Weserburg zeigt Arbeiten des New Yorker Ray Johnson Mann der wild gewordenen Ideen

Bremen. Die New York Times nannte Ray Johnson den „berühmtesten unbekannten Künstler in New York“. Die Weserburg zeigt jetzt eine reiche Auswahl früher Arbeiten aus der Bremer Sammlung Schnepel.
03.06.2012, 10:29
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer B. Schossig

Bremen. Die New York Times nannte Ray Johnson den „berühmtesten unbekannten Künstler in New York“. Die Weserburg zeigt jetzt eine reiche Auswahl früher Arbeiten aus der Bremer Sammlung Schnepel.

Kunst ist oft Produkt eines glücklichen Moments, der nicht greifbar, selten verlängerbar und nie rückholbar ist. Was in solchen Momenten des Dazwischen entsteht, was „von andern nicht bedacht oder nicht gewusst“, kann gelegentlich überleben wie in einer Zeitblase, um irgendwann wieder aufzutauchen. So verhält es sich auch mit Ray Johnson. Was da jetzt im Museum Weserburg ausgebreitet ist, gehört zum Poetischsten und zugleich Eigensinnigsten, was dort seit Langem zu sehen war. Widerborstige Kritzeleien, verrückte Collagen, hintersinnige Wort-, Silben- und Buchstabenspiele. Ein sehr kleines Eldorado wild gewordener Ideen, kurzlebiger Einfälle und bildgewordener Bonmots.

Wie so viele erlernte Ray Johnson (1927-1995) sein Handwerk am legendären Black Mountain College, bei dem exilierten Bauhaus-Künstler Josef Albers. Hier traf er Cy Twombly, Frank Stella, John Cage und andere Weggefährten. Nach figürlichen Anfängen brach Johnson mit der Gegenständlichkeit und begann Collagen, Informelles zu produzieren.

Erfinder der Mail Art

Zugleich entwickelte er früh eine Art genialischen Kommunizierens mit Zeitgenossen, Künstlern und Geistesverwandten; darunter waren später so berühmte Kollegen wie Arman, Beuys und George Brecht, Richard Hamilton, Yoko Ono und Ben Vautier. Mit allen war Ray Johnson ein Leben lang verbunden, stand in Brief- und Gedankenaustausch. Er gilt als Erfinder und Begründer der Mail Art – also einer Kunst des kommunikativen Prozesses, der sich in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren noch mithilfe der Post analog entfalten musste. Johnsons Werke sind so gleichsam unterwegs, als Botschaften, die beantwortet oder zerschnitten, neu zusammengeklebt, weiterverschickt wurden, und gelegentlich sogar – in völlig anderer Form – wieder beim Absender ankamen.

„I like Funny Stories“ – so der Titel der Ausstellung, die der Kurator Ingo Clauß intelligent und heiter zusammengestellt hat. Eine der Arbeiten Ray Johnsons hat den Titel „I like Funny Stories – Haha, Haha, Haha“. Dieses homerische Comix-Lachen ist wichtig für das Verständnis dieses Künstlers. Johnson schafft sich mit seinem Bunny Head, einem verstörten Hasenkopf, eine Art Privat-Signet, in seiner Ikonografie tauchen Elvis Presley, James Dean oder Lucky Strike auf, Banal-Logos, wie sie später in der Pop Art gang und gäbe wurden. Er wird oft als Wegbereiter der Pop-Kunst und der Fluxus-Bewegung bezeichnet. Das stimmt aber nur insofern, als er mit all deren Vertretern befreundet war. Zugleich fußt seine Arbeit auf dadaistischen, surrealen Vorbildern wie Max Ernst und Kurt Schwitters. Seine Collagen nennt er „Moticos“, ein Anagramm des Wortes „osmotic“. Mit solchen freischöpferischen Mischworten, verwirrenden Bildunterschriften und bewusst irreführenden Datierungen gelingt Johnson so etwas wie Mythen- und Legendenbildung. Ein frei schwebendes und schwingendes Netzwerk entsteht, dessen Anfänge und Ursprünge ebenso verborgen bleiben wie die Intentionen, Utopien oder Zwecke des Künstlers. Kunst war für ihn zweck-, ziellos und wunschlos, kurz: utopielos. Mit all dem wirkt sein Tun erstaunlich aktuell. Und wenn man auch nicht sagen kann, dass er eigentlich im Geiste ein Erfinder des Internets war, so steht doch fest, dass er heute natürlich im Internet unterwegs wäre.

Die über 170 Exponate aus den Fünfziger- und Sechziger-Jahren stammen aus einer wohlbekannten Bremer Privatsammlung: Man darf Maria und Walter Schnepel dankbar sein, dass sie einen eigensinnigen Künstler-Künstler wie Ray Johnson so umfassend wie exemplarisch gesammelt haben. So kann die Weserburg jetzt einen der berühmtesten unbekannten Künstler New Yorks der Nachkriegszeit so profund wie anschaulich präsentieren.

Museum Weserburg, bis 2. September. Katalog im Salon Verlag, 128 Seiten 22 D .

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