpflicht rangiert.

Der Popliterat der ersten Stunde, Querulant aus Prinzip ("Ich bin kein netter Mensch, sondern Schriftsteller") und empfindsame Liedermacher (er fand Worte für Achim Reichels "Der Spieler" und "Nachtexpress"), hält dem auf tätowierte Torsi und andere effekthascherische Bestialitäten setzenden Thriller-Betrieb und dessen Produktion am Fließband schon Mitte der 70er-Jahre den Spiegel vor.

Zugleich stellt er den ungeheuren Mangel fest, der aus den seriellen Ungeheuerlichkeiten von Knochenjägern und Kannibalen spricht: das Fehlen aller Dimensionen, "die aus einer Handlung erst Wirklichkeit machen und aus einem papiernen Verbrechen eine menschliche Tat: die Konsequenz des Leids, das Element des Tragischen, das Bewusstsein von Schuld, der Versuch, Gerechtigkeit zu verwirklichen". Jörg Fauser, dieser moralische Idealist, fehlt im deutschen Literaturbetrieb.

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