Performance nach William Shakespeare

Liebe ist...

Leonie Böhm zeigt am Kleinen Haus des Theaters Bremen „Fuck Identity – Love Romeo“, ein Stegreif-Spiel um Paarungen mit vier Akteuren.
04.05.2019, 15:17
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Liebe ist...
Von Hendrik Werner

Freie Platzwahl. Offenbar beginnt das Spiel um Selbstverortung nach William Shakespeare schon mit dem Einlass. Das bürgt für ersten Schauwert: Während den Zuschauern – darunter auffällig viele im Oberstufen-Alter – als Präludium im Kleinen Haus eine kleine Reise nach Jerusalem aufgegeben ist, intonieren die vier Akteure am rechten Bühnenrand William Shakespeares Sonett Nr. XVIII – in der Übertragung von Christa Schuenke –, das um die Macht der Vergänglichkeit („Und alles Schöne gibt die Schönheit preis“) und um die Kraft der Poesie („Im Vers zwingst du die Sterblichkeit“) kreist.

Apropos: Kreisrund ist die Attraktion der Bühne, die Zahava Rodrigo den Spielern (Annemaaike Bakker, Sophie Krauss, Justus Ritter, Vincent Basse) in Gestalt einer anheimelnden Wellness-Erlebnislandschaft bereitet hat: ein Pool, der zwar nicht wirklich wirbelt, wohl aber schäumt. Das führt dazu, dass die Betriebstemperatur an diesem Premierenabend durchgängig warm bis schwül zu sein hat, auf dass niemand sich verkühlen möge. Zudem gilt im späteren Verlauf dieses Theaters der Blicke (mit zwei Zuschauertribünen vis-à-vis und vereinzelten Plätzen an den Bühnenrändern) dieser unausgesprochene Warnhinweis: Slippery when wet. So schlittert Justus Ritter, der die Produktion ohnedies durch artistische Einlagen bereichert – robbend, klimmend, tauchend, taumelnd – einmal nachgerade halsbrecherisch gen Wasserloch.

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Schlüpfrig geht es auch und gerade sprachlich zu in „Fuck Identity – Love Romeo. Ein Spiel nach Shakespeares 'Romeo und Julia'“, Leonie Böhms dritter Arbeit am Theater Bremen (nach „Unterwerfung“ nach Michel Houellebecq [2016]; nach „Effi Briest 27“ nach Theodor Fontane [2018]). Annemaaike Bakker und Sophie Krauss, ausgezogen bis auf die Badeanzüge, zelebrieren anzügliche Späßchen und burschikose Spielchen in einem unversehens sündigen Schwimmpfuhl.

Züngelnde Szenen

Das pornografisch unterfütterte Herzeigen ihrer Leiber und die drastische Formulierung ihres vorgeblichen Begehrens geht so weit, dass ein junger Mann, der nahe am sporadisch züngelnden Geschehen sitzt, verlegen den Blick abwendet, anderen immerhin das (post)pubertäre Feixen vergeht. Zuschauerinnen und Zuschauer werden wird – sei es nolens, sei es volens – zu Voyeuren in dieser durchaus radikalen Versuchsanordnung, die die durchschimmernde Vorlage gründlich von soziohistorischen Distinktionscodes beziehungsweise, wie Leonie Böhm es nennt, Identitätskonzepten reinigt. Lautere Liebe treibt das zwar noch nicht hervor, immerhin aber einen – trotz des anfangs dominierenden derben Gegenwartsjargons – zeitlosen Blick auf Paarungsphänomene, der von Etikette, Eigennamen und anderen Besitzständen in der Welt der Montagues und Capulets unverstellt ist.

Daher könnten durchaus Funny van Dannens egalitär gestimmte Verse „Freundinnen müsste man sein / Dann könnte man über alles reden / Über jeden geheimen Traum“ über dieser spannungsvollen Szene prangen, die das vorwiegend smarte Spiel um Körperausstellung, flirrenden Flirt und peinigende Fremdscham planvoll überreizt, ja passagenweise in den Exzess treibt. Tatsächlich entringt sich den beiden Frauen, auf deren Parts die Regisseurin offenkundig mehr Liebe verwendet hat als auf jene der beiden Männer, in dieser erogenen Sprachzone sogar hier und da ein Fetzen Shakespeare (in der Übersetzung August Wilhelm Schlegels). Etwa dieser: „Entweihet meine Hand verwegen dich, / O, Heil'genbild, so will ich's lieblich büßen.“

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Der Unterhaltungswert des mit zwei Stunden etwas zu lang veranschlagten Experiments, das kaum merklich zwischen Probenerträgen (Stückentwicklung), Stegreif und der inszenierten Spontaneität gedungener Komparsen wechselt, ist beträchtlich, sofern die Aufmerksamkeit nicht vor der Zeit abreißt. Die Akteure tragen feine Frisuren und klasse Klamotten (Magdalena Schön, Helen Stein). Für überdrehte Spektakel ist bestens gesorgt: Vincent Basse kann Macho, Knallcharge und Eros Ramazzotti, Justus Ritter kann Fistelstimme, Kaulquappe und Akrobat schö-ö-ö-n.

Und doch: Es sind die leisen Momente, die der aus Improvisation, Musik und Zufall gewobenen Produktion im letzten Drittel einen Zauber geben, der bewegt statt bloß brüsk zu tönen. Das ist das Verdienst von Sophie Krauss und Annemaaike Bakker, die ihre Chance nutzen, dem Probenprozess bei der Premiere ein berührendes Theater der Erfahrungen abzugewinnen (Tränen inbegriffen). Der Applaus plätschert poolwarm und andauernd. Mal sehen, wie das ist, wenn Best Ager die Zuschauermehrheit im Kleinen Haus stellen.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

8. und 16. Mai, 15. Juni sowie 2. und 4. Juli,

jeweils um 20 Uhr.

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