Lisa Eckharts Debütroman „Omama“

Manchmal scharfsinnig, immer laut

Um die Kabarettistin Lisa Eckhart gab es in den vergangenen Wochen viel Aufregung wegen ihres geplatzten Auftritts beim Harbour Front-Festival. Nun ist ihr erster Roman erschienen, der nicht komplett überzeugt.
19.08.2020, 07:55
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Manchmal scharfsinnig, immer laut
Von Iris Hetscher
Manchmal scharfsinnig, immer laut

Die kühle Blonde aus dem Süden: Lisa Eckhart. Ihr Roman "Omama" ist nach wie vor im Rennen um den Klaus-Michael-Kühne-Preis.

Hans Punz

Bremen. Lange ist über ihn geredet worden, jetzt ist er da. In den vergangenen zwei Wochen tauchte „Omama“, der Debütroman der Kabarettistin Lisa Eckhart, zwar ständig in den Medien auf, aber da ging es vor allem um die Eckhart selbst. Beim Hamburger Harbour-
Front-Festival sollte sie beim „Debütantensalon“ aus ihrem Buch lesen und ins Rennen um den Klaus-Michael-Kühne-Preis gehen.

Daraus wurde nichts, die Veranstalter manövrierten sich mit maximaler Ungeschicklichkeit in eine Situation, die dem Festival nachhängen wird: Angeblich habe es Gewaltandrohungen aus der autonomen Szene gegeben gegen die Kabarettistin oder vielmehr gegen die von ihr kreierte umstrittene Figur. Doch so genau nimmt man den Unterschied zwischen Kunst und Leben in den stets auf Hyperventilation geschalteten Aktivisten-Kreisen ja nicht.

Die Drohungen entpuppten sich als Warnungen. Oder doch nicht. Und was denn nun? Lisa Eckhart, die eigentlich Lisa Lasselsberger heißt, wurde aus- und wieder eingeladen. Dann wollte sie nicht mehr. Der Autor Sascha Reh solidarisierte sich und sagte ebenfalls ab. Und Lisa Eckhart wurde zur heiligen Johanna der Kunstfreiheit stilisiert. Dabei wär die Johanna der Frau Eckhart gar nicht fesch genug angezogen gewesen. Mittlerweile hat die Jury bekannt gegeben: Für den Preis ist „Omama“ trotz allem noch nominiert.

Blutverdünner aus Ungarn

Dem Buch hat das mehr Aufmerksamkeit beschert als jede gut besuchte Lesung. Dabei ist es schade, dass Eckhart mit „Omama“ nicht auftreten durfte – denn für eine regelrechte Inszenierung eignet sich das Werk am besten. Auch als Hörbuch kann man sich das 384-Seiten-Werk vorstellen, weil es so derart viel Eckhart-Live-Atmosphäre atmet. Es dagegen selbst zu lesen, kann zu einer mitunter mühsamen Angelegenheit werden. Denn Lisa Eckhart hat keinen klassischen Roman geschrieben. „Omama“ ist ein wildes Gemisch aus erzählerischen Stücken, sehr viel kabarettistisch grundiertem Herumgespiele mit Sprache und mitunter so boshaften wie scharfsinnigen Auslassungen der Autorin zu gesellschaftlichen Stichworten.

Eine Russlandreise mit der Oma sei der Ausgangspunkt für das Projekt gewesen, erzählt Eckhart. Im Prolog schreibt sie, es handele sich nicht um eine Biografie, sondern darum, die Welt anhand des Lebens der Großmutter zu erklären. Der erste Teil spielt 1945, in das österreichische Dorf Mautern marschieren die Russen ein. Lisa Eckhart erzählt von Großmutter Helga, die eher unansehnlich ist, aber clever, von ihrer hübschen, aber doofen Schwester Inge, den unappetitlich gezeichneten Eltern und dem Neid bei den noch unappetitlicher beschriebenen Dörflern. Weil: Die Russen (oder vielleicht auch die Briten) quartieren sich bei Helgas Familie ein, wovon diese massiv profitiert.

Der zweite Teil spielt zehn Jahre später, als Helga als billige Arbeitskraft an einen Wirt im Nachbardorf verschachert wird. Dann springt Eckhart ins Jahr 1989. Großmutter Helga hat einen Handel mit „Blutverdünnern, Büstenhaltern und Wildbret“ aufgezogen, die sie von Busreisen aus Ungarn mitbringt.

Verbale Knallbonbons

Das stringent Erzählerische ist nicht Eckharts Stärke. Besonders die Szenen im zweiten Teil ziehen sich wie Kaugummi, eine Handlung ist nur in Spurenelementen vorhanden. Doch das Dazwischen, der Schwall an Worten, ist durchaus amüsant. Die Autorin versteht sich aufs Zuspitzen, aufs Absurde, auf verbale Knallbonbons. Von daher ist es immer laut in diesem Buch und österreichisch-derb sowieso. Sei es, die Autorin macht sich Gedanken über den Selbsthass der Deutschen oder sie entwickelt eine Typologie der Provinz, die in ihrer Allgemeingültigkeit auch zum Prenzlauer Berg passt: Dorfmatratze, Dorfdepp, Schönling, Trinker. Ein Kind sei lebenslang die „Franchise-Filiale“ der Mutter heißt es an einer Stelle, an einer anderen: „Jede Mutter ist allein erziehend. Insbesondre die mit Mann“. Über das Verhältnis der Wirtsleute: „Er hat hier die Hosen an. Sofern sie ihn beim Anziehen hilft“. Über das Inventar der Kneipe: „Hier liegen auch keine Zeitungen aus, weil eh jeder weiß, dass der Ausländer schuld ist“.

Zum Schluss gibt‘s noch Omamas Rezept für „Das Kitz Gottes“, damit niemand hungrig ins Bett muss. Lisa Eckhart, die ihre Masterarbeit über die Figur des Teufels in der deutschen Literatur verfasst hat, weiß natürlich sehr genau, was ein klassischer Roman sein könnte: „Himmelsfarben, Teppichfransen, Hunderte Zitronenspalten zu einem geschmacklich unrettbaren Schnitzel, und zack, hat man die ,Buddenbrooks‘. Es ist mir sehr hoch anzurechnen, dass ich Ihnen das erspare.“ So sieht’s aus.

Weitere Informationen

Lisa Eckhart: Omama. Zsolnay, Wien. 384 Seiten, 24 €.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+