Kolumne „Müßiggang“

Mainstream, Busen-Attentat, 68er-Sound

„Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“, heißt es in einem dialektisch wertvollen Zweizeiler F. W. Bernsteins. Um die Ambivalenz von 1968 geht es auch in Hendrik Werners Kolumne.
06.10.2018, 12:15
Lesedauer: 1 Min
Zur Merkliste
Mainstream, Busen-Attentat, 68er-Sound
Von Hendrik Werner

Quizfrage: Wem verdanken wir die folgende Verunglimpfung? „Was nützt einem die Gesundheit, wenn man ansonsten ein Idiot ist?“ Stammt dieser Satz a) von Gesundheitsminister Jens Spahn, b) von Bildungsministerin Anja Karliczek, c) von der Bremer Volkshochschule, die im kommenden Jahr 100 wird, oder d) von dem eloquenten Soziologen Theodor W. Adorno?

Des Rätsels Lösung lautet – tätärätä! – Adorno, den Fans wegen seines bärigen Aussehens Teddy nannten. Er war eine Galionsfigur der 1968er-Bewegung – und zugleich eines ihrer Opfer. Sehr demütigend war, was dem Professor aus Frankfurt am Mainstream am 22. April 1969 widerfuhr: Bei seiner Vorlesung „Einführung in das dialektische Denken“ umringten ihn drei offenbar kerngesunde, aber immens idiotische Studentinnen in Lederjacken, versuchten ihn zu küssen – und entblößten ihre Brüste vor ihm. Der schockierte Sozialphilosoph hielt sich seine Aktentasche schützend vor das Gesicht und verließ weinend den Hörsaal. Auf der Tafel hatten sich die Busen-Attentäterinnen mit Kreide einen unbeholfenen Reim auf die Aktion gemacht: „Wer nur den lieben Adorno lässt walten, / der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten.“ Es sollte die letzte Vorlesung Adornos sein. Wenige Wochen später starb er an einem Herzinfarkt.

Zum Jubiläum des Revoluzzerjahres 1968 müssen auch solche betrüblichen Geschichten erzählt werden. Sie geben eine Ahnung von jener metallischen Kälte (und jener beachtlichen Blödheit), mit der einige opponierenden Studenten gegen das vermeintliche Establishment vorgingen. Der Müßiggänger hingegen, der mäßige Gänge im Zeichen der Stoa mehr schätzt als blinden Aktionismus im Zeichen des Sozialismus, mag naturgemäß weder hektische Bewegungen noch Gewaltmärsche durch Institutionen.

Umso mehr hatte er sich zur Beschwörung des Geistes von 1968 auf sonor und ausgeruht klingende Tondokumente gefreut, die der Kunstmann-Verlag unter dem titanischen Titel „Was war, was bleibt. Die 68er und ihre Theoretiker“ feilzubieten vorgibt. Aber ach! Wer Adornos jovial schnarrende Stimme vernimmt (oder Max Horkheimers penetrantes Schwäbeln oder Herbert Marcuses bizarre Betonung), wird jähes Verständnis für studentische Attacken aufbringen. „Der Ton macht die Musik“, sagt meine Oma. Sie hält Adorno übrigens für den Namen einer Diskothek.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+