Literaturübersetzerin Barbara Mesquita

„Das macht man nur aus Liebe zur Sache“

Wer steckt eigentlich hinter den Übersetzungen preisgekrönter Romane? Literaturübersetzerinnen wie Barbara Mesquita sind die deutsche Stimme der Autoren. Eine Arbeit, die wenig einbringt, aber viel erfordert.
17.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Das macht man nur aus Liebe zur Sache“
Von Simon Wilke
„Das macht man nur aus Liebe zur Sache“
Jochen Grote
Frau Mesquita, bitte vervollständigen Sie: Literatur zu übersetzen ist...

Hart aber schön.

Hart? Warum das?

Es ist zeitintensiv und dabei schlecht bezahlt. Das Seitenhonorar liegt seit Jahren bei maximal 23 Euro, die Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Ich kenne Kollegen, die leben ein wenig wie der arme Poet von Spitzweg.

Wie viele Seiten übersetzen Sie denn pro Tag?

Im Schnitt vielleicht fünf. Aber es ist ja nicht nur das. Das Manuskript geht zum Verlag, wird lektoriert, dann muss man die Korrekturen besprechen und einbinden, und zuletzt muss man die Endfassung auch noch einmal lesen. So sitzt man an einer Seite zusammengenommen etwa drei Stunden und bekommt dafür im besten Fall 23 Euro, den Stundensatz kann man sich ausrechnen. Das macht man nur aus Liebe zur Sache.

Das heißt aber: Wer diese Liebe mitbringt, findet einen Platz in der Welt der Literaturübersetzungen?

Nein, es ist widersinnig, aber das ist unheimlich schwierig. Das Gewerbe ist zwar schlecht bezahlt, aber sehr begehrt. Ich bin nur durch Glück hinein gekommen.

Inwiefern?

Ich hatte mich an eine Agentur gewandt, die Autoren aus der portugiesischsprachigen Welt vertritt. Da wurde mir jedoch gesagt, der Markt sei so klein, ich solle lieber etwas anders machen. Aber dann hatte eine Kollegin die Anfrage, ein brasilianisches Buch zu begutachten...

Das heißt, Sie sollte schauen, ob das Buch inhaltlich und stilistisch zum interessierten Verlag passt.

Genau. Sie selbst hatte aber keine Zeit und daher mich empfohlen. Ich habe sie vertreten, das Buch war toll, der Verlag hat es gekauft.

Aber ein Gutachten ist ja noch keine Übersetzung.

Nein, aber ich konnte dann eine Probeübersetzung dazu einreichen. Dabei legen verschiedene Übersetzer dem Verlag jeweils fünf Seiten vor. Sie entschieden sich für meine Version, und ich durfte weiter machen. Das war mein Glück, denn dieses Buch (Patrícia Melo - O Matador, Anm. d. Red) hat dann den Deutschen Krimipreis gewonnen. Mittlerweile habe ich das neunte Buch der Autorin übersetzt und bin sozusagen ihre deutsche Stimme.

Man könnte denken, bei einer Übersetzung kommt es darauf an, möglichst nah am Original zu bleiben. Wie können sich da Probeübersetzungen überhaupt signifikant unterscheiden?

Beim Übersetzen sagt immer: so getreu wie möglich und so frei wie nötig. Wie man das Original umsetzt, ist also eine sehr subjektive Entscheidung. Portugiesisch ist sprachlich beispielsweise sehr weit vom Deutschen entfernt. Da muss ich sowohl grammatikalisch als auch vom Vokabular her eher frei sein, denn am Ende soll sich das Buch ja nicht wie eine Übersetzung lesen, sondern wie ein Original. Und natürlich pflegen die Autoren unterschiedliche Stile, da gilt es, den Ton zu treffen. Zusammengenommen gibt das schon ein bisschen Spielraum.

Was macht denn eine gute Übersetzung aus?

