Buchmesse bedient alle Geschmäcker Leipzig, wie es liest und lauscht

Rekord zur Halbzeit der Leipziger Buchmesse: An den ersten beiden Tagen haben 71.000 Besucher die literarische Leistungsschau besucht. Noch bis Sonntag sind mehr als 2260 aus 42 Ländern dort vertreten.
14.03.2015, 13:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Hendrik Werner

Rekord zur Halbzeit der Leipziger Buchmesse: An den ersten beiden Tagen haben 71.000 Besucher die literarische Leistungsschau besucht – 3000 mehr als im vergangenen Jahr. Noch bis Sonntag präsentieren sich auf der Frühjahrsschau der Buchbranche mehr als 2260 Aussteller aus 42 Ländern. Allen kulturpessimistischen Rufen zum Trotz: Das Buch hat Zukunft – auch und gerade in gedruckter Form.

In lautmalerischer Hinsicht ist das literarische Leitwort der Buchmesse nicht zu übertrumpfen: „Leipzig liest“, lautet es. Nur wenn alle Einwohner des unweit der sächsischen Metropole gelegenen schmucken Städtchens Schmöckwitz schmökern würden, wäre das Alleinstellungsmerkmal der aparten Alliteration gefährdet, die der literarischen Leistungsschau seit ihrer anfänglich zögerlichen Renaissance im Jahr 1990 ihren besonderen Reiz gibt.

Leipzig liest laut – und leidenschaftlich: Gut 3000 Teilnehmer wirken mit ihren Texten bis Sonntag an jenem Lektürefestival mit, das die eigentliche Ausstellung auf dem Messegelände flankiert. Dabei ist es neben den Literaturvorträgen vor allem die Aura der ungewöhnlichen Lesungsorte, die Leipziger und Gäste staunend lauschen macht: im Bahnhof, auf dem Friedhof, in Waschsalons, in der Sauna, im Zoo; in Buchhandlungen, Cafés und in den hallenden Hallen des Messe-Areals sowieso.

Im Frühaufstehen übt sich, wer an den Sendungen und Segnungen der Literatur teilhaben will: In den Straßenbahnen der Linie 16, die gemächlich von der Stadtmitte in Richtung Messegelände zuckelt (wie auch in den Regionalzügen aus Dresden und Halle/Saale), stehen sich um acht Uhr morgens Lesejunkies auf den Füßen, obwohl die Messe erst zwei Stunden später ihre Pforten öffnet.

Das ungeheure Gewimmel und Gewusel in den hellhörigen Messehallen, in denen man ohne Mega- oder Mikrofon sein eigenes Wort kaum versteht, verdankt sich vor allem ausgesprochen jungen Leuten. Schülern, die sich, oft in Klassenstärke, an den Verlagsständen unter den gigantischen Glaskuppeln an allem bereichern, was nicht eigens zuvor festgenagelt oder festgetackert worden ist.

Jugendliche an Literatur interessiert

Mutmaßlich ist dies die bedeutendste Frohbotschaft, die von dieser sympathisch kundennahen und intimen Verbrauchermesse ausgeht: Wer an den Messeverschlägen massenweise Kugelschreiber und Literaturbeilagen, Lesezeichen und Verlagsvorschauen, Book-on-Demand-Prospekte und Lektüreproben mitgehen lässt, interessiert sich offenbar nachhaltig für die guten alten Kulturtechniken Lesen und Schreiben. Soll heißen: Die Jugend ist besser als ihr Medienkonsum-Ruf.

Denn trotz aller Apps und Smartphones bleiben Bücher auch für Heranwachsende wichtig. Diese schöne Nachricht platzte am Freitag in das Messegewusel. So stieg der Umsatz mit Kinder- und Jugendbüchern in den vergangenen fünf Jahren um immerhin 10,6 Prozent gegenüber der Zeit von 2005 bis 2009. Den größten Zuwachs – 33 Prozent – verbuchten Titel aus dem Bereich Lernen.

