Mediengeschichte Litfaßsäulen auf dem Rückzug

Ausgeklebt? Der Rückgang der runden Außenwerbeflächen in Berlin alarmiert Kulturnostalgiker bundesweit. Experten hingegen sehen die Litfaßsäulen als durchaus noch zeitgemäß an.
01.04.2019, 16:53
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Litfaßsäulen auf dem Rückzug
Von Hendrik Werner

In Anlehnung an eine populäre Schokoladenreklame könnte man den verdienten Außenwerbeträger als rund, praktisch und gut beschreiben. Daran hat sich seit seiner Etablierung durch den auf Ordnung erpichten Drucker Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816-1874) zwar nichts geändert. Und doch macht sich das Fossil unter den Freiluftmedien zusehends rar im öffentlichen Raum. Augenfällig ist dieser Rückgang vor allem in Berlin, wo die beispiellose Erfolgsgeschichte dieser Bildsäule neuen Typs im Jahr 1854 begann, als Ernst Litfaß, ein bekennender Gegner anarchischen Plakatierens, die Konzession erlangte, „Anschlagsäulen auf fiskalischem Straßenterrain zwecks unentgeltlicher Aufnahme der Plakate öffentlicher Behörden und gewerbsmäßiger Veröffentlichungen von Privatanzeigen“ zu errichten.

Ein Jahr darauf wurden 100 der Annonciersäulen aufgestellt; weitere 50 Reklameträger gingen auf die Umwidmung von Brunnen und Pissoirs zu holzvertäfelten Plakatflächen zurück. Vor allem Werbung für Kulturveranstaltungen – Konzerte, Theaterpremieren, Zirkusvorstellungen – sollte an exponierten Orten gebündelt werden, um tunlichst viel von einem bedeutsamen symbolischen Kapital namens Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber auch politische Informationen, etwa das Avis von Wahlen und Eheschließungen, Steckbriefe, Bescheide über Mobilmachungen und Anzeigen zu Kriegsvermissten wurden zuverlässig plakatiert. Nicht zuletzt waren es Waren des Massenkonsums, darunter Waschmittel und Tabak, die über anderthalb Jahrhunderte auf den Säulen beworben wurden.

Strukturwandel in der Kommunikationstechnologie

Tempi passati. Dieser Tage schlagen Kulturnostalgiker Alarm, weil in der Hauptstadt bis Jahresende 1000 Litfaßsäulen abgebaut werden könnten. Zu unzeitgemäß und zu unflexibel erscheint manchem Marketing-Manager in der Ära bewegter digitaler Bilder die Errungenschaft des „Klebemediums“ (Branchenjargon), die seinem Erfinder den Necknamen Säulenheiliger eintrug.

Dass nach den Telefonzellen mit den Litfaßsäulen weitere klassische Stadtmöbel rar werden, ist wiederum einem Strukturwandel in der Kommunikationstechnologie geschuldet. Neue Medien in zeitgemäßer Ästhetik erübrigen offenbar sukzessiv die bulligen Ankündigungs- und Werbeträger. Das dauert kulturkonservative Zeitgenossen naturgemäß. In Berlin beruft man sich derzeit wehmütig auf den Einband des Kinderbuchklassikers „Emil und die Detektive“ (1929), den das hierzulande wohl meistverbreitete Exemplar einer Werbeanschlagsfläche ziert: Hinter der an einer Kreuzung in Wilmersdorf postierten Konstruktion verbirgt sich Kästners Titelheld während seiner Fahndung nach dem dreisten Dieb Max Grundeis.

An dieser Stelle war tatsächlich im Jahr, als der Roman erschien, eine Säule aufgestellt worden. 90 Jahre später indes steht zwar am nämlichen Ort noch eine drei Meter hohe Röhre neuerer Bauart. Doch dient sie nicht dem Avis eines Konzerts, sondern für den Hinweis auf die Bedrohung eines Kulturgutes. „Erhaltet diese Säule!“ lautet der in Schreibschrift verfasste Hilferuf auf dem einfarbig übertapezierten Werbeträger, dessen Anmutung für gewöhnlich durch ein buntes Erscheinungsbild und einander überlappende Plakate dominiert wird.

