Neues Album der Bremer Metal-Band Sorrowfield

Mal hart, mal zart

Die Metal-Band Sorrowfield gibt es bereits seit 2002. Jetzt haben die fünf Bremer mit „Nightsky Dragonfly“ ihren fünften Longplayer veröffentlicht. Ein Besuch im Probenraum.
14.01.2020, 18:36
Lesedauer: 4 Min
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Mal hart, mal zart
Von Alexandra Knief
Mal hart, mal zart

Die Bremer Metal-Band Sorrowfield hat gerade ihr fünftes Album "Nightsky Dragonfly" veröffentlicht.

Shutterrocker/ANDREAS MUELLER

Sie sieht nicht gerade einladend aus, macht aber neugierig: die beschmierte, mit Stickern beklebte Stahltür inmitten des Findorff-Tunnels. Was könnte sich nicht alles dahinter verbergen? Ein geheimer Szene-Club, ein Tattoostudio, das nur Insider kennen, oder gar eine Treppe, direkt in die Unterwelt? Die Wahrheit ist dann aber doch banaler und viel weniger zwielichtig, als der äußere Eindruck mutmaßen lässt. Wer durch die Tür tritt und einem langen, mit Graffiti besprühtem Gang folgt, steht mitten auf dem Gelände des Güterbahnhofs, wo sich unter anderem Bandprobenräume diverser Musiker befinden.

Auch die Bremer Metal-Band Sorrowfield probt hier. Entspannt und mit einem Bier in der Hand sitzen die fünf Bandmitglieder in einer Sitzecke des mit Postern und Klimbim voll gehängten Probenraums, während laute Musik einer anderen lokalen Formation aus dem Nebenraum hinüberschallt. Auf dem Boden liegen alte rotbraune Perserteppiche, in der Luft hängen Nebelschwaden. Hier wird nicht nur geprobt, sondern auch ordentlich geraucht.

Name entstand aus Missverständnis

Seit 2002 gibt es Sorrowfield. Seit 2007 spielt die Band in ihrer aktuellen Besetzung. Alle Mitglieder machen seit ihrer Schulzeit Musik, die zwei Gitarristen Martin Rolbiecki und Steven Lackmann sowie Schlagzeuger Oliver Schulz haben schon in den 90er-Jahren zusammen in einer Schülerband mit dem Namen Mass Insanity gespielt. „Früher hat man sich noch keine Gedanken über den Bandnamen gemacht. Die Hauptsache war, dass er cool klingt“, sagt Rolbiecki und fügt nach einer kurzen, nachdenklichen Pause hinzu. „Naja, irgendwie ist das heute auch noch so.“ Der Bandname Sorrowfield entstand durch einen Textverhörer bei einem Titel der schwedischen Death-Metal-Band Dismember. „Sorrowfilled“ heißt dieser, wurde von den Bremer Musikern allerdings etwas falsch verstanden.

Aus dem Nebenraum dröhnt noch immer Musik. Im Probenraum von Sorrowfield wird die nächste Zigarette angezündet und noch ein Bier geöffnet. Zwei pinkfarbene Neonröhren an der Wand lassen den Raum noch nebeliger erscheinen, als er tatsächlich ist. Ein Deko-Totenschädel in der Mitte des Tisches komplettiert das schummrig-düstere Ambiente. „Wir proben jeden Freitag“, sagt Sänger Marco Bianchi, während er und die anderen noch immer auf der Couch sitzen und noch kein Ton gespielt wurde. Und schließlich geben dann auch die Bandmitglieder zu, dass sie nie den ganzen Abend konzentriert durchproben. Meist sitze man erst einmal eine Weile zusammen und schnacke.

Wie es sich für eine Metal-Band gehört, gibt es im Probenraum am Güterbahnhof so einiges zu entdecken, das dem düsteren Image gerecht wird. Darunter dieser Deko-Totenschädel, der wohl einst als Kerzenständer diente.

Wie es sich für eine Metal-Band gehört, gibt es im Probenraum am Güterbahnhof so einiges zu entdecken, das dem düsteren Image gerecht wird. Darunter dieser Deko-Totenschädel, der wohl einst als Kerzenständer diente.

