Skurriler Essayband

Autorin Lee erzählt die Weltgeschichte in 50 Hunden

In dem skurrilen Essayband „Eine Weltgeschichte in 50 Hunden“ erzählt die Autorin Lee Geschichte auf ganz Art als üblich. Interessant ist dies nicht nur für Hundefreunde.
13.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Autorin Lee erzählt die Weltgeschichte in 50 Hunden
Von Patricia Friedek
Autorin Lee erzählt die Weltgeschichte in 50 Hunden

Die Essays von Mackenzi Lee sind mit liebevollen Zeichnungen geschmückt.

Illustration: Petra Eriksson /Suhrkamp

Wie schön wäre es doch, wenn das Coronavirus durch die einfache Berührung mit einer Hundezunge geheilt werden könnte – so, wie man es dem Vierbeiner des heiligen Rochus von Montpellier nachsagt, der gemeinsam mit seinem Herrchen als Schutzpatron gegen die Pest von Südfrankreich nach Rom zog. Der Überlieferung zufolge leckte der Hund des St. Rochus die Geschwüre der an Pest Erkrankten ab, woraufhin sie bald auf wundersame Weise heilten.

Natürlich trug den Erzählungen nach nicht nur der Hundespeichel zur Heilung bei, sondern auch die vielen Gebete und Berührungen, die der heilige Rochus und sein Hund an die Kranken herantrugen. Später erkrankte auch das Herrchen an der Pest – darauf folgt die herzzerreißende Geschichte seines Hundes, der täglich einen Laib Brot stahl und ihn dem geschwächten St. Rochus brachte. Bis sich der Bestohlene persönlich aus Ergriffenheit über das treue Tier um den kranken Rochus kümmerte.

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Diese ist nur eine der zahlreichen Anekdoten, die Mackenzi Lee in ihrem außergewöhnlichen Essayband „Eine Weltgeschichte in 50 Hunden“ erzählt. Mit viel Humor beschreibt die amerikanische Autorin in blogartigen Einträgen die Beziehung zwischen Hund und Mensch in der Geschichte der Welt. Das Wort Welt ist an dieser Stelle vielleicht ein wenig hochgegriffen, da sich naturgemäß auf knapp 200 Seiten nicht die Geschichte eines jeden Landes der Erde erzählen lässt. Lee geht in ihren Essays auf wichtige Ereignisse oder Persönlichkeiten in der Geschichte ein und verknüpft sie mit ihren zugehörigen Hunden: Vom ersten Hund, dessen Namen wir kennen, und welche Bedeutung die Vierbeiner für das alte Ägypten hatten, über Hitler, der eine sprechende Hundearmee aufziehen wollte, bis hin zu den Rettungshunden vom 11. September 2001.

Aktueller Bezug

So muss der Leser oder die Leserin nicht unbedingt der größte Hundefan sein, um aus diesem Buch etwas zu lernen – Lee reichert jede Geschichte mit historischen, kulturellen oder naturwissenschaftlichen Fakten an. Damit ruft sie den ein oder anderen in Vergessenheit geratenen Umstand zurück ins Gedächtnis; etwa wann genau nochmal die Titanic den Eisberg rammte oder wie sich die naturwissenschaftliche Revolution noch gleich zutrug. Nichtsdestotrotz wird wohl kaum jemand, der so gar keine Beziehung zum sogenannten treusten Freund des Menschen hat, zu diesem Buch greifen. Dafür sind die Informationen, die Lee in ihrem Band über Hunde sammelt, zu spezifisch. In kleinen „Wuffnoten“ – also Fußnoten – zum Beispiel gibt die Autorin Details zu bestimmten Rassen oder erklärt, welche Rolle sie in diesem oder jenen Kontext spielten.

Was jedoch definitiv einen Blickfang darstellt – ob man nun Hundefan ist oder nicht – sind die kreativen und liebevollen Zeichnungen von Petra Eriksson, mit denen Lees Band illustriert ist. Sie zeigen etwa Abraham Lincolns Mischling Fido, der für den US-Präsidenten Pakete durch Springfield trug, oder einen Hund mit Gasmaske während des Ersten Weltkriegs.

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Die Essays von Lee lesen sich, als würde eine sehr lustige Freundin einem Geschichten erzählen. So kann es durchaus vorkommen, dass sie den Xolo, einen Nackthund, mit einem Hodensack vergleicht. Oder sich bei ihrer Mama entschuldigt, dass sie das Wort „Kackhaufen“ benutzt hat. Trotz der Überlieferungen, die teilweise aus wirklich alten Zeiten stammen, schafft es Mackenzi Lee regelmäßig, einen Bezug zum Heute herzustellen, zum Beispiel zu sozialen Medien wie Twitter und Instagram.

An einem Stück wird jedoch wahrscheinlich auch der größte Hundeliebhaber nicht in diesem Band lesen, egal, wie vernarrt er oder sie in die Vierbeiner ist. Das ist aber auch kein Problem, denn obwohl die Geschichten chronologisch erzählt sind, steht jedes Essay für sich.

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Lee ist bei ihrer Sichtweise auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund keinesfalls unvoreingenommen: Sie besitzt selbst eine Bernhardiner-Hündin namens Queenie, die ihr Frauchen bereits im Vorwort mit der feuchten Nase anstupst. Zwischendurch kommen in Lees Essays leicht misanthropische Töne durch, in denen sie betont, wie viel besser Hunde doch im Gegensatz zu Menschen seien.

Auch aus ihrer antisexistischen und feministischen Einstellung macht Lee in „Eine Weltgeschichte in 50 Hunden“ keinen Hehl. Sie hat bereits mehrere Bücher zu Themen wie Gleichberechtigung oder Sexismus veröffentlicht, das bekannteste ist wohl „Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans.“ Ein Essayband über die Weltgeschichte zu schreiben, ohne Gesellschaftskritik zu äußern, wird kaum möglich sein. Dennoch hätte Lees aktueller Band den ein oder anderen bissigen Kommentar über alte weiße Männer nicht gebraucht.

Weitere Informationen

Mackenzi Lee: Eine Weltgeschichte in 50 Hunden. A.d. Engl. von Daniel Beskos. Suhrkamp Verlag, Berlin. 190 Seiten, 18€

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