Literatur Lockendrehen auf der Glatze

Wozu das Feuilleton taugt, soufflierte der Kulturkritiker Karl Kraus. Aber auch jenseits kunstvoller Frisuren ist die Kulturberichterstattung schön, wahr und gut, wie eine aparte Anthologie lehrt.
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Lockendrehen auf der Glatze
Von Hendrik Werner

Wir vom Feuilleton stehen unter Generalverdacht, was umwegige, blumige und anachronistische Formulierungen angeht. Bei entsprechenden Vorwürfen, die uns alle Tage wieder ereilen (zuletzt: „lächerliches Wortgeklingel“), mag auch Neid eine Rolle spielen. Schließlich können nicht alle Menschen randständige Ausdrücke wie sintemal, alldieweil und gleichwohl benutzen, ohne dass jemand Zweifel an ihrem Geisteszustand äußert. Wer ein Feuilleton schreibe, drehe Locken auf einer Glatze, hat Karl Kraus beschieden. Ohne rhetorische Kunstgriffe und Abschweifungen geht das naturgemäß nicht. Denn was Friseure können, können nur Friseure.

Wer glaubt, der Auftakt dieses Textes bestätige alle Vorurteile über Dampfplauderer, nehme zum einen zur Kenntnis, dass der Bullshit-Index des ersten Absatzes laut der Internet-Software „BlaBlaMeter“ geringfügig ist. Zum anderen lenke er den Blick auf eine von den Germanisten Hildegard Kernmayer und Erhard Schütz herausgegebene Anthologie. „Die Eleganz des Feuilletons“ heißt das Buch, das Formen und Figuren, Möglichkeiten und Meinungen, Themen und Thesen der Kulturberichterstattung versammelt. „Literarische Kleinode“ heißt die Blütenlese im Untertitel; zu den Beiträgern zählen die klassischen Granden dieser Branche: Alfred Polgar, Joseph Roth, Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch, Egon Friedell, Robert Walser – und naturgemäß Karl Kraus.

Es ist vor allem die spielerische und unterhaltsame Form, an der diesen legendären Feuilletonisten gelegen war. Nichts gegen den informativen Gehalt der Sprache. Aber Denken heißt laut Ernst Bloch Überschreiten. Schreiben auch.

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