Neues Internetportal an der Uni Bremen

Literaturwissenschaft für die Kleinsten

Tobias Kurwinkel hat an der Uni Bremen ein Internetportal für Kinder- und Jugendmedien installiert. Im Interview spricht er über den Zweck und das Herzstück des Portals.
16.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Literaturwissenschaft für die Kleinsten
Von Silke Hellwig

Tobias Kurwinkel hat an der Uni Bremen ein Internetportal für Kinder- und Jugendmedien installiert. Im Interview spricht er über den Zweck und das Herzstück des Portals.

Herr Kurwinkel, Sie leiten das wissenschaftliche Internetportal kinderundjugendmedien.de. Ganz schlicht gefragt: Wozu und wem dient es?

Tobias Kurwinkel: Wir wenden uns mit unserem Portal vorwiegend an Wissenschaftler, die sich wie wir mit Kinder- und Jugendmedien wie Literatur, Bilderbüchern oder Filmen befassen. Natürlich nutzen auch Studierende und Lehrer das Portal sowie interessierte Laien wie beispielsweise Eltern.

Die Herzstücke des Portals sind ein Fachlexikon sowie eine Datenbank mit Rezensionen – das ist etwas für Eltern?

Ja, durchaus, das gilt vor allem für unsere Rezensionen. Wir besprechen die Bücher nicht nur, sondern geben auch Altersempfehlungen ab, die wir begründen. Die Angaben der Verlage sind natürlich nicht so objektiv wie unsere, weil sie auch ökonomische Interessen berücksichtigen müssen.

Welches Kriterium entscheidet über das passende Lesealter – so etwas wie Brutalität? Bei den späteren Harry Potter-Bänden wurde intensiv diskutiert, ob man sie Kindern zumuten kann.

Das auch. Aber wir gucken vor allem auf erzählerische und dramaturgische Strukturen sowie auf die sprachliche Gestaltung: Gibt es beispielsweise viele Zeitsprünge? Wie sind die Sätze gebaut, welche Wörter werden gewählt?

Wer schreibt die Rezensionen?

Unser Redaktionsteam besteht derzeit aus zwölf Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen Raum und aus mehr als 150 Autoren, die uns ehrenamtlich unterstützen. Und wir haben nichts dagegen, wenn es noch mehr werden. Zu den Autoren zählen sowohl Wissenschaftler als auch Lehrer, Studenten und auch Journalisten. Wir haben inzwischen mehrere Hundert Rezensionen veröffentlicht.

Und wie groß ist das hauptamtliche Team in Bremen?

Wir arbeiten derzeit zu dritt. Es besteht aus einem Kollegen, der halbtags arbeitet, einer Doktorandin und mir.

Das klingt so, als ob die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendmedien ein stiefkindliches Dasein fristete.

Lange haben sich vornehmlich Didaktiker mit Kinder- und Jugendliteratur befasst, schließlich fungiert sie in der Schule oft als Unterrichtsgegenstand. Literaturwissenschaftler, die sich mit dieser besonderen Literatur auseinandersetzten, wurden hingegen eher belächelt – das hat sich seit Harry Potter geändert.

Die Uni Bremen widmet sich innerhalb der Germanistik gezielt der Kinder- und Jugendliteratur. Gibt es das oft?

Wir sind bundesweit neben dem an der Uni Frankfurt der einzige Arbeitsbereich, bei dem Kinder- und Jugendliteratur nicht didaktisch ausgerichtet ist.

Was heißt das?

In der Didaktik wird Kinder- und Jugendliteratur im Hinblick auf ihre Eignung für den Unterricht behandelt. Wir dagegen betrachten sie aus einer literaturwissenschaftlichen Sicht. Allgemein steht die wissenschaftliche Würdigung in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Bedeutung von Kinder- und Jugendmedien – man denke allein an die Animations- und Zeichentrickfilmindustrie.

Zum Fachlexikon: Sind nicht alle Fachbegriffe der Literaturwissenschaft schon dutzendfach beschrieben und erklärt?

Grundsätzlich schon, doch gibt es im Bereich der Kinder- und Jugendmedienwissenschaft bestimmte Begriffe, die in diesen Lexika nicht zu finden sind. Zudem legen wir Wert darauf, uns verständlich und anschaulich auszudrücken und Begriffe mit Beispielen aus der Kinder- und Jugendliteratur zu verdeutlichen. Wie zum Beispiel die Alliteration mit „Bertie Botts Bohnen“ oder „Bubbels Bester Blaskaugummi“ aus den Harry-Potter-Romanen.

Ihnen ist es gelungen, Drittmittel für das Onlineportal einzuwerben. Woher kommt das Geld, und was tun Sie damit?

Das Geld kommt vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und gehört zum Projekt ForstA. Das steht für „Forschend studieren von Anfang an“. Damit werden Projekte gefördert, die Lehre und Wissenschaft miteinander verzahnen. Und wir setzen das Portal in allen Lehrveranstaltungen ein. Mit dem Geld finanzieren wir eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die Doktorandin.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Portal?

Sie ist groß, auch aus dem Ausland, und man kann wohl sagen, dass sie immer größer wird.

Das Gespräch führte Silke Hellwig

Weihnachtstipps von Tobias Kurwinkel:

Bilderbuch: "Herr Schnuffels" von David Wiesner.

Als winzige Außerirdische im Revier des Katers Herr Schnuffels landen, erinnert er sich an das, was Katzen gerne machen: jagen. Ein skurriles, in großartigen Bildern erzähltes Buch. Aladin, 16,90.

Kinderbuch: "Der Träumer" von Pam Muñoz Ryan

Mit Illustrationen von Peter Sís. Für Kinder ab zehn Jahre erzählt Ryan aus der Kindheit des großen Journalisten und Nobelpreisträgers Pablo Neruda. Die Geschichte des achtjährigen Neftali handelt vom Finden und Festhalten an dem, was einen ausmacht. Aladin, 16,90.

Jugendbuch: "Der Circle" von Dave Eggers

Eggers zeigt zugespitzt, dramatisch und vielleicht nicht immer gelungen, wie die schöne neue, digitale Welt uns verändert. Dennoch: ein wichtiges Buch. KiWi, 10,99.

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