Provokativer Film von Oskar Roehler

Leider lustig

"Herrliche Zeiten", das jüngste Werk des grenzgängerischen Regisseurs, ist eine gleichermaßen gewitzte wie dekadente Zumutung, die auf "Subs" zurückgeht, den Roman eines AfD-Symapthisanten.
03.05.2018, 11:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Hendrik Werner
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Moderne Orgie: Lana (Lize Feryn) ist Objekt der Begierde des Möchtegern-Cäsaren Claus (Oliver Masucci; mit Katja Riemann und Samuel Finzi).

DPA

Bremen. Auch wenn es der Verleih und die Produktionsfirma durch die Zwischenschaltung eines Drehbuchautors und eine schwammige Formulierung im Filmabspann zu verhehlen (oder zumindest zu depotenzieren) versuchen: "Herrliche Zeiten", der jüngste Film von Oskar Roehler ("Die Unberührbare", "Elementarteilchen"), verdankt "Subs", einem Roman des weltanschaulich obskuren AfD-Sympathisanten Thor Kunkel, sehr viel. Die 2011 erschienene Herr-und-Knecht-Geschichte des Neurechten mit dem germanisch einschlägigen Namen ist das legitime Fundament einer regelrechten Adaption, nicht etwa die Bezugsquelle schlichter Anregungen.

Kunkels Kalkül, sein Wille zum Skandal, brach sich erstmals 1999 Bahn, als er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb die maßlose Trash-Prosa "Das Schwarzlicht-Terrarium" präsentierte, die nicht nur im Subtext mit der Idee kokettiert, die sogenannte deutsche Kultur sei ein verzagter Abklatsch der Vorgaben einer Besatzungsmacht namens USA. 2004 erschien sein von Rowohlt zu Eichborn abgeschobener Skandalroman "Endstufe".

Ideologie des Herrenmenschen

Das im Stil einer Mockumentary angelegte Buch erzählt von Nationalsozialisten, die ihre Allmachtsfantasien durch die Etablierung einer Pornoindustrie ausleben. Der kaum weniger saftig und detailfreudig ausgemalte Plot von "Subs" wiederum liebäugelt, obwohl mehrfach ironisch gebrochen, unverkennbar mit der Ideologie des Herrenmenschen. Roehler dürfte sich folglich mit der mehrfach verteidigten Aneignung des Stoffes keinen Gefallen getan haben. Seinem auf Aufmerksamkeit fixierten Kumpel Thor hingegen schon.

Die Majuskeln, die der Filmtitel für das Wort Herr aufwendet, zeigen es nach Art eines Ironiesignals überdeutlich an: Dominanz und Subordination sind die Pole, um die alles kreist in dieser satirischen Dekonstruktion des Besitzbürgertums. Hauptfiguren sind der mit penetrantem rheinländischen Zungenschlag ausgestattete Schnösel und Schönheitschirurg Claus Müller-Todt (ein köstlicher Fatzke: Oliver Masucci) und seine von des Gedankens Blässe angekränkelte Gemahlin, Gartenarchitektin Evi (mit Mut zur anämischen Hässlichkeit: Katja Riemann). Als das Paar, das in einer Villa in Berlin-Grunewald residiert, seiner Putzhilfe verlustig geht, schaltet Claus eine Anzeige, die mehr auf Leibeigene denn auf Angestellte gemünzt ist.

Zunächst melden sich nur (und immerhin) Mitglieder der sadomasochistischen Szene mit erwartbar schrillen Outfits. Das dezenter auftretende Paar Bartos (Samuel Finzi) und Lana (Lize Feryn) gefällt den Spießern Claus und Evi besser. Schon deshalb, weil Bartos ihnen beibringt, wie entspannend, ja lustbetont das Herrschen sein kann. Und weil er wie beiläufig auch noch den Bau eines Pools und das Personal für eine römische Orgie beim dekadenten Nachbarn Mohammed organisiert, werden die beiden willfährigen, ja aufopferungswilligen Sklaven schon während der Probewoche unverzichtbar für die Neo-Gebieter. Doch wer Georg Wilhelm Friedrich Hegels Herrschaft-Knechtschaft-Dialektik kennt (oder deren Parodie in Samuel-Beckett-Stücken), wird ahnen, wie ungemein fragil dieses Machtgefüge ist.

Die Hauptrollen in dieser merkwürdigen Ménage à quatre sind sozusagen majestätisch besetzt: Masuccis Claus und Riemanns Evi sind in ihrer Mixtur aus Dünkel und Doofheit mal hoch komisch, mal anrührend – und sorgen doch ein ums andere Mal für beklemmende Momente durch ihre bornierte Verkennung anderer Lebensweisen und hierarchischer Üblichkeiten. In der Rolle eines mephistophelischen Lakaien setzt Samuel Finzi Akzente, der in seiner Berliner Theaterzeit häufig vergleichbar ambivalente Charaktere verkörpert hat. Lize Feryn als seine aparte Gespielin (und jene des Hausherrn) stellt das vor, was sie soll: eine probate Projektionsfläche. In Nebenrollen amüsieren Margarita Broich, Andrea Sawatzki und Jan Henrik Stahlberg.

Folterkeller als Freizeitspaß

Die vielleicht interessanteste Figur der kolossalen Kolportage, die sich um Geschmack so wenig schert wie um Anstandsstandards, ist besagter Nachbar: Der auf Koks und Kohle versessene Mohammed Al Thani, dessen chauvinistische Wertehierarchie Yasin El Harrouk grandios vorführt, ist Spross eines arabischen Patriarchen, hält sich bullige Leibwächter, Zofen als Abstelltischchen – und einen Folterkeller für den gepflegten Spaß in der Freizeit. An seinem abfälligen Machogehabe mögen sich die Kleingeister scheiden. Und doch ist er es, der den biederen Claus auf den Herrenmenschengeschmack bringt, weil er auf übliche Moralbegriffe und Tabus pfeift. Mohammeds Prinzipienstärke und Todesverachtung würde sich Claus wünschen, als er vor einem seiner bulgarischen Arbeitssklaven steht, der Widerworte gibt, statt brav weiter den Pool im Garten der Müller-Todts auszuheben.

Oskar Roehlers Hang zur Überpointierung in Tateinheit mit der Überstrapazierung jenes asozialen Musters, das er Bertolt Brecht abgelauscht hat, führt zu einem hybriden Werk, das in konventionellen Kategorien wie Sozialdrama und Komödie nicht aufgeht. Man mag es dem formal tadellosen Film ankreiden, dass sich der Regisseur grundsätzlich zu keiner Haltung aufschwingt, sondern mit den – statthaften – Mitteln der Satire alles gleichermaßen der Lächerlichkeit preisgibt. Thor Kunkel dürfte es freuen.

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