Foto: Alexandra Knief

Musikalisch ordnen Sorrowfield sich zwar dem Metal zu, einfach in eine Schublade stecken kann man sie aber nicht. „Unsere Musik spielt ein bisschen zwischen den Stühlen“, sagt Sänger Marco Bianchi. „Die, die wirklich krassen Metal hören, finden uns zu soft.“ Oder wie Bassist Thomas Kattwinkel es ausdrückt: „Wir sind mal hart, mal zart“. Tatsächlich kommt ein großer Teil der Sorrowfield-Titel trotz harter Töne melodisch daher, verwischt die Grenzen zwischen Alternative Rock, Heavy Metal und anderen Ausprägungen. Dass jedes Bandmitglied Einflüsse aus unterschiedlichen Richtungen mitbringt, höre man auch in der Musik, so Rolbiecki. Metallica oder Iron Maiden seien genauso Inspirationsquelle gewesen wie die finnische Heavy-Metal-Band Sentenced und verschiedene Formationen aus Skandinavien. „Ich höre auch gerne Selig und Madsen, damit brauch ich hier aber gar nicht ankommen“, so Rolbiecki.

Einen Bandleader gibt es nicht. Bei der Entwicklung der Lieder versuche man stets, allen gerecht zu werden. Jeder habe seine Aufgaben. Bianchi schreibt zum Beispiel die Texte für die Songs. Häufig gehe es darin um philosophische Fragen, aber auch das alte Ägypten, die nordische Mythologie oder das Alte Testament faszinieren den Bremer.

Fünf Longplayer in Eigenregie

Hauptberuflich gehen alle anderen Tätigkeiten nach – arbeiten in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Werbe-, IT- und Versicherungsbranche oder als Ingenieur. Dennoch hat es die Band geschafft, seit ihrer Gründung mehrere EPs und fünf Longplayer in Eigenregie zu veröffentlichen. Einnahmen aus Konzerten und dem Verkauf von CDs und Fanartikeln fließen immer direkt in neue Projekte, betont Bianchi. Ihr neuestes Werk, „Nightsky Dragonfly“, soll am 18. Januar (20 Uhr) bei einem Konzert und einer Record-Release-Party in der Zollkantine präsentiert werden. Beim Albumtitel und beim gleichnamigen Song auf der CD hat Bianchi sich viele Gedanken gemacht: Es geht um das Thema Unendlichkeit – im Großen und im Kleinen. Für den Rest der Band war bei dem Titel des Albums, an dem die Musiker vier Jahre gearbeitet haben, wie schon beim Bandnamen vor allem eines wichtig: „Er klingt gut.“

Und schließlich wollen Sorrowfield doch nicht mehr nur über sich und ihre Songs reden. Schnell noch ein Schluck Bier und dann werden die Instrumente gestimmt. Rolbiecki, Lackmann und Kattwinkel greifen in die Saiten, und der Boden vibriert. Wo eben noch gescherzt und rumgelungert wurde, sieht man plötzlich konzentrierte Gesichter. Und schnell wird klar: Auch wenn die fünf Männer den Raum gern als Treffpunkt nutzen, nehmen sie ihre Musik sehr ernst. Sie ist nicht nur ein Hobby, sie klingt routiniert und hochprofessionell. Geprobt werden mit „Nightsky Dragonfly“, „Good Mourning“ und „Marble“ Songs vom neuen Album. In der rockigen Ballade „Marble“ hat Sänger Bianchi eine sehr persönliche Geschichte über eine verstorbene Person verarbeitet. Für dieses Lied plant die Band, auch ein Musikvideo zu produzieren.

Insgesamt wollen Sorrowfield sich nach einer langen Phase des Schreibens und Produzieren nun wieder mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Neben dem Konzert in der Zollkantine steht im Herbst unter anderem noch ein Auftritt in Bassum an. Weitere Termine sind in Arbeit. Bleibt also zwischendurch noch viel Zeit, die Sorrowfield in ihrem Probenraum verbringen kann. In der Couchecke genauso wie an ihren Instrumenten.

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