Neuordnung des Werbemarkts

In Berlin gibt es mit respektablem Abstand die meisten Litfaßsäulen deutschlandweit – noch. Auch die Wahl der Standorte ist ungewöhnlich – noch. Sogar auf manchem Schulhof sind sie und ihre plakativen Botschaften zu besichtigen. Doch eine bereits beschlossene Neuordnung des Werbemarkts fordert ihren Tribut. Sie führt dazu, dass das bislang in Sachen Außenwerbung federführende Unternehmen Wall bis auf 50 Anschlagssäulen, die gewissermaßen zu Denkmälern ihrer selbst umgewidmet werden sollen, stadtweit im höheren dreistelligen Bereich Klebeflächen demontieren, suspendieren, abreißen will.

Aus materiellen Erwägungen geht das in Ordnung. Schließlich ist der Beton, aus dem die Säulen mehrheitlich gefertigt sind, durch Witterungseinwirkung vielfach porös geworden. Zwar hat die schwäbische Firma Ilg, die in der Hauptstadt künftig den Außenwerbungssektor betreut, angekündigt, von den derzeit etwa 2500 Säulen-Standorten 1500 weiter zu betreiben. Doch inwieweit sich das sympathische, aber anachronistische Medium in Zeiten der Expansion bewegter Digitalwerbung in den kommenden Jahren überhaupt noch rechnen kann, scheint nicht absehbar.

Auch in unserer Region ist die Anzahl der nach Litfaß benannten zylindrischen Obelisken rückläufig – und das seit Jahren. Bereits 2005, als sich der Geburtstag der ersten aufgestellten Säule zum 150. Mal jährte, verzeichnete die Stadt Verden einen Rückgang von 30 Exemplaren auf acht – innerhalb von fünf Jahren. Damals nannte ein Sprecher des Fachbereichs Straßen- und Stadtgrün Verden die Säule unsentimental „Auslaufmodell“.

Guten Mutes

Ähnliche Entwicklungen und Einschätzungen sind aus weiteren Kleinstädten, aber auch aus einer Metropole wie Hamburg bekannt, wo die Ziffer von Litfaßsäulen, auf denen Unternehmen werben, in den vergangenen zehn Jahren von 879 auf 380 zurückgegangen ist. Zwar werden mittlerweile auf einer stattlichen Anzahl Kulturtermine plakatiert – deren Zahl stieg von 223 auf 520 –; mindestens 200 Säulen aber sind irreversibel aus dem Stadtbild, für das sie einst prägend waren, verschwunden. Der tendenzielle Rückgang dürfte auch für Bremen gelten; eine Anfrage an die zuständige Baubehörde blieb am Montag unbeantwortet.

Auskunft hingegen erteilt Jochen C. Gutzeit, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Außenwerbung. Er sieht das „Medium nicht vom Aussterben bedroht“. Vielmehr profitierten auch die Säulen von der technischen Entwicklung, indem deren Illumination und also deren Wahrnehmbarkeit längst Standard sei. „In Innenstädten bleibt die Litfaßsäule ein begehrtes Medium.“ Das gelte zumal für Kultureinrichtungen mit geringem Werbe-Etat, die pro Tag für ein DIN-A-1-Format etwa einen Euro aufwenden müssten.

Guten Mutes, die Litfaßsäule in kleineren Kontingenten zu erhalten, ist auch der Zukunftsforscher Tristan Horx: Im „Zeitalter der Nostalgie, des Retrotopia“ erfreue sich die Litfaßsäule einer Wertschätzung, die eng mit einem vertrauten Stadtbild verbunden sei.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+