Darüber kann man sicher trefflich streiten. Wenn in einer Literaturkritik steht, die Übersetzung sei sehr gelungen, muss ich immer etwas schmunzeln, denn das kann nur jemand beurteilen, der beide Sprachen fließend beherrscht. Eigentlich kann man nur bewerten, ob das Werk schlüssig ist oder ob man beim Lesen stolpert. Ich persönlich finde wichtig, dass sich meine Übersetzungen von verschiedenen Autoren nicht gleich anhören.

Also, dass man nicht Ihren Stil herausliest. Wie gelingt Ihnen das?

Während der Übersetzung hinterfrage immer wieder, was eigentlich gemeint ist, was für Bilder der Autor nutzt. Ich bin da unheimlich misstrauisch mir selbst gegenüber. Gerade in guten Texten gibt es wiederkehrende Motive und stilistische Elemente, bei denen man genau aufpassen muss, dass man sie im Blick behält. Das geht natürlich am besten, wenn ich persönlichen einen Zugang zu dem Buch finde.

Und wenn dieser Zugang fehlt?

Dann verzichte ich auch mal auf einen Auftrag. Ich habe schon Bücher hoch gehandelter Autoren abgelehnt, weil ich mit dem Stil überhaupt nichts anfangen konnte. Das sage ich dem Verlag dann auch so. Denn wichtig ist, sich vorstellen zu können, was beschrieben wird. Man muss es sehen, fühlen und riechen können und die Umgebung kennen, in der das Buch spielt - ein Haus in Deutschland ist etwas völlig anderes als ein Haus in Portugal oder in Brasilien.

Zum Sehen, Fühlen und Riechen müsste man aber idealerweise vor Ort gewesen sein.

In meiner ersten Übersetzung ging es um die Geschichte eines Mannes, der als Auftragskiller Karriere in der besseren Gesellschaft Brasiliens macht. Da dachte ich als Bremerin, das sei völlig überzogen. Kurz darauf bin ich dann da gewesen und habe gemerkt, es ist nicht überzogen, es ist in der Realität wahrscheinlich sogar extremer. Das zu wissen, ist schon ein großer Vorteil.

Es gibt mittlerweile Handy-Apps, die Buchtexte simultan übersetzen, sobald die Kamera über die Seite fährt. Ist das schon eine Alternative zu Ihrem Gewerbe?

Es wird sicherlich nie so sein, dass Literatur durch Maschinen übersetzt werden kann, aber so schnell, wie diese Programme lernen, ist kaum abzusehen, wie es sich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. Wir befinden uns da sicherlich in einer Zeit des Umbruchs.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

Barbara Mesquita machte ihr Abitur an der Hamburger Straße in Bremen. Nach einem Aufenthalt in Porto, studierte sie Romanische Philologie in Hamburg. Heute arbeitet sie als vereidigte Dolmetscherin und Übersetzerin für portugiesischsprachige Literatur.

Info

Zur Sache

Preis der Leipziger Buchmesse

Seit 2005 wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. Dotiert ist er mit insgesamt 60.000 Euro. Die 15 Nominierten in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Essayistik sowie Übersetzung erhalten je 1.000 Euro, die Gewinner der jeweiligen Kategorie 15.000 Euro. In der Kategorie Übersetzung stehen insgesamt fünf Werke, aus dem Englischen, dem Ungarischen, dem Norwegischen und dem Französischen, zur Auswahl. Eine siebenköpfige Jury aus deutschen Journalisten und Literaturkritikern wählt daraus einen Sieger. Die Preisverleihung findet am 28. Mai um 16 Uhr statt und wird im Internet gestreamt. Vorher stellen die Nominierten der Kategorie Übersetzung, Ann Cotten, Sonja Finck und Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel, Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren sowie Timea Tankó, ihre Werke im Radio vor. Sendetermin ist Sonntag, der 16. Mai, um 22:03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur.

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