Interview mit Blixa Bargeld

„Magenschläge und Kinnhaken“

Die Einstürzenden Neubauten spielen am 22. November im Metropol-Theater Bremen. im Vorfeld spricht Frontmann Blixa Bargeld im Interview über das Greatest-Hits-Programm, Familie und das Barfußlaufen.
16.11.2018, 13:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Sie haben gleichzeitig in drei Städten auf drei Kontinenten gelebt. Warum liegt Ihr Lebensmittelpunkt jetzt wieder in Berlin?

Blixa Bargeld: Ich habe ja eine Tochter, die hier zur Schule geht. Das macht es erforderlich, dass man mehr oder weniger an einem Platz bleibt. Dass sie in Peking zur Schule geht, wollte ich nicht.

Fehlt Ihnen der Luxus, sich nicht auf einen Ort festlegen zu müssen?

Peking hatten wir schon zur Olympiade 2008 aufgegeben, aber es waren eine Zeit lang tatsächlich drei Orte. Das war interessant, aber es fehlt mir jetzt nicht. Ich bin ganz glücklich in Berlin, ich bin ja ein alter Westberliner. 2010, als meine Tochter zwei Jahre alt war, haben wir auch San Francisco aufgegeben und sind nach Berlin-Mitte gezogen. Das war für mich damals Terra incognita. Ich bin zwar in Berlin, aber gleichzeitig lebe ich in einer anderen Stadt.

Erkennen Sie „Ihre“ Stadt noch wieder?

Es ändert sich schon. Ich habe die ersten 30 Jahre meines Lebens größtenteils in Westberlin verbracht. Wenn ich in da bin, dann kann ich sagen, hier war meine Zahnärztin und da war meine erste Freundin. In Ostberlin ist gar nichts.

Wie findet Ihre Tochter Ihre Musik?

Sie ist darauf stolz. Wir müssen sie immer davon abhalten, auf die Bühne zu kommen.

Bringt sie Musik mit nach Hause, mit der Sie sich dann in irgendeiner Form auseinandersetzen müssen?

Nein, so weit ist sie dann doch noch nicht.

Hat die Rolle als Vater einen Einfluss auf Sie als Künstler?

Wenn es diesen Einfluss gibt, dann könnte ich den nicht benennen. Ich bin ja fast 60 Jahre alt, das hat sicherlich einen Einfluss auf mich als Künstler.

Wie leben Sie Ihre Vaterrolle? Blixa Bargeld beim Elternabend – das kann man sich nur schwer ausmalen.

Ist aber so!

Dann gibt es Blixa Bargeld auf der Bühne – aktuell mit einem Greatest-Hits-Programm der Einstürzenden Neubauten. Wie viel Ironie ist in diesem Albumtitel mitgedacht?

Sicherlich jede Menge. Ein Hit kann ja im Englischen alles Mögliche heißen. Wenn wir mal an den Boxsport denken, dann sind unsere „Greatest Hits“ vielleicht irgendetwas zwischen Magenschlägen und Kinnhaken. Alles, was wir auf dem gleichnamigen Album versammelt haben, ist das, was wir auf der Bühne spielen. Ein klassisches Set aus den vergangenen zehn Jahren, entwickelt aus dieser Formation der Einstürzenden Neubauten.

Also eher ein Soundtrack zur Tour, kein Resümee zu einem bestimmten Anlass?

Ein Merchandise-Artikel, wenn Sie so wollen. Man mag es ja kaum glauben, aber es gibt sehr viele Leute im Publikum, die noch nie Neubauten gehört haben. Das Publikum wächst nach, und deswegen habe ich gedacht, es wäre sinnvoll; wenn jemand wissen will, auf welchem Album ist das Stück, wo die Aluminiumstäbchen runterregnen, dann ist das auf diesem Album. Das ist sozusagen das Einführungsangebot.

Wenn Sie diese Ansammlung Ihrer Hits betrachten, sehen Sie eine logische Entwicklung oder sehen Sie eher Brüche?

Ich kann beides sehen. Wir haben ja gerade ein verschollenes Album wiederveröffentlicht, das „Supporters‘ Album #2“, das nur unseren damaligen Unterstützern zugänglich war. Da kann ich sehr genau nachvollziehen, wie das der Übergang vom Album davor, „Perpetuum Mobile“ zu dem danach, „Alles wieder offen“, war. Aber das ist für einen Außenstehenden wahrscheinlich nicht so, der wird eher Brüche hören.

Sie haben sich einst als „genialen Dilletanten“ (in dieser Schreibweise) bezeichnet. Ist Ihnen das Dilettantentum mittlerweile abhandengekommen?

Kann man so sagen, ja. Ich kann ja nicht 40 Jahre etwas tun und so tun, als würde ich nichts dazulernen. Es ergibt sich automatisch. Das, was ich 1980 als „genialer Dilletant“ machen konnte, kann ich heute gar nicht mehr so machen, weil ich nicht so tun kann, als ob ich nicht wüsste, was ich tue. Man kann ja auch nicht behaupten, man sei Amateur und gibt jedes Jahr in der Steuererklärung als Beruf professioneller Musiker an.