Heinos Weg

Bei Titeln für Erwachsene sorgt sich ohnehin kaum jemand aus der Buchbranche. Die mageren Jahre seien – zumindest vorerst – vorbei, sagt Barbara Fischer vom Lübbe-Verlag (Köln), dessen Stand schon am Vormittag des ersten Buchmessetages sehr stark von Schaulustigen umlagert ist. Der massive Menschenauflauf hat einen Anlass, der ein blondes Toupet, eine prägnante Sonnenbrille sowie eine sonore Stimme auf sich vereint: Sänger Heino besucht am Erstverkaufstag seiner Autobiografie „Mein Weg“ den Lübbe-Stand, um Autogramme zu geben – und dem Besucher aus Bremen ein kurzfristig anberaumtes Interview. Wie es dem über Jahrzehnte von der Kritik und Freunden anderer Musikrichtungen geschmähten Sänger gefalle, dass er nun von Rockgrößen hofiert werde und in eine Casting-Jury berufen worden sei, will der Journalist wissen. Es sei eine Genugtuung für ihn, entgegnet der 76-Jährige.

Satisfaktion habe er auch aus dem Umstand bezogen, dass sich sein Publikum durch den Stilwechsel und einen gemeinsamen Auftritt mit der Krawallcombo Rammstein um 40 Jahre verjüngt habe, sagt Heino. Dass er erst so spät auf seinem Lebensweg kraftvollere Töne anstimme, liege aber auch daran, dass er in den 1960er-Jahren erst das deutsche Volkslied habe retten müssen, sagt der Bariton bescheiden. Und knufft den Journalisten, nachdem er ihm sein Buch signiert hat. Wohlgemerkt mit der Hand, die seit seinem Paradigmenwechsel ein Totenkopfring ziert.

Bremen ist vertreten

Mit solch einem Spektakel können die kleineren Editionshäuser auf der Buchmesse naturgemäß nicht aufwarten; dafür spielt die schöne, gute und wahre Literatur bei ihnen in der Regel eine größere Rolle. Das gilt auch für jene Stände, die Verleger aus Bremen und Niedersachsen betreiben. Etwa Madjid Mohit, Leiter des von ihm im Jahr 1996 begründeten Sujet-Verlages, der gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen sozusagen die Speckflagge hochhält.

Mit dem Achtungserfolg, dass es neben Fachbesuchern auch den einen oder anderen Bremer an Stand 225 in Halle 5 zieht oder aber verschlägt. An der Präsenz bei den Buchmessen sei ihm ungeachtet des Kostenfaktors gelegen, sagt Mohit, der unter anderem mit einem Titel der jungen indonesischen Autorin Okky Madasari in den literarischen Herbst gehen wird – dann ist in Frankfurt/Main Indonesien das Gastland der Buchmesse.

Etwas für Liebhaber

Immerhin vier Lesungen, bestritten von drei Autoren aus dem aktuellen Programm, hat der „Verlag für ausgefallene Literatur“ (Eigenwerbung) für die Leipziger Messe auf die Beine gestellt. Für Kurzentschlossene: Am Sonnabend liest etwa Sükran Yigit um 19 Uhr im Leipziger Off-Theater Fact (Hainstraße 1) aus „Ankara mon Amour“, der Geschichte einer verbotenen Liebe.

Nur für Liebhaber ist auch die Lektüre der sperrigen Werke des Erzählers Arno Schmidt, der bis zu seinem Tod anno 1979 im niedersächsischen Bargfeld seinen Ruf festigte, der deutsche James Joyce zu sein. Auch die Stiftung, die sich um seinen Nachruhm und Nachlass kümmert, ist in Leipzig vertreten. Friedrich Forssman, der etliche Werke Schmidts hinreißend gestaltet hat, verbucht auch im Gefolge des 100. Geburtstags (18. Januar 2014) dieses wunderbaren wie wunderlichen Dichters ein großes Interesse an dessen Texten – „so kryptisch sie ungeübten Lesern auch vorkommen mögen“. Wenn das kein Grund ist, angstfrei in die Zukunft der Literatur zu blicken!

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