Aufräumen mit Tabus Einnehmende Ehrlichkeit

Das Stück „Like a Virgin“ handelt von den Problemen Heranwachsender in der Pubertät. Während die Zuschauer manchmal vor Scham erröten, bieten die jungen Darstellerinnen eine unaufgeregte Performance.
27.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Einnehmende Ehrlichkeit
Von Simon Wilke

Wer beim Titel des Stücks „Like a Virgin“ eine große Portion Madonna erwartet, wird im Laufe des Abends womöglich enttäuscht. Ein kurz angesungenes „Time goes by, so slowly“ bleibt die einzige direkte Referenz auf die amerikanische Sängerin. Ansonsten erinnert die Darbietung der Jungen Akteure des Theater Bremen zum Thema Pubertät eher an eine Mischung aus Deichkind-Konzert, Dr. Sommer-Fragestunde und 80er-Jahre-Game-Show: schillernd und bunt, manchmal leise, oft ausgelassen, immer ehrlich und niemals ohne den gehörigen Respekt vor den jugendlichen Protagonisten und Protagonistinnen.

Dabei verzichten die Macherinnen auf eine traditionelle Konzeption. Sie arbeiten stattdessen eine Art Let‘s-talk-about-Liste der Dinge ab, die pubertierende Teenager beschäftigen und mit denen deren Eltern zu kämpfen haben. Letzteres entpuppt sich vor allem als das, was man im Laufe des Abends unbedingt ablegen sollte: Scham. Nach einem Eröffnungsmonolog und dem Song „Du verstehst mich (nicht)“, nehmen die Jugendlichen nämlich die Rolle von Eltern ein, die das Gefühl haben, um ein aufklärendes Gespräch mit ihren Kindern nicht mehr drumherum zu kommen. „Ich glaube, es ist Zeit, dass wir mal reden. Also, nur, wenn du es auch willst, natürlich“ – es ist der erste Moment, aber sicher nicht der letzte, in dem sich wohl so mancher Besucher selbst wiedererkennt.

Das Publikum muss mitspielen

Doch wer denkt, dass an diesem Abend nur die Jugendlichen zu Wort kommen, liegt falsch. In einer Runde „Tabu“ müssen die Besucher – zumindest an diesem Premierenabend vor allem Erwachsene – Begriffe erraten, die die Protagonistinnen umschreiben. „Sie zu zeigen ist nur bei der Hälfte der Menschheit gesellschaftlich akzeptiert“ oder „Man macht es mit sich alleine, und es kann dabei helfen, herauszufinden, was man mag“. Die Lösung soll laut gerufen werden. Es ist ein simpler, aber wirkungsvoller Kniff der Regisseurinnen (Nathalie Forstmann und Christiane Renziehausen), der allen Anwesenden klar macht, wie wenig das Thema Sexualität auch heutzutage offen besprochen wird.

Doch während die Zurückhaltung im Publikum nur langsam weicht, ist es auf der Bühne auch optisch längst explizit geworden. Eine dozierende Vulva, ein knallroter Kussmund, mit Kondomen überzogene Mikrofone, die, ganz coronakonform, nach jedem Einsatz desinfiziert werden – ein Blick reicht, um zu wissen, worum es hier geht. Doch bei aller Direktheit: Übertrieben wird fast nie, außer da, wo Text und Inszenierung es erfordern. Dass stattdessen auch in den komischsten Situationen ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit erhalten bleibt, liegt vor allem an den jungen Schauspielerinnen. Sie sprechen unaufgeregt über die Tampon-Industrie, die sie dafür kritisieren, jungen Frauen einzureden, sich für ihre Periode schämen zu müssen („In Binden- und Tamponreklame sind drei Wörter stark überrepräsentiert: frisch, sicher und geschützt.“) oder über erste Menstruationserfahrungen („Den ganzen Tag ist mein Hund hinter mir hergelaufen und wollte an meinem Schritt schnüffeln.“).

Überhaupt: Dass das Stück bei den Zuschauern nicht nur Problembewusstsein schafft, sondern auch berührt, liegt daran, dass es so persönlich ist. Die Erfahrungsberichte sind nicht fiktiv, sie kommen von den jungen Darstellerinnen und Darstellern selbst, und sie werden mitunter sehr gelungen durch Gesangseinlagen unterstützt. Besonders eindrücklich ist dieses Zusammenspiel in einer Episode, in der es um Rollenbilder und Selbstzweifel geht. Hier berichtet ein Mädchen, dass es in der Pubertät zunahm und sich so sehr dafür schämte, dass sie fortan nur noch 500 Kalorien am Tag aß. Noch heute werde sie bei jedem Kilo mehr traurig, erzählt eine der Darstellerinnen. Sie stehe vor dem Spiegel und sehe darin „das dicke Mädchen“. Auf diesen Schockmoment folgt sogleich jenes Lied, dass dem Stück seinen Titel verlieh: „Like a Virgin“. Nicht aber in der bekannten Version, sondern mit neuer Melodie und den Zeilen „Schmalere Taille, größerer Busen, zu kleiner Penis, Pickel, Pickel. Kannst du mich sehen? Das bin ich.“

Von wegen „Time goes by, so slowly“. Hier werden Erfahrungen, für die es eigentlich Jahre braucht, in 75 Minuten gesammelt. Unterhaltend, berührend und ermutigend. Den Regisseurinnen ist es offenbar gelungen, einen Raum zu schaffen, in dem die Jugendlichen frei über ihre Ängste, Probleme und die großen Fragen der Pubertät sprechen konnten. Das merkt man auf der Bühne. Es ist diese Ehrlichkeit, die Einigen im Publikum die Tränen in die Augen treibt und die einen Anteil am Auf und Ab der jugendlichen Empfindungen nehmen lässt, und an der verkrampften Ratlosigkeit der Eltern auch. Man verlässt den Saal in dem Wissen, dass in der Pubertät vieles schwer, aber eigentlich alles normal ist. Und dass man darüber öfter reden sollte.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 27./28. Oktober (ausverkauft, eventuell Restkarten) und 3./4./6./7./8. November, jeweils um 19 Uhr im Brauhaus.

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