Gibt es Entscheidungen in diesen fast vier Jahrzehnten, die Sie bereuen?

Was ich tatsächlich bereue, ist damals einen Plattenvertrag bei Some Bizarre unterschreiben zu haben. Eine Plattenfirma, die nachweislich keinen einzigen ihrer Künstler bezahlt hat, und die immer noch ihr Unwesen treibt. Das Label hat immer noch die Rechte an unseren ersten vier Alben, abgesehen von „Kollaps“, und wir haben bis heute keinen einzigen Cent dafür bekommen.

Und aus künstlerischer Sicht?

Es gibt Stücke, die ich weniger mag als andere. Aber es ist keins dabei, für das ich mich wirklich schäme.

Gefällt es Ihnen, dass sich Leute sehr schwer damit tun, Ihre Musik stilistisch einzuordnen?

Früher gab es in den Plattenläden diese „Divider“, heute gibt es Tags. So oder so ist es schwierig, etwas Passendes für uns zu finden. Das bleibt dann meist bei Industrial hängen – dafür kann ich nichts, ich hätte mir auch nie angemaßt, das so zu nennen! Früher, als ich noch klein war, war Industrial für mich etwas anderes, so etwas wie Throbbing Gristle. Heute ist es alles, was nirgendwo sonst rein passt.

Wie würden Sie denn Ihre Musik einordnen?

Als „New No New Age Advanced Ambient Motor Music Machine“. Das gleichnamige Stück auf dem Album „Ende Neu“ war die Einordnung, als Spiel mit diesen Kategorien. Ich kann Ihnen eine lustige Geschichte erzählen, die mir Teho Teardo berichtet hat: Teho lebt in Rom und geht in den Supermarkt, um Zucchini zu kaufen. Was läuft im Supermarkt für Musik? „The Garden“ von Einstürzende Neubauten. Er guckt zur Seite, und neben ihm steht Willem Dafoe und fragt ihn, was ist das für Musik? Ich hatte das mal in einem belgischen Supermarkt, da lief „The Willow Garden“ von den Bad Seeds. Aber neben mir stand nicht Willem Dafoe.

Sie haben Ihre Beschäftigung als Gitarrist bei den Bad Seeds 2003 aufgegeben.

Das hatte einige Gründe, aber keiner von denen war von persönlicher Natur in Bezug auf Nick Cave oder andere in der Band. Musikalisch war ich etwas gelangweilt, aber vor allem war es so, dass eine Ehe und zwei Bands zu viel geworden wären. Meistens ist die Frau ja das fünfte Rad am Tourbus oder sie kommt wie Yoko Ono auf die Bühne und schneidet Stoffreste klein. Das hätte nicht funktioniert. Der Arbeitsstil hatte sich auch sehr verändert, das war irgendwann nicht mehr von Interesse für mich. Bei „From Her To Eternity“ wurde noch viel ausprobiert, bei „Nocturama“ bekam ich nur noch die Chord-Charts, und dann habe ich im Studio in Australien acht Stücke an einem Tag eingespielt. Außerdem gab es Probleme mit dem Management, die durch meine Kündigung dann endlich mal gelöst wurden. Wir reden von Plastiktüten voll Geld, die irgendwo versteckt waren.

Wie ist ihr Verhältnis zu Nick Cave heute?

Gut. Ich schreibe ihm zum Geburtstag eine E-Mail, und er schreibt mir eine. Es gibt ja viele Leute, mit denen ich kein Problem habe, und trotzdem nicht ständig kommuniziere. Das letzte Mal, das ich Nick gesehen habe, war als wir den Film „20000 Days On Earth“ gedreht haben. Ab und zu schreiben wir uns mal, aber nichts Bedeutendes. Es ist wie Nick neulich mal in einem Interview sagte: Er könne sich vorstellen, dass ich eines Tages wieder da bin und mitspiele. Wir haben da kein Zerwürfnis.

Wie geht es mit dem Werk der Einstürzenden Neubauten weiter?

Wir haben gerade etwas beendet, über das ich noch nicht sprechen darf.

Und warum treten Sie bei den Einstürzenden Neubauten auf der Bühne barfuß auf?

Nicht nur ich, Alexander Hacke ist ebenfalls barfuß, und das ist der Clou: Wir verständigen uns über unsere Fußsohlen. Wenn ich Schuhe anhätte, könnte ich die Vibrationen des Bodens nicht so genau wahrnehmen wie barfuß. Oder man würde bei Taktangaben draußen ein Klacken hören. Die Füße sind ein zusätzliches Wahrnehmungsorgan für uns.

Das Gespräch führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Blixa Bargeld

wurde am 12. Januar 1959 in Berlin als Christian Emmerich geboren. 1980 gründete der Sänger die Band Einstürzende Neubauten, von 1983 bis 2003 spielte er zudem als Gitarrist bei Nick Cave And The Bad Seeds. Bargeld ist auch Schauspieler, Sprecher und Performance-Künstler und in zahlreichen anderen musikalischen Projekten aktiv. Am Donnerstag, 22. November, tritt er mit den Einstürzenden Neubauten im Bremer Metropol Theater auf.

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