Literatur-Nobelpreis für US-Lyrikerin

Louise Glück: Eine Zweiflerin – auch an sich selbst

Die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück bekommt den Literatur-Nobelpreis. In ihren Texten geht es fast immer um Emotionen und Gedanken. Wichtig ist der 1943 geborenen Glück die stetige Veränderung.
08.10.2020, 18:18
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Von Christina Horsten
Louise Glück: Eine Zweiflerin – auch an sich selbst

Vielfach geehrt: 2015 verlieh der damalige US-Präsident Barack Obama Louise Glück die "National Humanities Medal".

Carolyn Kaster/dpa

Schon als Mädchen hat sich die frisch gekürte Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt. „Ich war ein einsames Kind“, sagte die 1943 geborene Lyrikerin in einem ihrer seltenen Interviews. „Meine Interaktionen mit der Welt als soziales Geschöpf waren unnatürlich, gezwungen, und ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe.“ Besonders bei Gedichten habe es sich angefühlt, als ob die Autoren direkt zur ihr sprächen. „Mein frühes Schreiben war dann ein Versuch, mit diesen Autoren zu kommunizieren, ihnen zu antworten.“

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Auch als erwachsene Autorin zieht Glück Bücher Menschen vor. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Art von Person bin, nach der sie jemals suchen würden“, sagte sie, nachdem sie Anfang der 2000er-Jahre zur offiziellen Dichterin der Kongressbibliothek in Washington gekürt wurde. „Denn ich habe sehr geringes Interesse an öffentlichem Leben auf die Art, wie sie es verstehen.“ Die öffentlichen Auszeichnungen häuften sich für die Lyrikerin trotz ihrer Ablehnung des Scheinwerferlichts: Sie bekam unter anderem Guggenheim-Stipendien, den Pulitzer-Preis, den National Book Award, nun den Literaturnobelpreis. Glücks Spezialität sei „genau die Sache, die nur lyrische Dichtung schaffen kann, und die zu den intimsten, nicht-öffentlichsten Dingen gehört, die Wörter schaffen können: Die ganz spezielle Musik der Gedanken zu imitieren“, schrieb die „New York Times“.

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In Glücks Texten geht es fast immer um Emotionen und Gedanken, um Einsamkeit, Familienbeziehungen, Liebe, Verzweiflung, Scheidung, Tod, oft durchwirkt von antiken Mythen und Sagen. „Das ist die normale menschliche Erfahrung“, sagt Glück. „Man benutzt sich als Labor, um darin die für einen selbst zentralen menschlichen Dilemmata zu meistern.“

Die Lyrikerin wuchs als Tochter eines Unternehmers und einer Hausfrau in New York auf, ihre Großeltern väterlicherseits waren aus Ungarn eingewanderte Juden. Als Kind litt Glück unter Essstörungen; bis heute ist sie in psychotherapeutischer Behandlung. Nach der Schule besuchte sie das Sarah Lawrence College und die Columbia University. Später lehrte Glück, die zweimal verheiratet war und einen Sohn hat, an verschiedenen Universitäten, heute an der Elite-Universität Yale.

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Ihr erster 1968 erschienener Gedichtband „Firstborn“ (Erstgeborener) sei ihr heute eher peinlich, sagt Louise Glück. „Er scheint mir dünn und uninformiert und gefüllt von dem Wunsch zu schreiben.“ Rund ein Dutzend Gedichtsammlungen folgen, von denen „Wilde Iris“, das 1992 auf Englisch und 2008 auf Deutsch erschien und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, von Kritikern als ihre beste angesehen wird. Sie schreibe auf zwei unterschiedliche Arten, sagt Glück, ganz langsam oder ganz schnell. „Es gibt die Gedichte, die immer und immer wieder neu bearbeitet, auseinandergenommen werden, in sehr komprimierter Zeit. Und dann gibt es Gedichte mit widerspenstigen Wörtern, Phrasen; Dinge, von denen ich denke, dass sie besser sein könnten.“ Wichtig ist ihr vor allem die stetige Veränderung.

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