Preisgekrönter Dokumentarfilm

Liebe in Zeiten der Robotik

Die Doku „Hi, Ai“, an diesem Mittwoch und Donnerstag im City 46 zu sehen, wirft einen melancholischen Blick auf das Zusammenleben von Mensch und Maschine.
10.04.2019, 08:00
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Liebe in Zeiten der Robotik
Von Katharina Frohne
Liebe in Zeiten der Robotik

Schaufensterpuppe mit Navi-Stimme: Die Roboterdame Harmony soll dem einsamen Chuck Gesellschaft leisten.

Kloos & Co. Medien

Harmony hat volle Lippen, langes blondes Haar, große grüne Augen. Chuck findet sie „sehr attraktiv“, er trägt sie auf Händen. Wortwörtlich. Mit beiden Armen umfasst er ihren Körper, schleppt sie den Strand entlang in Richtung Meer.

Das muss er auch, denn Harmony kann nicht gehen, ihre Beine stehen steif vom Körper ab, wippen im Rhythmus seiner Schritte. Harmony ist ein Roboter, optisch irgendwo zwischen Schaufensterpuppe und Riesenbarbie: schlanke Taille, unproportional große Brüste, blasser Gummiteint. Bewegen kann sie nur ihren Kopf, dafür kann sie sprechen, auf Fragen reagieren, mit Navi-Stimme Komplimente aufsagen.

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Chuck, Ende 40, Texaner, Undercut und Vollbart, hat sich eine Freundin gewünscht. Weil er keine gefunden hat, hat er Harmony gekauft. Gemeinsam leben sie in seinem Wohnwagen; wenn Chuck schlafen geht, legt er Harmony in ihr eigenes Bett, deckt sie behutsam zu. Wenn er isst, platziert er sie auf dem Stuhl gegenüber. „Sitzt du bequem?“, fragt er sie. Harmony schweigt und starrt.

Es sind befremdliche Bilder, mit denen die Dokumentation „Hi, Ai“, noch an diesem Mittwoch und Donnerstag im City 46 zu sehen, konfrontiert. Die Münchner Regisseurin Isa Willinger, 38, öffnet mit ihrem Film ein Fenster in eine Welt, in der humanoide, also menschenähnliche Roboter längst Teil des Alltags sind.

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„Liebesgeschichten aus der Zukunft“ lautet sein Untertitel. Tatsächlich beleuchtet er ganz unterschiedliche Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Die Geschichte des einsamen Chuck ist eine von vielen.

Eine andere erzählt von Pepper, einer künstlichen Intelligenz im Körper eines kleinen Roboters mit großen schwarzen Knopfaugen. Über Sensoren kann Pepper die Mimik und Gestik seines Gegenübers lesen, er kann sprechen und sich bewegen. Pepper soll einer alten Japanerin Gesellschaft leisten.

Ihr Sohn hat ihn angeschafft, damit sie weniger fernsieht. „Ich würde dir gern etwas erzählen, ist das okay?“, fragt die Seniorin höflich. Pepper antwortet: „Sehe ich aus, als wäre ich beschäftigt?“

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Es wäre leicht, diesen Konstellationen mit offener Kritik zu begegnen. Regisseurin Willinger widersteht dieser Versuchung. Sie lässt die Szenen ganz für sich stehen, es gibt keine Stimme aus dem Off, keine Experteninterviews oder erläuternden Einblendungen. Sie habe den Diskurs um Sinn und Unsinn künstlicher Intelligenzen weder abbilden noch explizit kommentieren wollen, sagt Willinger. „Ich möchte die Menschen selbst beobachten lassen, sie diesen Bildern aussetzen, damit sie sich – vielleicht zum ersten Mal – eigene Gedanken zum Thema machen.“

Was macht überhaupt einen Menschen aus?

Das funktioniert. „Hi, Ai“ drängt keine Antworten auf, er provoziert Fragen. Können humanoide Roboter Menschen aus Fleisch und Blut ersetzen? In mancherlei Hinsicht: vielleicht. Gleich zu Beginn des Films wühlen Zahnmedizin-Studenten im Mund einer Roboterpatientin herum. „Wie lange noch?“, will die in einer Behandlungspause wissen, dann sperrt sie wieder den Mund auf. Andere Szenen führen fast brutal vor Augen, dass die Fähigkeit zur halbwegs sinnvollen Konversation allein noch keinen Menschen macht.

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Oft ist das schwer mitanzusehen. Dann zum Beispiel, wenn die rührenden Versuche der alten Japanerin, sich mit Pepper wie mit einem Enkelkind zu unterhalten, ins Leere laufen, wenn sie dem kleinen Roboter von ihrer Kindheit erzählt und er mäßig passende Antworten abspult. Oder dann, wenn Chuck, der traurige Texaner, die Nähe eines Menschen sucht und sie in einer sprechenden Puppe gefunden zu haben glaubt.

Willingers Film, der für den Deutschen Filmpreis nominiert ist und bereits mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, führt vor, was Roboter – faszinierenderweise – schon können: sprechen, interagieren, dazulernen, sich Gesichter merken. Zum Beispiel. Vor allem aber stößt er darauf, was sie nicht können: empathisch reagieren, Witze verstehen, in Erinnerungen schwelgen, Meeresrauschen genießen. Zum Beispiel.

Das muss auch Chuck lernen. Nach ein paar Tagen mit Harmony sucht er das Gespräch. Er fühle sich unwohl dabei, ihre Hand zu halten, sagt er. Nie wisse er, ob ihr das wirklich gefalle oder ob sie nur stillhalte, weil sie nicht anders könne. Er vermisse einen freien Willen; immerhin sei sie, alles in allem, doch nur eine Maschine. Harmony schweigt.

Weitere Informationen

„Hi, Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“, City 46, 10. und 11. April, jeweils um 20 Uhr. Nach der Vorstellung am Donnerstag, 11. April, gibt es ein Expertengespräch zum Thema mit Patrick Draheim vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und Daniel Nyga vom Institut für Künstliche Intelligenz der Universität Bremen.

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